DIE ZEIT: Herr Mirow, die Angst vor dem Abschwung wächst. Was kann die Politik tun?

Thomas Mirow: Ich fürchte, kurzfristig nicht sehr viel. Die Staaten – und auch die Zentralbanken – haben sich verausgabt. Es ist kaum mehr trockenes Pulver übrig.

ZEIT: Das sehen die Finanzmärkte anders. Sie hoffen darauf, dass der amerikanische Notenbankpräsident Ben Bernanke frisches Geld druckt, um die Wirtschaft zu stützen.

Mirow: Das würde in der jetzigen Situation keinen großen Unterschied machen. Die Zinsen in den Vereinigten Staaten sind bereits niedrig. Ich bin besorgt, wie alle auf die Rede eines Mannes gestarrt haben, als habe der einen Zauberstab um dieses Problem zu lösen. Den hat er nicht.

ZEIT: Helfen Konjunkturprogamme, wie sie Experten jetzt wieder fordern?

Mirow: Es gibt nicht sehr viele Staaten mit wirtschaftlichem Gewicht, die Raum für eine expansive Fiskalpolitik haben. Deutschland sicher nicht. Wir haben eine Verschuldung von über 80 Prozent. Wir haben uns eine Schuldenbremse gegeben, von der ich sehr viel halte.

ZEIT: Aber die Zinsen, die stabile Länder wie Deutschland derzeit bezahlen müssen, sind extrem niedrig. Was spricht dagegen, sich Geld zu borgen und es auszugeben?

Mirow: Niemand weiß, wie stabil das Zinsniveau ist. Und auch bei niedrigen Zinsen wächst der Anteil der Zinsausgaben am Haushalt . Dazu kommt, dass die Belastungen durch die demographische Entwicklung erst noch auf uns zukommen. Wenn wir das nicht in den Griff kriegen, werden wir Ende des Jahrzehnts noch sehr viel größere Schwierigkeiten bekommen.

ZEIT: Wir sollen die Hände in den Schoß legen?

Mirow: Wir sollten uns nicht so sehr auf kurzfristige Maßnahmen konzentrieren, sondern die strukturellen Probleme angehen – die vielerorts schlechte Infrastruktur zum Beispiel oder die mangelnden Investitionen in Bildung .

ZEIT: Und bis das wirkt, sparen wir uns kaputt?

Mirow: Ich glaube nicht, dass die Sparpakete zu weit gehen. In den meisten Staaten wird endlich zur Kenntnis genommen, dass wir über unsere Verhältnisse gelebt haben.

ZEIT: Inwiefern?

Mirow: Wir erleben eine fundamentale Verschiebung von Wohlstand in der Welt. Ich glaube nicht, dass die Wachstumsraten pro Kopf in den Industriestaaten auf mittlere Sicht höher sein werden als 1,5 Prozent. Bereits um dies zu erreichen, müssen wir uns anstrengen und zum Beispiel den europäischen Binnenmarkt vollenden. Zugleich gilt es, die Menschen davon zu überzeugen, dass auch mit geringeren, realistischen Wachstumsraten ein gutes Leben möglich ist. Und wir müssen unsere sozialen Sicherungssysteme und die öffentlichen Haushalte darauf ausrichten, statt auf ein Wachstum zu hoffen, das wahrscheinlich nie kommen wird. Künstliches, weil schuldenfinanziertes Wachstum wird uns nicht retten.

ZEIT: Warum sind Sie so skeptisch?

Mirow: Das ist keine Skepsis, sondern Realismus. Ich sehe nicht, woher in einer Gesellschaft, die bereits über so vieles verfügt, eine kräftige Steigerung der Konsumnachfrage kommen soll. Angesichts der hohen Verschuldung werden auch die öffentlichen Investitionen nur bedingt zum Wachstum beitragen können. Und schließlich wollen wir auch nicht auf Kosten der Umwelt wirtschaften. All das bremst.