Collini legte die Pistole auf den Tisch. Er stellte sich neben den Mann am Boden, starrte auf die Altersflecken auf dessen Handrücken. Mit dem Schuh drehte er den Toten um. Plötzlich trat er mit dem Absatz in das Gesicht des Toten, er sah ihn an, dann trat er wieder zu. Er konnte nicht aufhören, wieder und wieder trat er zu, Blut und Gehirnmasse spritzten auf seine Hosenbeine, auf den Teppich, gegen das Bettgestell. Der Gerichtsmediziner konnte später die Anzahl der Tritte nicht rekonstruieren, Wangen-, Kiefer-, Nasen- und Schädelknochen brachen unter der Wucht. Collini hörte erst auf, als der Absatz seines Schuhs abriss. Er setzte sich auf das Bett, Schweiß lief ihm über das Gesicht. Sein Puls beruhigte sich nur langsam. Er wartete, bis er wieder gleichmäßig atmete. Er stand auf, bekreuzigte sich, verließ das Zimmer und fuhr mit dem Lift ins Erdgeschoss. Er humpelte, weil der Absatz fehlte, die herausstehenden Nägel kratzten auf dem Marmor. In der Lobby sagte er der jungen Frau hinter der Theke, sie solle die Polizei rufen. Sie stellte Fragen, gestikulierte. Collini sagte nur: »Zimmer 400, er ist tot.« (Aus dem 1. Kapitel des Romans »Der Fall Collini«)

DIE ZEIT:Herr von Schirach , Ihr neues Buch beginnt mit einem grausamen Mord in einem Hotelzimmer. Man denkt zunächst, das ist der Beginn eines klassischen Krimis. Der Täter aber wartet in der Lobby auf die Polizisten und ist sofort geständig. Allerdings schweigt er sich über seine Motive aus. Warum?

Ferdinand von Schirach: Das ist gar nicht so selten bei Strafgerichtsverfahren, dass der Täter sich nicht erklären will. Er sagt, ich war es und dann nichts mehr.

ZEIT: Welchen Grund hat das Schweigen bei Fabrizio Collini, Ihrem Titelhelden?

von Schirach: Collini ist als junger Gastarbeiter in der Bundesrepublik aufgewachsen. Er hat früh die Erfahrung gemacht, dass er von der Justiz nichts erwarten kann. Im Laufe der Handlung stellt sich heraus, dass er den Mann, den er getötet hat, Ende der sechziger Jahre vergeblich angezeigt hat. Die Ermittlungen wurden eingestellt.

ZEIT: Das Opfer ist der 85-jährige Hans Meyer, ein erfolgreicher Industrieller, ein Familienpatriarch mit dunkler Vergangenheit. Er hat als SS-Sturmbannführer in Italien Partisanen erschießen lassen. Unter den Erschossenen war der Vater Collinis. Sein Sohn rächt sich mit diesem Mord. Um die Entfaltung dieses Sachverhalts kreist auf mehreren Ebenen Ihr Buch. Hat dieser Fall ein geschichtliches Vorbild?

von Schirach: Es gab in Hamburg 2002 einen Prozess gegen den SS-Angehörigen Friedrich Engel, den deutschen Polizeichef in Genua. Engel hatte aufgrund eines Partisanenanschlags auf ein Soldatenkino eine Vergeltungsmaßnahme befohlen, er ließ 59 Gefangene am Turchino-Pass in Ligurien erschießen.

ZEIT: Wie ist dieses Verfahren ausgegangen?

von Schirach: Engel wurde zunächst zu sieben Jahren Haft verurteilt, der Bundesgerichtshof hob das Urteil aber auf, da das Mordmerkmal der Grausamkeit nicht ausreichend bewiesen sei. Engel wurde als Mordgehilfe eingestuft, nicht als Mörder. Und als Mordgehilfe war seine Tat verjährt.