Dornacher Kolonie Heilende Häuser

Erstmals würdigt ein Architekturführer Rudolf Steiners organische Bauten in der Dornacher Kolonie.

Das Goetheanum im Ruettiweg 45

Das Goetheanum im Ruettiweg 45

Sie sehen aus wie extravagante Hüte, mit ihren Winkeln, Erkern und asymmetrischen Dächern: die Häuser auf dem Dornacher Hügel. »Aber auf abgeschrägte Fenster und verrückte Dachlandschaften kann man Steiners Bauweise nicht reduzieren«, sagt Jolanthe Kugler. Tatsächlich sind dies die augenfälligen Erkennungsmerkmale der bei Basel liegenden, größten Wohn- und Arbeitssiedlung der Anthroposophen. Um der tieferen Bedeutung auf den Grund zu gehen, hat die 34-jährige Architektin ein Buch herausgegeben, den ersten Architekturführer zum Dornacher Goetheanumhügel. Auf Kuglers vier Architekturpfaden kann man jetzt kreuz und quer über das Gelände laufen und sich ein Bild von Entstehungsgeschichte, Bewohnern und architektonischen Details der Häuser machen.

Kommt man von Dornach her und steigt die zehn Minuten vom Dorf auf den Hügel, staunt man: wie viele Häuser da stehen und wie klar sie trotz individueller Gestaltung als Steiner-Architektur erkennbar sind. 170 an der Zahl, von 1914 bis heute entstanden. Die Begeisterung über eine Architektur, die menschengemäß »organisch« sein will und »durch die Idee von Bewegung und Metamorphose inspiriert« ist, hielt weit über die Anfangsjahre hinaus an. Über jene Jahre, als Idealisten aus Stuttgart und Berlin, Paris und Moskau Steiners Ruf gefolgt waren, um voller »Ernst und Begeisterung« das erste Goetheanum zu bauen und sich dann rings um diese Aufführungsstätte für Steiners Mysteriendramen, das Herzstück der Gemeinde, anzusiedeln.

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Architekturführer

Jolanthe Kugler (Hrsg.): Architekturführer Goetheanumhügel. Die Anthroposophenkolonie Dornach-Arlesheim. Niggli Verlag, Sulgen 2011; 216 S. mit zahlreichen Abbildungen, 34,– €. Er

Besichtigung

Eröffnung der Architekturpfade und Tag der Offenen Häuser auf dem Goetheanumhügel am 3./4. September. 50 Häuser der Dornacher Kolonie stehen zur Besichtigung offen. Weitere Informationen und Anmeldung unter www.dornacher-kolonie.ch

All das beschreibt der handliche, reich bebilderte Führer, mit dessen ausfaltbaren Plänen man sich der Höhe nähert. Vom ersten Goetheanum ist nichts mehr zu sehen: Es war aus Holz und fiel 1922 einer Brandstiftung zum Opfer. Was jetzt monumental auf dem Hügel hockt, ist das zweite Goetheanum von 1928, ein gewaltiger Klotz aus Sichtbeton, Sitz der Anthroposophischen Gesellschaft. Die schmalen Pfade zwischen den Häusern oder über Wiesen führen immer wieder darauf zu – und dann doch scharf daran vorbei. »Indirekte Wege erlauben es, aus lauter verschiedenen Blickwinkeln zu schauen; die Architektur in Ausschnitten und also in Bewegung zu erleben«, schreibt Kugler. Alles ist Lehre hier, alles von anthroposophischen Absichten durchdrungen – ein Umstand, der für Kugler selbstverständlich ist. Als Tochter des Steiner-Forschers Walter Kugler, der 1982 ans Archiv des Goetheanums berufen wurde, ist sie ein Kind des Hügels. Vor allem auf den Aspekt des »sozialen Raumes« legt sie Wert. Der Kindergarten etwa, den sie einst besuchte und an dem wir gerade vorbeilaufen: niedrig, achteckig, wie ein kleines Zirkuszelt aus Holz. »Innen gibt es um den zentralen Gemeinschaftstisch viele kleine Nischen, in die man sich verkriechen und trotzdem immer dabei sein konnte«, erinnert sich Kugler. Auch seien die Häuser stets in Bezug zur Landschaft und zum Lichteinfall gebaut. »Man soll ja merken, welche Tageszeit ist.« Eingebettet sein in stabile Zusammenhänge, Zeit zu Vertiefung haben – das verbindet die Architektin mit der Erinnerung an ihre Kinder- und Jugendzeit in der »Kolonie«.

