Die Reichen werden reicher, und deshalb gehören sie geschröpft . Klar doch – umso mehr heute, da Regierungen Banken und Pleitestaaten retten, mithin Aktionäre und Investoren. Diese Lesart ist plausibel. Auch Marktliberale sprechen von " moral hazard", vom "Anreiz zum Fehlverhalten". Die Botschaft lief so: "Bereichert euch. Kauft Risikoanleihen, die viel mehr bringen als deutsche. Oder hochverzinste Derivate. Geht’s schief, springt Vater Staat ein. Denn es gilt too big to fail."

Das wissen die Absahner, also werden sie weiter zocken. So belohnt der Staat das Laster. Daraus folgt allerlei Kapitalismuskritik, diesmal nicht gegen die Dickbäuche mit der Zigarre, sondern gegen die "Märkte". Wenn "die da" so reich geworden sind, und zwar unter dem Schirm der Allgemeinheit, dann sollen sie auch abgeben.

Bloß: Wen wollen wir eigentlich schröpfen? Die Versicherung, die unsere Policen ausgestellt hat? Die Banken, deren Aktienfonds wir gekauft haben? Hmm, die vielleicht nicht, aber warum nicht die Reichen als solche, die sowieso zu wenig Steuern zahlen. Was ist "zu wenig"? Bezogen auf das Jahr 2007, hat eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung festgestellt: Das unterste Fünftel der Steuerpflichtigen zahlt praktisch keine Steuern – jene, die weniger als 8.200 Euro pro Jahr an Rente oder Lohn beziehen. Interessanter ist das "reichste Zehntel": Das zahlt über die Hälfte (52 Prozent) des Steueraufkommens. Und die ganz Reichen – ein Prozent? Die waren (2002) für mehr als ein Fünftel des Steueraufkommens gut.

Wie reich sind denn die "Reichen", die Top-Ten-Prozent? Nicht besonders. Ihr Jahreseinkommen betrug 2007 im Durchschnitt knapp 90.000 Euro. Zahlen sie auch genug? Auf den ersten Blick nein, denn der effektive Steuersatz lag nicht etwa beim höchsten (heute: 42 Prozent), sondern bei 24 Prozent, die dadurch zustande kommen, dass allerlei (legale) Abzüge die Steuerpflicht verringern. Hinterziehen die auch? Das Spiel ist heute schwerer geworden: Kapitalerträge werden inzwischen genau wie der Lohn "an der Quelle" besteuert – neuerdings auch das Gebunkerte in der Schweiz.

Steueraufkommen in Deutschland. Klicken Sie bitte auf das Bild, um die Grafik zu öffnen © ZEIT-Grafik

Dennoch möge die Kluft zwischen Höchst- und Effektivsatz bedenken, wer die "Geldsäcke" schröpfen will. Je mehr Einkommen einer hat, desto besser weiß er, wie man es dem Fiskus vorenthält. So entstand in Deutschland eine ganze Abschreibungs- und Subventionsindustrie, die Kapital nicht gerade in produktive Zweige lenkte. Grundsätzlich: je höher die Steuern, desto niedriger der effektive Ertrag. Das gilt vorweg für die gesenkte Unternehmenssteuer (25 Prozent). Wer sie anheben will, sollte wissen, dass Kapital scheu wie ein Reh und flüchtig wie eine Gazelle ist – jedenfalls in der globalisierten Welt. Das Kapital, das im Ausland arbeitet, schafft hier weder Jobs noch Steuererträge.

Statistiken lassen sich nach Belieben auslegen. Deshalb zum größeren Bild, den "Märkten", die märchenhaften Reichtum produziert haben. Zügeln und schröpfen wir sie also. Märkte aber verhalten sich zum "Unterbau" wie Rauch zum Feuer, und der hat sich revolutionär verändert.

Das beste Beispiel ist Amerika: 1947 war die Industrie für ein Viertel des BIP gut, der Finanzsektor für ein Zehntel. Heute ist es fast umgekehrt: 11 vs. 22 Prozent. Was ist passiert? Ein Grund ist der Aufstieg Asiens. Die Folge: Überkapazitäten und sinkende Profitraten im Westen insgesamt. Zur Globalisierung der Produktion kam die Entfesselung der Kapitalmärkte. Und schließlich die Politik des billigen Geldes seit rund 30 Jahren, die Vollbeschäftigung zu finanzieren hatte. Kein Wunder, dass Banken, Versicherungen und Hedgefonds sich an diesem Füllhorn zu laben begannen. General Motors, General Electric, aber auch Siemens wurden zu Banken.

Gelegenheit macht Diebe, aber wer "Haltet die Märkte!" schreit, übersieht den Staat als Begünstiger. Obszön reich geworden sind die Finanzakrobaten mit dubiosen US-Derivaten, die auf Hypotheken ohne Bonität beruhten. Warum der kriminelle Leichtsinn? Weil der Staat in Gestalt der Hypo-Anstalten Fannie Mae und Freddie Mac Aberhunderte von Milliarden garantierte – Hausbesitz als sozialer Ausgleich. Das waren doch die Amis? Nicht nur. Ausgerechnet die deutschen Landesbanken, die der Gerechtigkeitsagentur "Staat" untertan sind, agierten noch blöder und gieriger als die Privaten – bis zur Pleite. Leider können wir die nicht schröpfen, sondern müssen sie retten.

Die tiefere Moral: Wer die "Blutsauger" stoppen will, muss ihnen das Blut nehmen. Das sind die mächtigen Geldströme, die der Staat entfesselt hat. Leider will die EZB keinesfalls den Liquiditätshahn zudrehen – aus Angst vor der Weltwirtschaftskrise. Die Politik könnte auch die Mauern des Nationalstaates wieder hochziehen, um die Ströme zu bremsen, würde aber so die wichtigste Quelle des deutschen Wachstums – den Export, die Investitionen von außen – zuschütten. Der Westen könnte die Produktivität erhöhen, um im Wettbewerb mit Asien zu bestehen. Aber hohe Kapital- und Unternehmenssteuern sind Gift für die notwendigen Investitionen. Die Frage ist also: Wen schröpfen wir, wenn wir die Reichen schröpfen?

Eine "Reichensteuer" ist gut fürs Gemüt, aber nicht unbedingt für den Organismus – und bestimmt nicht für den deutschen, der wie kein anderer in die Weltwirtschaft integriert ist. Zum Schluss ganz praktisch: Warum Abertausende von Mittelständlern, die in den Top Ten den allgemeinen Wohlstand nähren, für die Exzesse der Finanzakrobaten bestrafen? Sie gehören zu der Gruppe, die ohnehin die Hälfte der Steuern zahlt.

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