Ist gute Kunst die, die den höchsten Preis erzielt?
Sein Geschäft ist schlecht gelaufen in den vergangenen zwei Jahren, wie bei praktisch allen Galeristen. Die Finanzkrise , die Ende 2008 begann, riss auch den Kunstmarkt mit. Um zwei Drittel schrumpfte der weltweite Umsatz bei den Auktionen für Gegenwartskunst im Jahr 2009 laut einer Studie der niederländischen European Fine Art Foundation auf 313 Millionen Euro. Inzwischen hat das Geschäft wieder angezogen. Und es rumort in der Branche. Vor einigen Wochen hat Sotheby’s in New York bei den Auktionen wieder Spitzenpreise für Klassiker der Moderne erzielt, für Bilder von Andy Warhol und Gerhard Richter . Ein Gemälde von Roy Lichtenstein ging bei Christie’s für 43 Millionen Dollar weg, der teuerste Lichtenstein jemals. Obwohl Loock mit den ganz großen Deals nichts zu tun hat, spürt er doch die Nervosität auf dem Markt. Sie treibt die Preise. Und vielleicht ist dieser Abend ein neuer Anfang für Loock.
»This was my graffiti of light« , sagt der Künstler mit der Kamera, er spricht gebrochenes Englisch – die Farbschlieren sind für ihn Lichtgraffiti. Der Mann heißt Takehito Koganezawa, 36 Jahre, ein Japaner, der in Berlin lebt. »Ein Riesentalent«, sagt Loock. Seit mehr als zehn Jahren baut er ihn auf. Seine Bilder hängen in wichtigen Sammlungen und Museen, und anders als viele Künstler kann Koganezawa von seiner Kunst leben. Doch der große Karrieresprung muss noch kommen. Kommt er jetzt? Unter den 30 Künstlern, die Loock vertritt, ist Koganezawa derjenige, auf den er 2011 die größten Hoffnungen setzt.
Loock ist bereit für eine Wette: Dieser undurchsichtige Markt für moderne Kunst, auf dem Namen und Image alles sind, wird Takehito Koganezawa bald feiern. Er ist Japaner, also exotisch. Das gibt ihm sogar in der Kunststadt Berlin noch etwas Schillerndes. Und Koganezawas Arbeiten sind verspielt und zugänglich zugleich. Er macht Videos, außerdem Skulpturen aus Neonröhren, und er zeichnet – Bilder, die aussehen wie aus Kinderhand. In alldem sieht Loock »die Leichtigkeit eines Paul Klee«. So klingt Loocks Versuch, dem schwer Fassbaren ein Label anzuheften, es ist sein Erfolgsversprechen.
Was ist wichtiger für den Erfolg: das Werk oder die Vermarktung? Und: Ist gute Kunst die, die den höchsten Preis erzielt? Oder könnten die Rekordsummen, die für Kunst bezahlt werden, ihr vielleicht sogar schaden? Nimmt das immer schneller kreisende Karussell globaler Vermarktung der Kunst die Luft? Um diese Fragen zu beantworten, muss man Friedrich Loock und Takehito Koganezawa eine Weile dabei beobachten, wie sie versuchen, den Markt zu betören.
43 Milliarden Dollar werden weltweit pro Jahr mit Kunst umgesetzt
Loock und Koganezawa sind kleine Akteure in einem gigantischen Geschäft. Reiche Sammler und ein paar Galeristen aus New York und London prägen mit ihren Millionendeals das Bild der Branche, und manchmal sieht es so aus, als sei auf diesem engen Markt die Gier größer als der Kunstsinn – weshalb immer wieder Käufer auf Fälscher hereinfallen. Geschätzte 43 Milliarden Dollar wurden weltweit im Jahr 2010 mit Kunst und Antiquitäten in Galerien , bei Messen und in Auktionshäusern umgesetzt. Das ist etwa halb so viel wie die Neuverschuldung Deutschlands in jenem Jahr. Doch selbst teure Kunst war meist irgendwann mal billig, alle Künstler waren mal jung und unbekannt. Das richtige Werk, früh und günstig gekauft, ist die eine Aktie unter Tausenden, deren Kauf Reichtum bedeutet. Ist Kunst von Takehito Koganezawa vielleicht so ein vielversprechendes Investment? Das hängt auch von Loock ab. Davon, ob es ihm gelingt, den Markt für Koganezawa einzunehmen.
Gleich zwei Ausstellungen sind 2011 geplant. Eine soll hier im Haus am Waldsee gezeigt werden, die zweite in der Langen Foundation in Neuss, einem renommierten Privatmuseum. Außerdem hat eine Jury von Museumskuratoren Koganezawa zu einem Wettbewerb für Kunst am Bau eingeladen, auch ein Resultat von Loocks Netzwerkarbeit: Koganezawa soll eine Idee für ein Kunstwerk am neuen Flughafen Berlin-Brandenburg liefern. »Ein Sechser im Lotto wäre das, wenn wir den Auftrag bekommen«, sagt Loock. Jeder Sammler, der von Berlin abfliegt, würde Koganezawas Kunst kennenlernen. Denn das Werk soll einen Raum ausfüllen hinter der Sicherheitskontrolle, jeder muss da durch. Nichts zählt auf dem Kunstmarkt mehr als Aufmerksamkeit. Jede Ausstellung, jeder Verkauf an ein Museum treibt den Preis.
