Modelabel RodarteDas perfekte Schwesterunternehmen

Zwei junge Frauen aus Kalifornien sind mit ihrem Label Rodarte die Stars der Modewelt. von 

Die Rodarte-Designerinnen Kate and Laura Mulleavy bei einer Veranstaltung in New York im Februar 2010

Die Rodarte-Designerinnen Kate and Laura Mulleavy bei einer Veranstaltung in New York im Februar 2010  |  © Mimi Ritzen Crawford/Getty Images

Eine Schwanenfrau steht auf der Bühne, allein, bekleidet mit einem weißen transparenten Tüllkleid, das bis über ihre Knie reicht, der Ausschnitt ist rund und tief, zwei kleine zarte Flügel wachsen aus ihrem Rücken. Sie tanzt mit einer teufelsähnlichen Gestalt, die in einen Umhang aus schwarzen Federn gehüllt ist. Die erste Szene aus dem Film Black Swan zeigt das Ringen von gut und böse, hässlich und schön, zerbrechlich und stark. Natalie Portman spielt eine Ballerina, deren Doppelrolle als schwarzer und weißer Schwan sie in die Psychose treibt. Einige der Kostüme stammen von den Schwestern Laura und Kate Mulleavy, den Gründerinnen des Modelabels Rodarte. Sie lieben diesen Film, schon die erste Szene zeigt ihr ästhetisches Grundkonzept, eine Kombination aus Anmut und Brutalität.

Ihre Kleider hängen in Museen, die Schwestern haben in den vergangenen sechs Jahren fast alle wichtigen US-Modepreise gewonnen, und Natalie Portman trug eine Rodarte-Robe, als sie den Oscar für ihren Auftritt in Black Swan bekam. Im Augenblick gelten die Schwestern als die spannendsten Modedesignerinnen der USA.

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Laura Mulleavy gähnt, sie ist erst vor wenigen Tagen aus Italien nach Los Angeles zurückgekehrt. Sie ist erkältet, der Jetlag drückt ihre Augenlider nieder. Und Kate fehlt. Sie liegt krank im Bett. »Aber wir erzählen beide genau das Gleiche, auch wenn das keiner glauben will«, sagt Laura. Kate und Laura treten gewöhnlich gemeinsam auf. Sie teilen sich eine Mail-Adresse, und lange hatten sie auch nur ein Handy. Sie arbeiten zusammen, und sie wohnen beide noch bei ihren Eltern in Pasadena, nahe L.A. Nur anderthalb Jahre liegen zwischen ihnen: Laura ist 30, Kate 32. Sie sind bekannt dafür, dass sie Gruselfilme verehren und sich auch mal von SM-Outfits anregen lassen. Sie geben the weird sisters , die seltsamen Schwestern. Eine Geschichte, die sich gut vermarkten lässt. Und sie machen wunderbar eigenartige Mode .

Eine ihrer Kollektionen war von japanischen Horrorfilmen inspiriert, die Kleider sahen aus wie blutgetränkt, eine andere erinnerte an die Küstenwälder Kaliforniens, Kostüme, die wie Holz gemasert waren. Die diesjährige Herbst/Winter-Kollektion spiegelt die Welt von Terence Malicks Film Days of Heaven wider, einem Liebesdrama, das auf einer Farm in Texas spielt: Abendkleider, auf denen Weizenfelder in verschiedenen Lichtverhältnissen schimmern. Oft fehlt Stoff an Stellen, wo die Haut normalerweise bedeckt ist, es gibt Löcher, Raffungen, Schlitze. Rodarte-Kleider wirken wie Skulpturen, kleine Kunstwerke mit morbidem Charme.

Laura sagt, sie interessiere die gebrochene Schönheit, der Stachel der Rose, die andere, hässliche Seite. Kate ergänzt später in einer Mail: »Ich erinnere mich an ein Erdbeben in meiner Kindheit. Ich stand in der Küche, und innerhalb weniger Sekunden fielen Teller, Schüsseln und Gläser aus den Schränken und zerbrachen um mich herum. Ich war von den Scherben fasziniert. Ein zerbrochener Teller wird für mich und Laura immer interessanter sein als ein perfekter Gegenstand. Der Wert liegt im Makel, im Schatten, im Schmutz, in den Tränen.«

Nach dieser Theorie scheinen sie auch den Treffpunkt für das Gespräch ausgewählt zu haben. Das Raymonds in Pasadena ist ein Holzhäuschen im Schatten einer Brücke, daneben rauchen die Schornsteine eines riesigen Kraftwerks. Drinnen sind die Tische weiß eingedeckt, man sitzt auf grünen Lederbänken, und die Salate haben Namen wie »Salad of forgotten roots«. Ein heimeliges Lokal in einer unbehaglichen Gegend. Der Großvater der Schwestern unterhielt dort Mitte des letzten Jahrhunderts mit einer Band die Gäste.

