Helmut SchmidtWo Helmut Kohl recht hat

Helmut Schmidt über die Kritik an der Bundesregierung von 

Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt

Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt  |  © Ingo Wagner/dpa

DIE ZEIT: Es ist ja ungewöhnlich, dass ein ehemaliger deutscher Bundeskanzler die Arbeit einer Parteifreundin derart rigoros beurteilt, wie Helmut Kohl es getan hat . Was mag ihn angetrieben haben?

Helmut Schmidt: Die psychologischen Hintergründe von Helmut Kohls Kritik will ich nicht erörtern. Wohl aber will ich deutlich sagen, dass ich selber, eigentlich schon beginnend im Laufe des Jahres 2010, die außenpolitische Wirkung der deutschen Bundesregierung mit wachsender Skepsis betrachte. Dazu habe ich mich in meinen öffentlichen Auftritten und in meinen Artikeln in der ZEIT sehr zurückgehalten, aber in der Sache bin ich seit anderthalb Jahren derselben Meinung wie Helmut Kohl. Dass er es laut gesagt hat, hat vielleicht Teile seiner Partei gestört, einige seiner Parteifreunde waren damit durchaus einverstanden. Aber das ist in meinen Augen nicht so wichtig wie die Tatsache, dass er recht hat.

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ZEIT: Womit hat er denn recht?

Helmut Schmidt
Helmut Schmidt

Helmut Schmidt wurde am 23. Dezember 1918 in Hamburg-Barmbek geboren. Er ist seit 1983 Mitherausgeber der ZEIT und war zwischen 1974 bis 1982 der fünfte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.

Schmidt: Für mich ist der Kernsatz in Kohls Kritik: Man muss sich auf die Deutschen verlassen können. Und das ist gegenwärtig weder in Paris noch in London noch in anderen Hauptstädten in Europa der Fall. Unsere Nachbarn können sich im Augenblick nicht mehr unbedingt auf die Deutschen verlassen; sie rätseln, was die Deutschen wollen. Die Deutschen haben den Eindruck zugelassen, dass ihnen der innerparteiliche Friede innerhalb der CDU/CSU oder die Landtagswahlen wichtiger sind als die Gewissheit, dass die europäische Integration fortschreitet.

ZEIT: Kohl sagt auch, dass er als Bundeskanzler der Aufnahme Griechenlands in die Euro-Zone "ohne durchgreifende strukturelle Veränderungen" nicht zugestimmt hätte. Die in dieser Frage "notwendigerweise harte Position Deutschlands" in den Verhandlungen zum Euro habe die rot-grüne Bundesregierung dann aufgeweicht.

Schmidt: Ich hätte ganz gewiss nicht nur Griechenland, sondern eine Reihe anderer Staaten nicht in die Euro-Zone aufgenommen. Der entscheidende Fehler wurde allerdings schon 1991 in Maastricht gemacht. Bereits damals hat man alle EU-Staaten zur Teilnahme an der gemeinsamen EU-Währung vorgesehen, sofern sie die sogenannten Konvergenzkriterien erfüllten. Das schloss Griechenland ein, während Großbritannien und Dänemark für sich einen Vorbehalt ausgesprochen haben. Die Verhandlungen über den Maastrichter Vertrag fallen noch in die Regierungszeit von Helmut Kohl.

ZEIT: Wie beurteilen Sie den Satz Ihres Nachfolgers, mit ihm hätte Deutschland auch nicht gegen den Euro-Stabilitätspakt verstoßen?

Schmidt: Dieser Verstoß geschah unter der Regierung von Gerhard Schröder, hier stimme ich der Kritik Kohls zu. Man muss dazu allerdings wissen: Die Deutschen waren nicht die Einzigen; die Franzosen haben die Stabilitätskriterien ebenfalls unterlaufen. Die beiden wichtigsten Staaten der Europäischen Union und des Eurolands haben gleichzeitig gegen diesen sogenannten Pakt verstoßen! Der Stabilitätspakt ist ja kein völkerrechtlicher Vertrag, sondern eigentlich nur eine Absichtserklärung zwischen Regierungen. Deshalb hat er nicht dieselbe Bindungswirkung, das ist sein großes Defizit.

ZEIT: Nun sagt die Kanzlerin mit einigem Recht, jede Zeit habe ihre eigenen Herausforderungen. Gehen Herr Kohl und Sie nicht zu streng mit Ihren Nachfolgern um?

Schmidt: Nein.

ZEIT: Wenn Sie heute Kanzler wären und von Ihren Vorgängern kritisiert würden – ginge Ihnen das nicht auch furchtbar auf die Nerven?

Schmidt: Ich habe so etwas selber auch erlebt. Das muss man aushalten.

ZEIT: Wer hat Sie kritisiert?

Schmidt: Zum Beispiel Willy Brandt. In indirekter Weise, aber vor einem großen Publikum.

ZEIT: Daran können Sie sich nach so vielen Jahrzehnten noch erinnern! Gefreut hat es Sie also nicht...

Schmidt: Natürlich nicht. Die Politik ist auch nicht dazu da, dass sie einem Freude bereitet.