Leser-Kommentare
  1. Ich finde die beiden gezeigten Häuser nicht im mindesten "organisch" oder "heilend". Das sind einfach grobe Betonklötze. Komisch, dass die Schweizer oft auf solche Betonbauten abfahren.

    Ich verstehe unter organischen Häusern große Fenster und Holzwände. Womöglich sogar bepflanzte Wände mit vielen Außenstufen, auf denen Mikrogärten wachsen können.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Werbung. Danke. Die Redaktion/er

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    • Buh
    • 03.09.2011 um 4:10 Uhr

    Was ist eigentlich an Holz natürlicher denn an Beton? Es geht doch eher um Form, Wirkung und Lebensgefühl. Schließlich kann Holz auch ganz schön künstlich wirken. Ein Baum ist normalerweise nicht 8 Kantig und mit Lack, Öl oder sonstwas behandelt. Und "microgärten" müssen auch angelegt und künstlich erhalten werden. Nur weil man organisches Material benutzt ist es noch keine "organische Architektur". Da finde ich es hingegen beeindruckend was manche Architekten mit Beton alles hinbekommen. Und "Betonklotz" ist wohl als Schimpfwort seit dem Bauhaus aus der Mode gekommen, finden Sie nicht auch?

    • Buh
    • 03.09.2011 um 4:10 Uhr

    Was ist eigentlich an Holz natürlicher denn an Beton? Es geht doch eher um Form, Wirkung und Lebensgefühl. Schließlich kann Holz auch ganz schön künstlich wirken. Ein Baum ist normalerweise nicht 8 Kantig und mit Lack, Öl oder sonstwas behandelt. Und "microgärten" müssen auch angelegt und künstlich erhalten werden. Nur weil man organisches Material benutzt ist es noch keine "organische Architektur". Da finde ich es hingegen beeindruckend was manche Architekten mit Beton alles hinbekommen. Und "Betonklotz" ist wohl als Schimpfwort seit dem Bauhaus aus der Mode gekommen, finden Sie nicht auch?

  2. Die Anlage ist schon eher das Mausoleum des deutschen Geistes.

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    • Varech
    • 03.09.2011 um 6:20 Uhr

    Man kann das heute nicht einfach wie neu nochmal in die Zeitung drucken, aber ich denke, Ernst Bloch: Die Okkulten, 1912 (in Edition Suhrkamp Nr.74) könnte Ihnen gefallen. Bloch hat damals alles was zu Steiner zu sagen ist, sehr kritisch UND tolerant gesagt.

    • Varech
    • 03.09.2011 um 6:20 Uhr

    Man kann das heute nicht einfach wie neu nochmal in die Zeitung drucken, aber ich denke, Ernst Bloch: Die Okkulten, 1912 (in Edition Suhrkamp Nr.74) könnte Ihnen gefallen. Bloch hat damals alles was zu Steiner zu sagen ist, sehr kritisch UND tolerant gesagt.

  3. Rudolf Steiners Architektur war zu seiner Zeit keineswegs einzigartig, sondern durchaus im Einklang mit dem, was auch andere machten. Ich erinnere hier nur an Erich Mendelssohns Einsteinturm in Potsdam.

    Das Ziel waren natürlich nicht einzelne Bauten, sondern ein neuer allgemeiner Baustil.

    Das ist gescheitert und zwar nach meiner Meinung aus zwei Gründen:

    1) Die Bauten waren wahnsinnig kompliziert und sehr individuell. Beides macht die Bauten schlicht zu teuer. Zusätzlich sind Räume mit hohen, schrägen Decken oder ohne rechte Winkel oder was auch immer, schlecht nutzbar.

    Diese Bedenken teilt der "Architektur des Expressionismus", wie sie in einem Buch von Wolfgang Pehnt genannt wird, z.B. mit dem Jugendstil.

    2) Die "anthropophische Architektur" vesucht, diesem Baustil eine allgemeine und zeitlose Berechtigung zuzusprechen und baut heute noch so wie damals. Inzwischen passt das natürlich nicht mehr und wirkt gewollt.
    Eine Abkehr von diesen "organischen Formen" ist aber nicht möglich, weil sie schließlich in den Vorträgen Rudolf Steiners genau so besprochen werden, und wer wollte schon dem großen Rudolf Steiner posthum widersprechen oder seinen Vorträgen etwas hinzufügen?