Laura Mulleavy trägt eine graue Joggingjacke, schwarze Jeans und ein T-Shirt, auf dem ein Auto in Flammen steht. Sie ist ungeschminkt und sieht aus wie viele junge Frauen in Los Angeles, sportlich, als ob sie gleich aufs Skateboard steigen würde. Niemals trägt sie ihre eigenen Kreationen, auch ihre Schwester trägt sie nie. Sie nähen nicht für sich, wie viele andere weibliche Designer. Sie verfolgen einen eher künstlerischen Ansatz. Kleider sind ihre Form, sich auszudrücken, über ihre Kindheit, ihre Vergangenheit und ihre Umgebung nachzudenken.

Ihre Mode ist persönlich, ihre Kleider sind ihnen so nah, dass es für sie fast wie eine Überdosis Mulleavy wirken würde, sie auch noch anzuziehen. »Wenn du den ganzen Tag kochst, willst du am Abend auch nichts mehr davon essen«, sagt Laura. Der Kellner tritt an den Tisch, Laura bestellt sechs verschiedene Sorten Sorbet, die auf einer Glasplatte serviert werden. Ihr Abendessen.

Leserkommentare
    • 3cpo
    • 08. September 2011 9:49 Uhr

    Der Artikel liest sich wie das Drehbuch eines typisch amerikanischen Films, in dem der Protagonist vom Tellerwäscher zum Millionär wird. Aber irgendwie auch nicht. Die Mädels können sich kein Hotel leisten und müssen deshalb bei einer Freundin pennen. Mir kommen die Tränen. Aber sie schaffen es. Wie? Indem sie sich 1/2 Jahr lang auf der Cuch Horrorfilme anschauen. Dann basteln sie die erste Kollektion und schicken dem wichtigsten Mann in der amerikanischen Modebranche einen Brief. Siehe da: Der Typ bekommt den scheinbar, liest den sogar und zack gehts los. Sie gewinnen alle wichigen Modepreise der USA. Welche sind das denn? Sie werden zu Stars der Mdebranche. In den USA. Who cares, sagen sich da die Franzosen, Briten und Italiener. Jetzt alledings kommt was total Unerwartetes in dem Drehbuch. Eigentlich sind sie gar nciht erfolgreich, denn das Label bzw. Unternehmen steht auf wackeligen Beinen, weil die Herstellung der Klamotten so unglaublich teuer ist. Da führt sogar der Papa die Bücher. Weil man sich keinen Buchhalter mehr leisten kann? Auf der anderen Seite lassen sich die beiden von einer Presseagentur abschirmen wie Präsidenten. Also, ist doch Geld da. Ach ja, es gibt ja Geldgeber. Aber wer weiss, wie lange noch. Himmel, ist das unspannend. Klar, kann nicht jeder die Geschichte eines Karl Lagerfeld haben, aber man muss auch nicht mit Gewalt versuchen aus einer Latzhose Haute Couture zu machen. Zur Mode: "It's just another pretty dress" bringt es auf den Punkt.

  1. Ich finde es interessant, dass die Rodartes weit entfernt von der ansonsten üblichen size-zero Figur sind. Ich finde es allerdings schade, dass man die Anna Wintour/Vogue Diät nur so am Rande erwähnt aber nichts genaueres erklärt. Warum soll Anna Wintour wollen, dass die beiden abnehmen? Ansonsten, muss ich 3cpo widersprechen, ich finde den Artikel recht spannend geschrieben. Wäre schön wenn das Zeit Magazin auch nochmal im Winter (zu den Fashion Weeks) einen Mode Schwerpunkt machen würde.

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  • Schlagworte Natalie Portman | Calvin Klein | College | Mode | Ralph Lauren | New York
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