NS-Zeit : Das Dreher-Gesetz

Wieso kamen die meisten NS-Verbrecher straffrei davon? Ein Gespräch mit Ferdinand von Schirach über seinen neuen Roman »Der Fall Collini« und den Justizskandal von 1969.

Collini legte die Pistole auf den Tisch. Er stellte sich neben den Mann am Boden, starrte auf die Altersflecken auf dessen Handrücken. Mit dem Schuh drehte er den Toten um. Plötzlich trat er mit dem Absatz in das Gesicht des Toten, er sah ihn an, dann trat er wieder zu. Er konnte nicht aufhören, wieder und wieder trat er zu, Blut und Gehirnmasse spritzten auf seine Hosenbeine, auf den Teppich, gegen das Bettgestell. Der Gerichtsmediziner konnte später die Anzahl der Tritte nicht rekonstruieren, Wangen-, Kiefer-, Nasen- und Schädelknochen brachen unter der Wucht. Collini hörte erst auf, als der Absatz seines Schuhs abriss. Er setzte sich auf das Bett, Schweiß lief ihm über das Gesicht. Sein Puls beruhigte sich nur langsam. Er wartete, bis er wieder gleichmäßig atmete. Er stand auf, bekreuzigte sich, verließ das Zimmer und fuhr mit dem Lift ins Erdgeschoss. Er humpelte, weil der Absatz fehlte, die herausstehenden Nägel kratzten auf dem Marmor. In der Lobby sagte er der jungen Frau hinter der Theke, sie solle die Polizei rufen. Sie stellte Fragen, gestikulierte. Collini sagte nur: »Zimmer 400, er ist tot.« (Aus dem 1. Kapitel des Romans »Der Fall Collini«)

DIE ZEIT:Herr von Schirach , Ihr neues Buch beginnt mit einem grausamen Mord in einem Hotelzimmer. Man denkt zunächst, das ist der Beginn eines klassischen Krimis. Der Täter aber wartet in der Lobby auf die Polizisten und ist sofort geständig. Allerdings schweigt er sich über seine Motive aus. Warum?

Ferdinand von Schirach: Das ist gar nicht so selten bei Strafgerichtsverfahren, dass der Täter sich nicht erklären will. Er sagt, ich war es und dann nichts mehr.

Der Autor

Ferdinand von Schirach, ein Enkel des Reichsjugendführers Baldur von Schirach, arbeitet als Anwalt und Strafverteidiger in Berlin. Bekannt wurde er mit dem Geschichtenband »Verbrechen«; sein Buch »Schuld« von 2010 versammelt ebenfalls authentische Fälle, die aber stärker literarisiert sind. Noch weiter von der Vorlage, dem Fall des SS-Mannes Friedrich Engel, entfernt sich sein neuer Roman »Der Fall Collini« (Piper Verlag). Im Zentrum steht ein Bundesgesetz von 1969, mit dem es dem Juristen Ernst Dreher, einem früheren NS-Richter, gelang, sämtliche Nazi-Verbrechen verjähren zu lassen, indem sie als Mittäterschaft eingestuft werden konnten.

ZEIT: Welchen Grund hat das Schweigen bei Fabrizio Collini, Ihrem Titelhelden?

von Schirach: Collini ist als junger Gastarbeiter in der Bundesrepublik aufgewachsen. Er hat früh die Erfahrung gemacht, dass er von der Justiz nichts erwarten kann. Im Laufe der Handlung stellt sich heraus, dass er den Mann, den er getötet hat, Ende der sechziger Jahre vergeblich angezeigt hat. Die Ermittlungen wurden eingestellt.

