Wenn sich Friedrich Loock dem Geld nähert, duckt er sich. Seinen Kopf hält er vorgestreckt, sein Rücken ist ein wenig gebeugt, und es sieht so aus, als habe sich ihm diese Haltung bereits eingegraben: Loock kann nicht anders, als sich zu verbeugen, weil er groß ist – und weil es sein Job ist, Freundlichkeiten in fremde Ohren zu flüstern. Er hat Angst, das Geld könnte sich sonst von ihm zurückziehen.

An diesem Abend im November 2010 sitzt Loock an einer langen, weiß gedeckten Tafel in einem Raum mit anthrazitfarbenen Wänden. Er ist ein hagerer Mann mit hoher Stirn und eckiger Brille, der etwas Zerstreutes hat. Man könnte ihn für einen Universitätsdozenten halten. Über sein weißes Hemd hat er eine Strickjacke gezogen, er trägt Turnschuhe und scheint als Einziger nicht richtig in die Tischgesellschaft zu passen: Loock lächelt Männern in Designeranzügen zu, Frauen mit dicken Halsketten. Überall Uhren und Ringe aus Gold. Die Wände sind mit Bildern behängt, im Dunkel vor den Fenstern liegt ein Park, mittendrin glitzert der Waldsee in Berlin.

Loock gegenüber unterhalten sich zwei Männer. Vor einem liegt ein Porsche-Schlüssel, an dem anderen fällt zuerst eine dicke Rolex auf. Der Mann mit dem Porsche erzählt, er besitze ein Bild von Martin Kippenberger.

»Wie viel ist das wert?«, fragt der Mann mit der Rolex.

»So 200.000 Euro«, sagt der Mann mit dem Porsche-Schlüssel.

»Ich hab mehrere Neo Rauchs «, brummt der andere. »Gekauft, als sie noch günstig waren.«

Der Mann mit der Rolex heißt Gabriel Sulkowski, Immobilienentwickler aus Düsseldorf. Ein »monotones Geschäft« sei das, sagt er. In seiner Freizeit fliege er von einer Vernissage zur nächsten, jedes Jahr gebe er für Kunst eine sechsstellige Summe aus. Kunst sei für ihn »wie Essen und Trinken«, bei Kaufpreisen von mehr als 10.000 Euro »immer auch ein Investment«. Gabriel Sulkowski ist 38 Jahre alt und ein Snob, wie man ihn nicht alle Tage trifft.

»Der Preis ist Respekt«, ruft er in die Runde. »Hat mir der Neo mal gesagt.«

Friedrich Loock lächelt, er ist ein freundlicher Mensch, der sich zurücknimmt, aber er ist eben auch ein Diener dieses Geldes. Er arbeitet als Galerist in Berlin. Sein Geschäftsmodell gleicht dem der meisten seiner Kollegen: Er verhilft jungen, unbekannten Künstlern zu einer Karriere, um langfristig an ihnen zu verdienen. An diesem Abend hat er zehn Sammler in das Haus am Waldsee eingeladen, ein Museum , das von einem Verein getragen wird. Einer von Loocks Künstlern soll gleich seine Videoarbeiten vorführen. Loock hat Sushi und Weißwein auftragen lassen, damit die Sammler sich entspannt der Kunst nähern. Dieses Essen ist eine Werbeveranstaltung, eine Art gehobene Butterfahrt. Eine für die Branche typische Zusammenkunft, bei der wie beiläufig Beziehungen geknüpft und Geschäfte angebahnt werden. Für Loock ist dieser Abend eine Prüfung.

Am Tisch sitzen viele Millionen, verdient in Rechtsanwaltskanzleien, im Internet, mit Immobilien, aber Loock muss sparen. Die 500 Euro, die der Abend kostet, teilt er sich mit der Leiterin des Museums. Das Sushi hat eine Freundin des Künstlers gerollt. Der Weißwein war noch von einer Vernissage übrig. Und dass die Tafel aus zwei unter dem weißen Tuch verborgenen Biertischen besteht, von denen die Farbe blättert, hat zum Glück noch niemand bemerkt.

Seit über zehn Jahren baut Loock Koganezawa in Deutschland auf

Da wird das Licht gedimmt. Am Kopfende der Tafel leuchtet eine Leinwand auf. Ein kleiner Mann mit rundem kindlichem Gesicht und rasiertem Schädel tritt vor die Gäste, er verbeugt sich steif und beginnt mit einer schweren Kamera zu hantieren. Rote Farbschlieren pulsieren über die Leinwand. In der Mitte gleißt ein weißer Lichtfleck – ein optischer Rückkopplungseffekt. Die Kamera nimmt auf, was sie gerade auf die Leinwand projiziert, und indem der Künstler sie bewegt, verändert er ständig das Bild. Dann wechselt es: Flugzeuge fliegen über die Leinwand, sie scheinen am Rand abzuprallen und fliegen in dem engen Rahmen hin und her. Ein Film ohne Erzählung, ohne Anfang und Ende. Der Mann mit der Kamera, ein Asiate, schweigt. Niemand im Saal versteht so recht, was er da macht. Und warum.

»Jetzt sag doch mal was!«, zischt Loock.