Gregor Gysi hat alles für seine Partei getan. Seit 22 Jahren ist er ihr Gesicht. Er hat Freunde vor den Kopf gestoßen, seine Gesundheit ruiniert und sich vieles schöngesungen, was ihm eigentlich gegen den Strich geht. Mehrfach hat er die Partei, die heute Die Linke heißt, vor dem Untergang gerettet. 1989, als er die SED nicht sterben ließ, sondern in die PDS überführte, deren Vorsitzender er wurde. 2007, als er die PDS mit der westdeutschen WASG fusionierte. 2010, als er in aller Öffentlichkeit seinen Freund, den damaligen Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch opferte, um einen Burgfrieden zwischen Reformern und Dogmatikern zu erreichen, der dann nie kam.

Jetzt liegt Die Linke am Boden. Im Osten stirbt die Partei an Altersschwäche, im Westen kommt nichts Neues dazu. Der Rest verkeilt sich alle zwei Wochen in irgendeinem bizarren Streit, verklagt sich vor Gericht, verschickt untereinander Hassmails. In Berlin fliegt Die Linke aller Voraussicht nach aus der Regierung mit der SPD . In Mecklenburg-Vorpommern , wo sie bis vor wenigen Monaten stärkste Partei zu werden hoffte, rechnet man für die Landtagswahlen am kommenden Sonntag nur noch mit maximal 17 Prozent. Andere Parteien machen Politik, Die Linke macht Geschichtspolitik: Kommunismus, Stalinismus, Mauerbau – man verhält sich wie die Piraten im Asterix-Comic, die sich angesichts der herannahenden Gallier immer schon selbst zerlegen. Ausgerechnet in einer Finanzkrise , in der sich sogar Konservative fragen, ob Marx nicht doch recht hatte, ist Die Linke zur Bedeutungslosigkeit verkümmert.

22 Jahre nachdem Gregor Gysi zum ersten Mal Vorsitzender der PDS wurde, steht er vor den Trümmern seines Lebenswerks. Niemand anders, kein Oskar Lafontaine und kein Lothar Bisky, hat die Partei so geprägt wie er. Die Krise muss etwas mit ihm zu tun haben. Gregor Gysi hat seine Partei kaputtgerettet.

Die Geschichte, die erklärt, was ihn treibt, streut er beim Gespräch in seinem Bundestagsbüro harmlos kichernd zwischen einige Bemerkungen zur Tagespolitik ein. Es ist eine haarsträubende Geschichte aus der Mitte des Zweiten Weltkriegs, der entscheidende Moment im Leben seiner Eltern. Sein Vater, Klaus Gysi, und seine Mutter Irene, zwei linke deutsche Juden, bekommen kurz nach Hitlers Überfall auf Polen von der Kommunistischen Partei einen geradezu selbstmörderischen Befehl: Sie sollen aus dem französischen Exil nach Deutschland zurückkehren, in die waffenstarrende Hauptstadt des Dritten Reichs, und dort in der Illegalität die Parteiarbeit organisieren. Ein Himmelfahrtskommando.

Sie nehmen den Zug nach Berlin, mit gut gefälschten Papieren. Kaum haben sie sich gesetzt, geht die Tür auf und sechs SS-Leute treten ein. Klaus Gysi erzählt ihnen einen Judenwitz nach dem anderen. Er redet um sein Leben.

Gregor Gysi hat aus dieser Episode eines gelernt: Du bist nichts, die Partei ist alles. Mehr als der Vater, mehr als die Mutter. Es ist diese klirrende Kernüberzeugung, die den kommunistischen Widerstand gegen Nazideutschland am Leben hielt. Vor dem Todesmut des Vaters und der Kampfgenossen, die nicht so viel Glück hatten, sah alles, was die DDR mit politischen Gegnern machte, wie kleines Karo aus. »Die DDR war nicht demokratisch, keine Frage«, hat Gysi einmal gesagt. »Die Frage ist: War sie antifaschistisch?«

Der Antifaschisten wegen verbietet sich der vollständige Bruch mit der Vergangenheit, weil er wie Verrat an den Märtyrern der Bewegung wirken würde. Wie unter Zwang muss die Partei immer wieder Rekurs nehmen auf die Zeit, als man moralisch noch im Recht war, ob in der Stalinismus-Debatte oder im automatisch erstellten Brief an Fidel Castro : ein historisches Tourette-Syndrom, ein Tick. Als Gregor Gysi 1989 nach seiner Wahl zum Vorsitzenden der PDS gefragt wurde, warum ausgerechnet er – ein Intellektueller, ein weltgewandter Anwalt mit großbürgerlicher Lebensart – sich zum Fürsprecher der Apparatschiks wählen ließ, sagte er: »Wer bin ick denn, det ick der Partei, die Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht jegründet haben, det Licht ausknipse?«

Eine zweite Lektion hat ihm ausgerechnet ein Konservativer beigebracht. Warum, so hatte Gysi einen Mann von der CDU-Spitze gefragt, ist mein Vater der Partei gegenüber nie so mutig gewesen wie im Zug mit den SS-Leuten? »Das verstehen Sie nicht?«, fragte der zurück. »Wenn die Nazis ihn umgebracht hätten, wäre er als Märtyrer und als Teil einer großen Familie gestorben, man hätte sein Gedenken in Ehren gehalten. Wenn er der Partei den Rücken gekehrt hätte, wäre er vereinsamt. Kein Hahn hätte mehr nach ihm gekräht.«