    Das widerum ist ein Dilemma, das diese Architektur mit der Organisation der Waldorfschulen teilt.

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    • Buh
    • 03.09.2011 um 3:53 Uhr

    ich finde nicht, dass das gescheitert ist. Organische Bauten sind seit Steiner viel mehr in den Mittelpunkt geraten und haben die Architektur bedeutend beeinflusst. Sicher fehlt dieses Geld wenn es um einfache Wohngebäude, also Profanbauten geht. Aber die haben sich in so gut wie jeder Architekturepoche stark von Villen, Geschäftshäusern und anderen Bauten für die viel wert auf moderne, ausgefallene Architektur gelegt wurde, unterschieden.

    Letztendlich sehe ich in vielen Kommentaren hier folgendes Problem: Man negiert die Bedeutung einer Sache, weil man ideologisch nicht mit ihr einer Meinung ist. Das halte ich für unwissenschaftlich. Und ich habe sicherlich nichts mit Anthroposophie gemein.

    • Buh
    • 03.09.2011 um 3:53 Uhr

    ich finde nicht, dass das gescheitert ist. Organische Bauten sind seit Steiner viel mehr in den Mittelpunkt geraten und haben die Architektur bedeutend beeinflusst. Sicher fehlt dieses Geld wenn es um einfache Wohngebäude, also Profanbauten geht. Aber die haben sich in so gut wie jeder Architekturepoche stark von Villen, Geschäftshäusern und anderen Bauten für die viel wert auf moderne, ausgefallene Architektur gelegt wurde, unterschieden.

    Letztendlich sehe ich in vielen Kommentaren hier folgendes Problem: Man negiert die Bedeutung einer Sache, weil man ideologisch nicht mit ihr einer Meinung ist. Das halte ich für unwissenschaftlich. Und ich habe sicherlich nichts mit Anthroposophie gemein.

  4. Man sollte Rudolf Steiner nciht widersprechen, oder seinen Vorträgen etwas hinzufügen.
    Am besten ignoriert man ihn und seine verschrobenen Ansichten.

    Eine Leser-Empfehlung
  5. Vielleicht hätte Tolkien daran seine Freude gehabt.

    • Buh
    • 03.09.2011 um 3:53 Uhr

    ich finde nicht, dass das gescheitert ist. Organische Bauten sind seit Steiner viel mehr in den Mittelpunkt geraten und haben die Architektur bedeutend beeinflusst. Sicher fehlt dieses Geld wenn es um einfache Wohngebäude, also Profanbauten geht. Aber die haben sich in so gut wie jeder Architekturepoche stark von Villen, Geschäftshäusern und anderen Bauten für die viel wert auf moderne, ausgefallene Architektur gelegt wurde, unterschieden.

    Letztendlich sehe ich in vielen Kommentaren hier folgendes Problem: Man negiert die Bedeutung einer Sache, weil man ideologisch nicht mit ihr einer Meinung ist. Das halte ich für unwissenschaftlich. Und ich habe sicherlich nichts mit Anthroposophie gemein.

    Antwort auf "zu kompliziert"
    • Buh
    • 03.09.2011 um 4:10 Uhr

    Was ist eigentlich an Holz natürlicher denn an Beton? Es geht doch eher um Form, Wirkung und Lebensgefühl. Schließlich kann Holz auch ganz schön künstlich wirken. Ein Baum ist normalerweise nicht 8 Kantig und mit Lack, Öl oder sonstwas behandelt. Und "microgärten" müssen auch angelegt und künstlich erhalten werden. Nur weil man organisches Material benutzt ist es noch keine "organische Architektur". Da finde ich es hingegen beeindruckend was manche Architekten mit Beton alles hinbekommen. Und "Betonklotz" ist wohl als Schimpfwort seit dem Bauhaus aus der Mode gekommen, finden Sie nicht auch?

    Antwort auf "hässlich"
    • Varech
    • 03.09.2011 um 6:20 Uhr

    Man kann das heute nicht einfach wie neu nochmal in die Zeitung drucken, aber ich denke, Ernst Bloch: Die Okkulten, 1912 (in Edition Suhrkamp Nr.74) könnte Ihnen gefallen. Bloch hat damals alles was zu Steiner zu sagen ist, sehr kritisch UND tolerant gesagt.

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Dornach"

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