DIE ZEIT: Herr Erzbischof, wenn Papst Benedikt Ende des Monats nach Deutschland kommt, was hat er eigentlich für ein Bild von Deutschland?

Robert Zollitsch: Er kennt sich aus. Das habe ich bei meinem letzten Gespräch mit ihm wieder gemerkt, Mitte August in Castel Gandolfo. Da hat er sich eineinhalb Stunden Zeit für das Gespräch genommen und noch einmal eineinhalb Stunden für das Mittagessen. Und ich merkte: Er weiß gut Bescheid über uns.

ZEIT: Wie informiert sich denn der deutsche Papst über Deutschland?

Zollitsch: Einerseits ist sein Sekretär, Prälat Georg Gänswein , ja ein Deutscher. Er informiert ihn über die wichtigsten Dinge, auch aus dem Internet. Man kann ja vom Papst nicht verlangen, dass er selbst surft. Dann hat er einen großen Kreis von Freunden in Deutschland. Als ich Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz wurde, gab man mir gleich den Rat: Informiere den Heiligen Vater möglichst immer direkt. Und ich muss sagen, Papst Benedikt hört ausgesprochen gut zu.

ZEIT: Sieht er die Tagesschau oder Heute?

Zollitsch: Die Nachrichten schaut er mit den Ordensschwestern an, die ihm den Haushalt führen, oder er lässt sich Dinge von Prälat Gänswein vortragen. Ich kenne Gänswein übrigens seit seinem ersten Semester vom Studium her. Er kommt ja aus der Umgebung von Freiburg, und ich habe ihn die ganze Ausbildungszeit über begleitet.

ZEIT: Was zählen die deutschen Katholiken in Rom?

Zollitsch: Also, wenn ich das mal polemisch sagen darf: Überall dort, wo man meint, man brauche Geld, da zählen die Deutschen viel. Als etwa der Heilige Vater nach Zypern reiste, erhielt ich einen Brief des dortigen Erzbischofs, ob wir da nicht zu den Kosten etwas beitragen könnten. Es gibt noch ähnliche Beispiele.

ZEIT: Die Deutschen als Zahlmeister?

Zollitsch: Wir empfinden darin durchaus Positives: Die deutschen Hilfswerke tun viel für die Weltkirche, etwa Misereor, Missio, Adveniat und Renovabis und die Caritas. Die Priesterausbildung in Lateinamerika, nehmen Sie Peru, wird im Grunde von Deutschland finanziert. Auch 60 Prozent der Priester aus Südafrika werden aus Deutschland finanziert. Die deutschen Katholiken machen das vor allem durch ihre Kirchensteuer möglich. Das wird in Rom durchaus anerkannt.

ZEIT: Stehen die Deutschen nicht zugleich unter dem Generalverdacht der Rebellion?

Zollitsch: Natürlich gibt es in Rom auch andere, die wittern gleich den Glaubensabfall, wenn wir in Deutschland etwas kontroverser diskutieren. Da muss ich dann sagen: Durch die vielfältige Diskussionserfahrung – nicht zuletzt im ökumenischen Kontext – streiten wir anders über Glaubensfragen, als das in Italien der Fall ist. Aber diese Offenheit für Diskussionen, die es in Deutschland gibt, wird in Rom nicht ganz leicht verstanden.

ZEIT: Das gilt auch für Benedikt?

Zollitsch: Als Deutscher kennt der Heilige Vater das selber zur Genüge. Doch manchen Kardinälen muss man die Situation schon mal ein bisschen intensiver vermitteln. Aber das geht dann auch.

ZEIT: Das ist der lange Schatten Luthers ?

Zollitsch: Ja, Deutschland wird in Rom, nicht vom Heiligen Vater selber, gern noch als Land der Glaubensspaltung gesehen. Manches starke Wort von Luther, auch über die Päpste, wird bis heute kolportiert. Das beschwört selbst dann gewisse Ängste herauf, wenn wir innerkatholische Dinge diskutieren. Durch die Reformation wird von vielen in Rom eine Wunde empfunden, was man psychologisch und theologisch verstehen kann.