ZEIT: Das Opfer ist der 85-jährige Hans Meyer, ein erfolgreicher Industrieller, ein Familienpatriarch mit dunkler Vergangenheit. Er hat als SS-Sturmbannführer in Italien Partisanen erschießen lassen. Unter den Erschossenen war der Vater Collinis. Sein Sohn rächt sich mit diesem Mord. Um die Entfaltung dieses Sachverhalts kreist auf mehreren Ebenen Ihr Buch. Hat dieser Fall ein geschichtliches Vorbild?

von Schirach: Es gab in Hamburg 2002 einen Prozess gegen den SS-Angehörigen Friedrich Engel, den deutschen Polizeichef in Genua. Engel hatte aufgrund eines Partisanenanschlags auf ein Soldatenkino eine Vergeltungsmaßnahme befohlen, er ließ 59 Gefangene am Turchino-Pass in Ligurien erschießen.

ZEIT: Wie ist dieses Verfahren ausgegangen?

von Schirach: Engel wurde zunächst zu sieben Jahren Haft verurteilt, der Bundesgerichtshof hob das Urteil aber auf, da das Mordmerkmal der Grausamkeit nicht ausreichend bewiesen sei. Engel wurde als Mordgehilfe eingestuft, nicht als Mörder. Und als Mordgehilfe war seine Tat verjährt.

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Kommentare

21 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Ergänzend ...

... zum Themenkreis im Allgemeinen und dem EGOWiG im Besonderen möchte ich hinweisen auf
Ulrich Herbert: Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft 1903–1989. Dietz, Bonn 1996, ISBN 3-8012-5019-9.

Ja, das EGOWiG.
Da klappte mir der Kinnlade runter - was in meinem "Recht"-sstaat so gefingert werden kann ...

Wes Brot aß Bernt Engelmann?

Der hier so gelobte Bernt Engelmann war IM der Stasi, hat den (West-)deutschen Schriftstellerverband im Sinne der DDR zu lenken versucht und Manès Sperber auf das Schlimmste beschimpft:
http://de.wikipedia.org/w...
http://www.spiegel.de/spi...
http://www.welt.de/print-...
Das heisst natürlich nicht, dass die von v. Schirach aufgeworfenen Fragen nicht behandelt werden sollen: im Gegenteil! Aber doch bitte auf der Grundlage des antitotalitären Konsenses, nicht auf der Grundlage von DDR-Propaganda.

Bedeutung der Ideologie

Der Forist, auf den ich mich beziehe, hat folgendes geschrieben: "Empfehlenswert ist dieses Buch - und Bernt Engelmann im Allgemeinen - insbesondere wegen der hervorragenden Dokumentation der Quellen."
Wenn "Bernt Engelmann im Allgemein...empfehlenswert" ist, dann darf man schon fragen, wer dieser Engelmann war. Antwort: ein Propagandist einer Diktatur. D.h. es geht gerade um den Bereich, um den auch der Artikel ging: die Frage des Umgangs mit der Vergangenheit. Wäre für Sie auch ein ND-Redakteur, ein DDR-Professor für M/L ein adäquater Zeuge für Geschichte in Deutschland? Das unterschätzt eben die Macht und Bedeutung der Ideologie.

Frage zu Engelmann

Keine Frage, Engelmann hat seine IM Agenda. Könnte es aber sein, daß Engelmann, gerade ob seiner Stasi Vergangenheit, hier ein Werk vorlegte, das trotzdem allen wissenschaftlichen Kriterien und Standarts standhält? Da es "hier" veröffentlicht wurde und bei "uns" in der kritischen Prüfung stand, kann ich mir eigentlich nicht so recht vorstellen, daß er eine reine Propagandaarbeit abgeliefert hat.

Selbstbetrug

"Die deutsche Gesellschaft stellt sich heute als eine dar, die gründlich aufgeräumt und sich zur Rechenschaft gezogen hat.
Aber das Gegenteil ist passiert. Das ist das Scheußliche: diese Schlussstrichmentalität."

Kann ich nur bestätigen. Davon kommt auch das Überkorrekte in Deutschland. Man denkt, man wäre besser als man ist, indem man den Schein wahrt und die Realität verzerrt wahrnimmt.