In den Sommerurlaub hat Gregor Gysi zwei Bücher mitgenommen, die seine Gemütslage ganz gut widerspiegeln dürften: Den lustig-belanglosen Berlin-Roman Drei Irre unterm Flachdach und die Holocaust-Erinnerungen von Michel Friedman. Ironische Distanz – und Horror. Was in den Monaten davor geschehen war, hatte ihm schwer zugesetzt. Da war der bittere Streit um Gesine Lötzschs Aufsatz für die Junge Welt , in dem sie mehrere »Wege zum Kommunismus« empfahl, ohne dessen Opfer zu erwähnen. Dann war da der Streit um die historische Legitimation der Mauer durch den »Krieg gegen die Sowjetunion«. Und da war, vor allem, der Streit um das Verhältnis der Linken zu Israel, der im Handumdrehen zu einer öffentlichen Betrachtung über linken Antisemitismus führte. Gysi soll verschiedentlich mit Rücktritt gedroht haben – eine Drohung, die die Genossen zwar ernst nehmen, weil er in der Vergangenheit schon oft die Brocken hingeworfen hat. So ernst aber auch wieder nicht, denn Gregor Gysi ist noch jedes Mal zur Partei zurückgekehrt. »Er hat doch nichts anderes«, sagt ein früherer Freund.

Im Osten wollen sie regieren, im Westen wollen sie recht haben

Als der Fraktionschef nach all den bitteren Streitereien auf Facebook im Juni von einem Abgeordneten der Linken lesen musste, »Dem Gysi geht der Arsch auf Grundeis«, da ist es wohl wirklich so gewesen: Gregor Gysi hatte Angst. Nie würde er die Zusammenführung von Ost- und Westlinker sein Lebenswerk nennen, das ist ihm zu dick aufgetragen. Aber wenn sie scheitert, dann ist es sein Scheitern. Er grübelt, warum partout nicht zusammenwachsen will, was doch eigentlich zusammengehört. Es gäbe da gewaltige Kulturunterschiede. »Meine ostdeutschen Landesverbände ringen um Akzeptanz. Das kennen meine westdeutschen nicht.« So kann man Sektierertum auch beschreiben. Aber so ist es: Die Linken im Osten wollen regieren, die im Westen wollen recht haben. Die Ostler brauchen die Westdeutschen, um erfolgreich zu sein; die Wessis sind sich selbst genug. Gregor Gysi kann das beobachten. Es zu ändern, fehlt ihm die Kraft.

Was tun? Etwa einmal pro Woche telefoniert Gysi mit Oskar Lafontaine. Sein früherer Co-Chef hat sich wegen einer Krebserkrankung nach Saarbrücken zurückgezogen. Offiziell lässt er sich nur noch selten zur Bundespolitik vernehmen, inoffiziell lenkt er übers Telefon. »Wenn jemand aus der Parteispitze gerade wieder mit Oskar telefoniert hat, dann hört man es an seiner Diktion«, höhnt ein Parteifreund. »Dann wissen wir: der Oberlimberg hat gesprochen.« Lafontaine kann den schneidigen Politkommissar geben. Gysi kann das nicht. Vergangene Woche wollte er beispielsweise durchsetzen, dass die Fraktion die Zusammenarbeit mit der Jungen Welt einstellt , weil die sich auf ihrer Titelseite für den Bau der Mauer bedankt hatte. Sarah Wagenknecht und andere starteten eine Gegenkampagne – und gewannen die Oberhand. Wagenknecht, so fürchten manche Reformer, könne im Oktober an Gysis Seite als Teil einer Doppelspitze die Fraktion führen. Gysi könnte das nicht verhindern; Lafontaine könnte es. Die Arbeitsteilung good cop/bad cop hat auch jetzt bei der Fraktionstagung in Rostock funktioniert. Lafontaine kam an, und alles innerparteiliche Gezeter gefror. Fast zwei Tage lang folgte der steinerne Gast aus Saarbrücken der Versammlung schweigend. Deutete nur an, dass man lernen könne, an Mikrofonen auch einfach mal vorbeizugehen. Mahnte am Ende, man solle doch nicht aufs Spiel setzen, was man auch unter seiner Führung erreicht habe. Und siehe da: Die Klausur wurde als Erfolg verbucht, auch in der viel gescholtenen bürgerlichen Presse.

Das Kapital ist in der Krise – und der Linke nützt es gar nichts

Nur gewinnen Politkommissare in Deutschland keine Wahlen. Sowohl Gysi als auch Lafontaine, good cop und bad cop , hatten im Frühjahr alles gegeben, um Die Linke in Baden-Württemberg und in Rheinland-Pfalz zum Erfolg zu führen: vergebens. Jetzt, ausgerechnet in der herrlichsten Krise des Kapitals, schmelzen auch noch die Bastionen in Mecklenburg-Vorpommern und in Berlin. »Die Leute haben Angst«, sagt Gysi, »da gucken sie als Erstes nach wirtschaftspolitischer Kompetenz. Die vermuten sie bei uns nicht – obwohl wir das natürlich könnten«, sagt er, und lacht sein meckerndes Gysi-Lachen.

Wenn die Vergangenheit Die Linke mal wieder eingeholt hat, wenn man sich wieder gegenseitig Blessuren zugefügt, sich entschuldigt oder verklagt hat, beschließt man jedes Mal aufs Neue, sich aufs Kerngeschäft zu konzentrieren: Mindestlöhne, Hartz IV, Armut, Krieg in Afghanistan. Aber dann kommt wieder ein Aufsatz, in dem Lafontaine den Finanzkapitalismus mit dem Stalinismus gleichsetzt, und das Spiel geht von vorne los. Gregor Gysi weiß, dass er sich dem entgegenstellen müsste. Ernst. Ohne Hintertür in die Ironie. Nicht die Panik und die Wut mit Witzen in Schach halten, wie sein Vater. Ohne Zuflucht zu Programmen, Kommissionen, Mehrheitsbeschlüssen. Er müsste kämpfen, mit offenem Visier. Er müsste von den Westdeutschen verlangen, mit der Verharmlosung des Kommunismus ein für alle Mal zu brechen. Er müsste sich gegen seine Partei stellen, oder jedenfalls gegen den mächtigsten Teil davon. Aber das kann er nicht. Das wäre, als würde er seiner Familie den Rücken kehren. Gregor Gysi ist jetzt 63 Jahre alt. Er will nicht einsam enden. Nicht als jemand außerhalb der Partei, nach dem kein Hahn mehr kräht.