Schweizer NaturparksVolkes stille Stimme

Seit fünf Jahren fördert der Bund strukturschwache Gegenden mit Naturparks. Alle sind begeistert. Alle? Nein, in manchen Regionen scheitern die Projekte. Und keiner weiß richtig warum. Eine Reportage aus dem Hinterland von Christoph Lenz

Blick über den Thunersee

Blick über den Thunersee  |  © pixelbude / photocase.com

Man steigt hoch, eine Stunde, zwei Stunden, über steinige Pfade, vorbei an Alphütten und Weiden, unter den Sieben Hengsten hindurch, die rechts in den Himmel springen; steigt also immer weiter hinauf ins Hohgantmassiv, sieht, wie im Norden und Osten die Emmentaler Hügel mehr werden. Und man denkt immerzu: Schön ist’s hier.

Vom Grünenbergpass geht es dann steil hinab, vierzig Minuten, bis hinter einer Wegbiegung der niedrige Schießstand erscheint. Fünfzig Meter weiter säumen die ersten Häuser von Habkern die Hänge. Schön ist’s auch hier. Aber die landschaftliche Pracht war ja noch nie das Problem rund um den Hohgant. Hier mangelt es an anderem: an Infrastruktur, an Geld, an Jobs. Deshalb ziehen die Leute weg, besonders die Jungen. In Eriz nimmt die Wohnbevölkerung seit zehn Jahren ab. Ein Schulhaus wurde bereits geschlossen. Auch Habkern schrumpft, seit 2003 um fünf Prozent.

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Verena Moser sitzt in Interlaken in einer Gartenwirtschaft, sie seufzt. Kaum jemand kennt diese Probleme besser als sie. Von 2003 bis 2010 waltete die SP-Frau als Gemeindepräsidentin von Beatenberg, westlich von Habkern, wo der Wähleranteil der SVP kaum je unter fünfzig Prozent fällt. Verena Moser ist der Beweis: Kleine Wunder passieren noch am Hohgant, aber die großen bleiben aus. Auch aus Beatenberg wandern die Leute ab. Fast 1500 Menschen zählte die Gemeinde Mitte der neunziger Jahre, 2009 waren es noch 1216.

Reden Politiker und Ökonomen von Gemeinden wie Beatenberg, Habkern oder Eriz und von Regionen wie dem Hohgant, dann nennen sie sie "strukturschwach". Verena Moser mag das Wort nicht. "Ich sage lieber ›ländlich‹." Die Ökonomen sehen die Probleme, Verena Moser will das Potenzial betonen. "Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind groß. Aber wir verfügen über eine intakte Natur, über wunderbare Landschaften. Das sind Werte, die helfen können, unsere Probleme zu überwinden."

So schwierig sollte das eigentlich nicht sein. Von Beatenberg dauert es mit dem Postauto nur 15 Minuten bis ins Epizentrum des Schweizer Alpentourismus: Interlaken empfängt jedes Jahr mehrere Millionen Besucher aus aller Welt. Es gibt Tourismus in allen Formen: Natur, Freizeit, Sport, Kongress, Wellness, Rucksack, Luxus. Ein bisschen davon müsste doch auch auf Beatenberg abfallen. Verena Moser deutet mit dem Arm zum Jungfraumassiv. "Jeder, der nach Interlaken kommt, blickt nur nach Süden: Grindelwald, Jungfraujoch, Schilthorn – das ist alles super. Aber wir im Norden sind auch noch da."

Es ist ein alter Konflikt: Die Bevölkerung der Randregionen will Bauland, Straßen, Unternehmen, Hotels und möglichst wenig Einschränkungen durch den Bund. Der Bund hingegen ist beauftragt, Landschaft und Natur zu erhalten, also schränkt er deren Nutzung ein. Wirtschaftsförderung gegen Umweltschutz, Gemeinden gegen den Staat, lange war das eine einseitige Sache.

Leserkommentare
  1. ...Details zu den Gründen der Gegner finden sich auch hier:
    http://www.derbund.ch/ber...

    Da spielen wohl persönliche Gründe ebenso eine Rolle, wie die Frage ob es was nützt, sowie mangelndes Vertrauen. Offenbar wurden die Fronten vorher nicht richtig erkannt, Vorurteile und Ängste nicht ausreichend ausgeräumt. Mir erschliesst sich auch nicht so richtig, warum man den Naturpark dann halt nicht für die zustimmenden Gemeinden umsetzt und die anderen erstmal draußen lässt. Wenn die Sache problemlos läuft und tatsächlich Vorteile bringt, können die ja noch nachziehen.

    • HMRothe
    • 05. September 2011 14:44 Uhr

    zu entscheiden und sehen wohl deshalb keine Veranlassung, sich in "Parkbewohner" (offizieller Ausdruck!) von Brüssel aus verwalteter EU-Exklaven zu verwandeln.

  2. ... in diesem Text hierzulande "groß" statt "gross" schreibt, hätte man auch den helvetischen Plural "Pärke" in "Parks" eindeutschen können ...

  3. Viele Sätze aus diesem Artikel finden sich fast gleich in einem Bericht über die Gegner des Nationalparks Bayrischer Wald:
    http://www.welt.de/wams_p...
    und auch beim Streit um den Nationalpark Steigerwald läuft es ähnlich, bis hin zu Sachbeschädigungen und Morddrohungen:
    http://waldportal.org/hei...

    Das Problem ist hier wie dort, das nicht mehr mündige Bürger sich Argumente anhören, sich eine eigene Meinung bilden und dann entscheiden.
    Stattdessen lassen sich immer mehr Menschen von "einflussreichen" Vorbetern (so muß man das wohl nennen) "instruieren" was sie zu denken und wie sie abzustimmen haben. Um nur ja nicht im festen Glauben an diese Instruktionen wankend zu werden, wird allen "Ketzern" vorsichtshalber Redeverbot erteilt, gleichzeitig will aber auch niemand aus einer solchen Sekte mit Aussenstehenden (Ungläubigen?) darüber reden, welchen Sinn die Instruktionen eigentlich genau haben und wer letztlich davon profitiert.

    Wie man eine Demokratie auch ganz legal abwählen kann, haben die Ungarn gerade demonstriert.
    Dass es bei uns, oder in der Schweiz, einmal genau so kommt wird immer wahrscheinlicher, wenn sich solche Zustände ausbreiten.

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