Das Gerücht, die Frauen hätten in den siebziger Jahren ihre BHs verbrannt, hält sich deshalb hartnäckig, weil es so ein einleuchtendes Bild ist: Natürlich drückt weibliche Befindlichkeit sich in Unterwäsche aus, und ganz sicher ist ein Büstenhalter ein Politikum. Mode war für Frauen immer ein Ausdrucksmittel und die Möglichkeit, ein Individuum zu sein, bevor die Gesellschaft in Frauen Individuen sah. Männer halten Mode für oberflächlich; in ihren Augen ist Mode eine Verkleidung. Frauen aber haben ein intimes Verhältnis zur Mode, denn sie dürfen mit Mode etwas Inneres ausdrücken, das ein Gefühl oder eine Identität oder ein Selbstbild sein kann. Die Mode, sie gehört den Frauen.

Aber entworfen und ins Bild gesetzt wurde Mode lange von Männern. Es gab Charles Frederick Worth, der im 19. Jahrhundert in Paris die Haute Couture erfand und der Erste war, der seinen Namen auf Etiketten in der Kleidung schrieb. Es gab Yves Saint Laurent und John Galliano. Erst heute, da kreative Karrieren auch Frauen offenstehen, sind sie nicht mehr nur die Rezipienten der Mode, nicht mehr nur der Fanclub.

Heute machen Frauen die Mode selbst, und die Mode wird subtiler, glaubwürdiger, genussvoller. Sie entwerfen einen neuen Stil, der selbstbewusster ist, selbstbezogener, nicht dazu da, zu zeigen, wie viel Geld der Ehemann verdient. Phoebe Philo, eine junge Britin, sanierte erst gemeinsam mit ihrer Studienfreundin Stella McCartney die französische Marke Chloé, kümmerte sich dann ein paar Jahre nur um ihre Familie, um jetzt innerhalb kürzester Zeit das französische Traditionshaus Céline zu einem der beliebtesten Labels zu machen. Frauen sind heute wichtige Akteure im Handel, wie Natalie Massenet, die als Erste daran glaubte, dass Frauen auch Mode im Internet kaufen wollen, und ihren Onlineshop net-a-porter vor Kurzem für 50 Millionen Pfund verkaufte. Frauen sitzen im Vorstand der Luxuskonzerne, wie Angela Ahrendts bei Burberry. Sie theoretisieren über Mode wie die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken und Cathy Horyn, Reporterin bei der New York Times. Frauen gestalten selbst ihre Garderobe und somit das Bild, das sie abgeben.

Mit dem Beginn der bürgerlichen Gesellschaft und des Bürozeitalters legten Männer ihre Perücken ab, ihre Schleifen, Absatzschuhe und parfümierten Taschentücher und überließen es den Frauen, sich zu »putzen«. Hübsch auszusehen und gut zu riechen war fortan den Frauen vorbehalten. Sie übten sich in der Sprache der Mode und der Schönheit. Die Jobs überließen sie den Männern. Einige frühe Designerinnen gab es: Coco Chanel, über die gerade drei neue Biografien erschienen sind (in denen sie als Person nicht immer gut wegkommt), Elsa Schiaparelli, Jeanne Lanvin, Madeleine Vionnet, Madame Grès. Doch es dominierten die Männer. Wie bei den Köchen: Frauen kennen sich zwar besser aus, berühmt werden die Männer. Es gab und gibt in der Mode ein paar große Männer namens Paul Poiret, Christian Dior und Marc Jacobs. Aber es sind die vielen Frauen, die Trägerinnen, die täglich ihre Zeit, Fantasie und Intelligenz auf die Mode anwenden. Frauen verstehen, was andere Frauen anhaben, und wollen, dass andere Frauen sehen, was sie anhaben.

»Nur Frauen sehen Frauen angezogen, Männer sehen sie immer nackt«, schreibt die Literaturwissenschaftlerin Hannelore Schlaffer in ihrem Buch Mode, Schule der Frauen. Männer, solange sie keine großen Designer sind, erkennen in der Mode vor allem eine erotische Aufforderung. Boris Becker, leuchtendes Beispiel für männlichen Modeanalphabetismus, sagte, zu Gast bei einer Modenschau in Berlin, ihm gefielen Frauen mit Kurven besser als die mageren Models, er wolle was zum Anfassen.

Donatella Versace gelang es nach dem Tod ihres Bruder 1997, die Glitzer-Sex-Mode, die typisch war für Versace, zu modernisieren, indem sie das Aggressive aus den Schnitten nahm – man erinnert sich an Elizabeth Hurleys Versace-Kleid von 1994, das aus ein paar Bahnen Stoff und überdimensionalen Sicherheitsnadeln bestand. In der aktuellen Versace-Werbekampagne trägt ein Model – kurze Haare, markante Nase – einen schweren Wintermantel, den auch ein Seemann anziehen könnte. Donatella Versace entwarf einige der ikonografischen Kleider unserer Zeit, darunter das grüne »Jungle Dress«, sexy und sehr entspannt zugleich, das Jennifer Lopez im Jahr 2000 bei den Grammy Awards trug und sie zum Superstar machte. Das Kleid hängt heute im Museum. Und was fällt den Männern zu Donatella Versace ein? Sie wählten die Frau, die solche Roben erschaffen kann, in der Männerzeitung FHM zur »Unsexiest Woman in the World«.