Politik und Lyrik Nr. 26 Dichter am Tisch mit der Zeit oder Totaleindrücke? Fehlanzeige

Seit dem 10. März versuchen wir im Politikteil der ZEIT, Politik von einer anderen Seite und auf andere Art wahrzunehmen. Elf Lyrikerinnen und Lyriker verfassen eigens für die ZEIT Gedichte, sie zeigen uns ihre Sicht auf die Politik. Mal schreiben sie unabhängig von den Ereignissen, mal gehen sie direkt auf politische Erlebnisse ein. Womit wir anfangs nicht gerechnet hatten, das ist die Fülle und Dichte der Ereignisse, wie wir sie seit Anfang dieses Jahres erleben. Die Gedichte wurden dabei häufig sehr aktuell, einige am Tag nach politischen Entscheidungen oder nach Katastrophen verfasst. Diese Woche beschreibt Michael Lentz ein Abendessen von Lyrikern mit ZEIT-Redakteuren.

Michael Lentz: Dichter am Tisch mit der Zeit oder Totaleindrücke? Fehlanzeige

Neulich bei einem jener Abendessen Tisch komplett die Bomben gute Stimmung in Öl.
Beklagt wurde allgemeine Schwäche – der Politik vor allen – und die Abwesenheit
der Kellnerin. Jedoch die Themen wie Weißbrot schnell bei der Hand (gewiss ein Vergleich ist wie
eine Entschuldigung.) »Solche gesellschaftlichen Spannungen wie aktuell in England
oder in anderen europäischen Ländern haben wir glücklicherweise derzeit
nicht«, sagte Friedrich. Wir diskutierten sodann die Frage, ob der Leichtsinn solcher Sage
nicht sportlich genommen werden kann, den Fritze eines Besseren zu belehren, und wie
lange hält denn »derzeit«? Antwort: Wer kennt schon Friedrich? Bösputz und Schwafelbach schwärmen bereits
vom neuen Kinderwagen der RAF, der in jedem Feuer scheint. Das Auto brennt, die
CDU zum Wahlkampf rennt. Ungereimtes. Schon schmückt das Wrack die Krippe Wahlplakat. Es geht
doch nichts über das gute alte Emblem: »Sieht man ja was es ist« (Sig Mar Pol Ke sah es).
Das beste Autowort spricht Meyer: »Lebensstilintoleranz«. Zumindest Bennsche Länge.
(Mal wieder Meyer lesen, Conrad Ferdinand! Bei ihm kamen Mutter immer die Tränen.)

Anzeige

Die Kellnerin erscheint, wir salutieren. Bestelltes trudelt ein: Maultasche Poesie
Lamm Flamm und Brass, Gesellschaft auf Durchreiche, mampfend: Es geschehen so mächtige Dinge.
Und die Politiker sind weltweit schwach. Poeten müssten endlich wieder Hymen auf den
Staat verfassen können dürfen. Sehnsucht war ein Thema, im Plural gleich. Man kann das nur schlecht
formulieren. Schalltoter Schmerz allerorten. Ringsum knallts. »Untier Gebrauch.« Das Ohr bleibt leer.
Wenn der Herr einlädt bedröhnt sich frei, nach Adorno, die Gemeinde den Wanst: »Dämmerungen –
keine Allgemeintendenz«. Politik: Akkusativ des Inhalts: Anklage. Der Dichter
als »Tankwart für Lebensinhalt«? Rückt aber nichts raus von jener unkonzentrierten Essenz.
Was ärgert uns dieser Hunger am Horn von Afrika, herrscht doch bei uns ein Parkplatzproblem.
»Oder sind Hunger und Finanzkrise bei Ihnen angekommen?«, fragt Bernd. Unnötige
Fremdparanoia, meint Ann. Das Glas des Iphones schön hart dank Sklaven in China, sagt Ulrich.
Probebohrung im Gerät: Härteste Arbeit sorgt für härtestes Glas. Und Zufriedenheit.
Die Mitarbeiter des chinesischen Zulieferers springen am liebsten aus dem Fenster.

Verdienst gleich null. Warum liebe ich das Iphone? Weil es Folter ist, kein Geld auszugeben.
Die Firma hat jetzt Auffangnetze ums Gebäude gespannt. China trotzt den Sündenfällen.
Die Mitarbeiter müssen unterschreiben, dass sie keinen Selbstmord mehr verüben werden.
1 Euro für den Straßenfeger. Westerwelle gestrandet im Seebad Binz. Wie Weißbrot.
Fazit des Abends nach fünf Gläsern Bier: Der Schub muss immer größer als der Widerstand sein.
Die gute alte Rede vom universellen Verblendungszusammenhang am Stammtisch:
Reichstag? Nur die Darstellung seiner Erfüllung. Sonnenuntergang allzeit nur symbolisch.
Dichter ist allein der Kuckuck mit seinem vielgestimmten Bettelruf. Das Nest ist zu schmal.
Werde Kreuzenzian-Ameisenbläuling und lass mich ins Unterirdische verschleppen.
Im Rahmen des Ganzen, das keinen Rahmen hat, verliert das Einzelne sich selbst – aber doch
niemals den Rahmen des Ganzen, das keinen Rahmen hat. Das ist im Großen und Ganzen ganz
schön härter als es im Einzelnen den wohlverdienten Feierabend hätte. Es sei denn,
es wäre ganz anders.

Michael Lentz

1964 geboren, lebt in Berlin und Leipzig. Er ist Autor, Musiker und Herausgeber. Bis heute sind folgende Gedichtbände erschienen: Neue Anagramme (1998, edition selene), Aller Ding (2003, S. Fischer), Offene Unruh. 100 Liebesgedichte (2010, S. Fischer). Zuletzt brachte er mit der Band Fünf Leute eine CD heraus: Immer Krisensitzung (2010, Double Moon).

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service