ZEIT: Aus gleichem Grund ist auch im Roman die Anklage Collinis gescheitert, die Tat Meyers war gerade verjährt, als er ihn 1969 anzeigte. Wie konnte das geschehen?

von Schirach: Wenige Monate zuvor hatte den Bundestag ein scheinbar ganz harmloses, in Wahrheit aber ungeheuerliches Gesetz passiert. Es führte mit einem Schlag zu einer Generalamnestie der meisten Verbrecher des Nazi-Regimes: Ihre Taten galten plötzlich als verjährt.

ZEIT: Auf dem Höhepunkt der Studentenrevolte amnestierte der Bundestag Nazi-Verbrecher?

von Schirach: Historiker nennen das die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen... Es wurden ja zur gleichen Zeit die bis dahin umfangreichsten Ermittlungen gegen die Täter des »Dritten Reiches« geführt, das Verfahren gegen das Reichssicherheitshauptamt. Elf Staatsanwälte, 150.000 Aktenordner, ein Riesenverfahren, und draußen die Studentenproteste. Und was geschieht im Justizministerium? Da schreibt der Leiter der Strafrechtsabteilung Eduard Dreher ein Gesetz mit dem harmlosen Namen Einführungsgesetz zum Ordnungswidrigkeitengesetz, kurz EGOWiG. Im Bundestag kapiert das niemand, es wird darüber nicht einmal debattiert. Damit konnte das Reichssicherheitshauptamtverfahren eingestellt werden.

ZEIT: Was genau hat sich mit dem Dreher-Gesetz in der deutschen Rechtsprechung verändert? Dieser Justizskandal ist ziemlich in Vergessenheit geraten.

von Schirach: Zunächst muss man wissen: Die Rechtsprechung der Bundesrepublik folgt nach 1945 absurderweise dem Führerprinzip. Nur die höchste Führung der Nazis wie Hitler, Göring oder Himmler wurden als Mörder angesehen, alle anderen als Gehilfen. Das allein ist schon eine Konstruktion am Rande des Wahnsinns. Mit dem Dreher-Gesetz aber wurde festgelegt, dass bestimmte Mordgehilfen nur wie Totschläger und nicht wie Mörder zu bestrafen sind. Und das hieß, dass ihre Taten mit einem Schlag verjährt waren.

ZEIT: Und das war nicht rückgängig zu machen?

von Schirach: Nein, wenn eine Straftat einmal verjährt ist, kann das im Grunde nie wieder rückgängig gemacht werden.

ZEIT: Schwer vorstellbar, dass das Gesetz unbemerkt den Bundestag passieren konnte?

von Schirach: Genau das ist aber passiert. Das Gesetz war ein trojanisches Pferd, einfach und unscheinbar, und es war Teil eines ganzen Gesetzespakets. Weder die Landesjustizverwaltungen, die Mitglieder des Bundestages, der Bundesrat noch die Rechtsausschüsse haben die Brisanz erkannt.

ZEIT: Wer war dieser Eduard Dreher?

von Schirach: Jeder Jura-Student kennt seinen Kommentar zum Strafrecht, jeder Richter hat ihn noch heute auf dem Tisch. Aber im »Dritten Reich« war er Staatsanwalt am Sondergericht Innsbruck und plädierte selbst bei kleinen Vergehen wie Lebensmitteldiebstahl für die Todesstrafe. Nach dem Krieg machte er rasch Karriere als Beamter. Er starb mit allen Ehrungen. Man kann ihm bis heute keine unlautere Absicht bei der Formulierung des Gesetzes nachweisen. Wobei es sehr schwierig ist, sich vorzustellen, dass ein so perfides Gesetz versehentlich ausgearbeitet wurde. Er hat sich dazu nie geäußert.

ZEIT: Möchten Sie in Ihrem Roman aufzeigen, dass sich die deutsche Justiz nach 1945 nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat?

von Schirach: Ganz bestimmt hat sich die deutsche Justiz nicht mit Ruhm bekleckert. Nehmen wir nur den Prozess von Theodor Pillich 1963. Der war ein kleiner Soldat, Mitglied einer Pioniereinheit. Als er einen Tag Urlaub hatte, meldete er sich freiwillig zu einem Erschießungskommando. Er sagte, er wolle etwas »Sinnvolles« tun. An diesem Tag hat er mindestens 162 Leute erschossen. Als zwei Kinder sich an die Beine ihres Vaters klammerten, hat er erst diese erschossen und dann den Mann zur Hinrichtung geführt. Pillich wurde vor Gericht als Gehilfe, nicht als Mörder eingestuft. Er bekam drei Jahre und drei Monate.