Dieser Text steht vor einem kleinen Dilemma: Einerseits gehört es sich nicht, zu schreiben, wie viel Weißwein und Bier Aki Kaurismäki bei unserem Gespräch zu sich nahm. Andererseits kann man es auch nicht ganz weglassen. Bei Kaurismäki scheint das Trinken wie eine Mischung aus Sprung in den Abgrund und kindlichem Seelenschutz. Kaurismäki trinkt, wenn er auf Festivals seine Filme vorstellen muss, die ihm wie aus der Unvollkommenheit geborene Momentaufnahmen vorkommen. Er trinkt, weil ihn das altkluge Gefasel in Interviews, das Durchleuchten der eigenen Autorenschaft, ängstigt. Wer Kaurismäki trinken sieht, der sieht einen Künstler vor dem sogenannten Künstlertum fliehen. Es ist eine ergreifende Flucht vor sich selbst. Und vor der eigenen Größe.

Wenn man Perfektionist sei, dann sei alles, was im Filmbild geschehe, für den Regisseur letztlich nicht kontrollierbar, also ein Fehler, sagt Kaurismäki. Aber immerhin seien es seine eigenen Fehler. »Do you really want to talk about the shit I made?« »Yes!«

Der Abend beginnt früh, in einem idyllischen Hotelgarten in Berlin-Mitte. Auf einer Veranda sitzt Aki Kaurismäki. Er raucht, bietet aber keine Zigarette an, »weil ich eigentlich aufgehört habe«.

Wie beginnt man ein Gespräch mit einem Regisseur, der nicht gerne über seine Filme spricht? Indem man über die Filme der anderen redet, die Kaurismäki liebt und verehrt: Robert Bresson, Jean-Luc Godard , Rainer Werner Fassbinder, Douglas Sirk, D. W. Griffith, Vittorio De Sica.

»Godard«, sagt Kaurismäki. Und dann sagt er etwa drei Minuten lang nichts. Ein Glas Wein bietet er aber schon an. Zum Wohl! Auf seinen neuen Film Le Havre.

»Karl Marx hat nicht an die elementare Gier der Menschheit gedacht«

»Okay, let’s talk about Godard!« Kaurismäki spricht leise. So leise, dass der Pegel des Aufnahmegerätes kaum ausschlägt. Godards Kunst bestehe darin, sofort zum Punkt zu kommen, sagt er. »Und zwar auf so clevere Weise, dass ihn niemand versteht. Ich hingegen bin so blöd, dass ich eigentlich nicht verstehe, wovon ich eigentlich erzähle. Im Grunde verstehen die Leute meine Filme nur deshalb so leicht, weil ich selbst sie nicht verstehe.«

Vielleicht gibt es an Kaurismäkis Kino auch gar nicht so viel zu verstehen. Es ist ein Kino der schönen Evidenz. Die Einfachheit und Klarheit seines neuen Films Le Havre besteht zum Beispiel in der Behauptung, dass die Welt besser sein könnte und sollte. Er erzählt von einem Ehepaar, das in einträchtiger Bescheidenheit zusammenlebt. Er (André Wilms), ein Schuhputzer am Bahnhof von Le Havre, bringt seinen kargen Lohn nach Hause. Sie (Kati Outinen) gibt ihm mit liebevoller Nachsicht einen Teil zurück, den er postwendend in der nächsten Bar vertrinkt.

Kaurismäkis Le Havre wirkt wie aus der Zeit gefallen. Die gepflasterten Gassen und schummerigen Lichter der Bistros erinnern an das französische Kino der dreißiger Jahre. Marcel Carné, Jean Renoir, Julien Duvivier – das Dreigestirn des poetischen Realismus könnte das Licht gesetzt haben. Und wie ein Seelenverwandter holt Kaurismäki die nebelumwogte Gaslaternenatmosphäre ihrer Filme in seine farbsatten Bilder. Seine Gemüsehändler und Bäckerinnen wohnen in den Requisiten von einst, doch die warmen Rot- und Blautöne holen sie in die Gegenwart. Seine Bardame sieht aus wie die ältere Schwester von Arletty, und jeden Moment könnte der junge Jean Gabin um die Ecke biegen. Wie alle Kaurismäki-Filme ist Le Havre gleichsam bigger than life, überformt die harte Wirklichkeit des Lebens mit Bildern und Helden, die aus dem Kino kommen. Sein Schuhputzer, der sich die Zigaretten wie ein Privatdetektiv aus einem Film noir anzündet, ist nebenbei der coolste Mensch der Welt.