Nach der Vorführung macht Koganezawa eine schnelle Verbeugung in den Applaus. »Genial, ganz groß!«, ruft die Frau, die neben Loock sitzt. Sie trägt eine Hornbrille und eine dicke Halskette, sie ist mit ihrem Mann da. Stephanie und Wolfgang Bohn sind für diesen Abend aus Bonn angereist. Er baut Bürohäuser, die seine Frau dann oft mit Kunst ausstattet. Loock hatte in einem Ausstellungskatalog ein Interview mit beiden gesehen. »Das scheinen Leute zu sein, die sich ehrlich für Kunst begeistern«, dachte er. »Deren Bedarf ist nicht gedeckt, wenn die Wand voll ist.« Er redet an diesem Abend lange mit ihnen, über Kunst und japanisches Essen. Er legt sich richtig ins Zeug, er umschwärmt das distanzierte, schwer zu verführende Geld.
Sammler sind im Kunstmarkt eine große Macht. Bis in die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts definierten Kritiker und Museen, was gute Kunst ist, und diese verkaufte sich dann meist auch. Heute, da die Zahl der Sammler immer weiter zunimmt, hat sich die Lage umgekehrt: Was sich verkauft, wird als gute Kunst angesehen. Der Markt, das sind die Leute, die ein Galerist wie Loock von einem Künstler überzeugen kann, in seinem iPhone sind an die hundert Telefonnummern von Sammlern gespeichert. »Wäre das Flugzeugvideo vielleicht etwas für die Bohns?«, fragt er sich hinterher. Es bleibt ein geheimer Gedanke, vielleicht ist Loock manchmal doch zu zurückhaltend. Wolfgang Bohn sagt später: »Faszinierende Vorführung, aber wir sammeln gar keine Videos.« Als die Bohns gegen Mitternacht gehen, hat Loock ihnen nicht mal ein Angebot gemacht.
Wenige Tage nach dem Essen im Haus am Waldsee stapft Takehito Koganezawa südlich von Berlin durch hohen Schnee. Er trägt gelbe Gummistiefel, eine Leuchtweste und einen Helm. Mit einer kleinen Gruppe ebenso Vermummter irrt er über ein Betonfeld voller Kräne. Hier entsteht die Abflughalle des neuen Flughafens Berlin-Brandenburg.
»I don’t see anything« , beschwert sich Koganezawa, er sieht ja gar nichts. Der Wind trägt seine Worte fort.






Der Artikel bzw. die Geschichte zum Galeristen Friedrich Loock ist exemplarisch für eine ganze Branche. Autor und Filmemacher Ben Lewis hatte die Szenerie des Kunstmarktes in dem Film "Die Millionenblase" einmal sehr gut beschrieben. http://www.artinfo24.com/...
Die Sammler sind die Leute die ein Galerist überzeugen muss.
Aha!aber wer bestimmt denn jetzt was Kunst ist?
immer noch diese Kunstmafia.
Die haben zwar auch keine Ahnung aber
Gerhard Richter gibts jetzt auch als Kinofilm.wen´s interessiert
weiter machen
Ein wirklich guter Bericht, im Bereich des Dossiers der aktuellen Zeit-Ausgabe.
Der Kunstbetrieb, wird hier am Beispiel des Galeristen Friedrich Loock, gespiegelt. Nicht alles scheint leicht,als täglicher ARTfinder. Künstler die neu in den Markt integriert werden müssen, optimale Präsenz der unglaublich neuen ART, ist mit Sicherheit, heute schwieriger, als noch vor 20 Jahren, obwohl das Geld, ja gewaltig locker sitzt. Deshalb haben wir die Krise und die weiteren Probleme.
Wahrlich interessant, ist die Neufindung und Neuerfindung des Künstlers Takehito Koganezawa für das neue Projekt, Flughafen Brandenburg. "Kunst am Bau", ist leider nicht so häufig in Deutschland zu finden, von daher erfreut es den Kunstinteressierten Leser, von neuen Wertschätzungen der Künstler und Designer in verschiedensten Bereichen zu lesen.
Dafür Danke an die offene und schon fast erzählerische Art der Berichterstattung innerhalb des Dossiers von Jörg Burger, klasse!
Der Artikel war ein guter Vorlesestoff für meinen Mann und mich.
Danke
Anja Ciaxz
7.Sptember 2011
Der etwas vom 'Alltag' im Kunstbetrieb erzählt.
Ich möchte Ihnen für den Artikel gratulieren. Er hat mir in drei verschiedenen Städten begleitet, bis es mir gelungen ist, ihn bis zum Ende zu lesen. Irgendwie könnte ich Ihre deutliche, nüchterne und spannende Erzählung nicht loswerden. Es war wie jene aufregenden Bücher, von denen man sich mehr wünschen würde, als man den letzten Satz liest.
Ein Vergnügen, bei solchen Lektüren diese schöne und schwierige Sprache weiter zu lernen.
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