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Leserkommentare
    • Sonne08
    • 03. September 2011 0:36 Uhr

    Kritik an der Moderation richten Sie bitte an community@zeit.de. Dank, die Redaktion/se

  1. Billigste Polemik!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Sonne08
    • 03. September 2011 1:05 Uhr

    ohne begründen zu können?

    So sind die Dinge nunmal!

  2. über die Methode, wie der Eindruck von Verlässlichkeit hergestellt wird sicher streiten. Auch darüber das die angewandten Methoden mitunter teuer sind.
    Das ändert nichts daran, das beide Altkanzler nur auf unterschiedliche Weise Verlässlichkeit zu vermitteln mochten.
    Das haben alle Regierungen nach der Ära Kohl versäumt.
    Keine war in der Lage einen Weg zu finden, weil keine Regierung seit dem das für wichtiger hielt als die damit verbundenen Probleme.
    Dabei sollte man aber bedenken, dass auf Dauer ein steigender Vertrauensverlust teurer kommt, als die ärgerlichen Begleiterscheinungen.

    H.

    Antwort auf "Verlässliche Deutsche"
    • Sonne08
    • 03. September 2011 1:05 Uhr

    ohne begründen zu können?

    So sind die Dinge nunmal!

    Antwort auf "@ Sonne08"
  3. Wenn man das Wort "verlassen" benutzt, dann wohl eher im Sinne von " die Deutschen sind Verlassen".

    Wer hat denn die Schummelhaushalte zusammengeschustert !?

    Und zu "Kohl sagt auch", kann ich nur sagen:
    Kohl sagtE auch, die Steuern werden nach der Wahl nicht erhoeht..... ales heisse Luft...

    • Thongor
    • 03. September 2011 1:44 Uhr

    ..sondern die deutschen Politiker. Wir Deutschen haben uns auf die Versprechen verlassen, dass Europa für uns keine Nachteile bringt, vor allem nicht die Nachteile, die jetzt drohen: Die Transferunion mit unbeschränkter Haftung.

    Wir Deutschen haben das befürchtet, und wurden mit Pakten beruhigt, die die Politiker dann gebrochen haben. Alle Parteien haben mitgemacht, deshalb konnten wir nicht anders wählen. Alternativloses Schweigen ist aber keine Zustimmung.

    Zuallererst haben die deutschen Politiker Verantwortung gegenüber dem deutschen Volk. Dann erst gegenüber dem Ausland. Ach, Deutschland hat vom Euro profitiert? Es sieht so aus, als ob die, die profitiert haben, nicht die sind, die die Zeche zahlen sollen. Und außerdem: Ein fairer Deal ist, wenn ich vorher weiß, was es kostet. Ich hätte dann vielleicht anders entschieden.

    Es gibt nur eine Lösung: Weniger Europa. Zurück zur EG, und dann das politische Europa mit Königsrechten der Parlamente, nicht der Hinterzimmer, wieder aufbauen. Langsam und mit Volksabstimmung.

    Das derzeitige Europa ist auf gebrochenen Versprechen gebaut. Es kann nicht überleben. Es kann als Demokratie schnell, oder als Diktatur langsam scheitern. Wir werden sehen.

  4. Damit haben Sie die Verlässlichkeits-Lamentiererei der beiden Alt-Kanzler völlig zutreffend vom Kopf auf die Füße gestellt:

    "Zuallererst haben die deutschen Politiker Verantwortung gegenüber dem deutschen Volk..."
    >>> Genau dafür werden sie schließlich von uns gewählt.
    und:

    "Das derzeitige Europa ist auf gebrochenen Versprechen gebaut."
    >>> Folglich erweist sich das gesamte Fundament als brüchig.
    Dieses Zitat gehört der Politik ins Stammbuch geschrieben!

    Das ganze Interview ist deshalb an Banalität kaum zu überbieten. Als Fan vom einstigen "Staatsmann" Helmut Schmidt bin ich sehr enttäuscht, was da aus ihm, dem bekanntermaßen Bedächtigen und Zurückhaltenden, inhaltlich herausgelockt worden ist.

    Wenn ZEITOnline-Leser, wie Sie z.B und viele andere, Gelegenheit hätten, Schmidt persönlich zu interviewen, würden mit Sicherheit andere, als diese weichgespülten Fragen gestellt werden. Wie und ob da überhaupt eine Beantwortung käme, sei mal dahin gestellt.

    Können diese Herrschaften, besonders Kohl und seine regierungsverantwortliche Crew, verd....nochmal, nicht einsehen und zugeben, dass sie selbst Fehler gemacht haben bei den entscheidenden Weichenstellungen nach der Wende und sich wenigstens beim Volk entschuldigen, statt uns weiterhin ihre abgehobenen Worthülsen via ZEIT, BILD u.anderswo zuzumuten?

  5. Natürlich, besitze ich nicht den politischen Sachverstand von Helmut Kohl und Helmut Schmidt. Vielleicht sollte man der gegenwärtigen Regierung vorschlagen, die Legislaturperiode, zum Regieren zu verwenden und nicht nur zur Profilpflege und Wahlkampf.

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  • Schlagworte Helmut Kohl | Helmut Schmidt | Bundesregierung | CDU | CSU | Gerhard Schröder
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