Abgabenpolitik : Reichtum verpflichtet

Der Staat hat sich verausgabt. Jetzt müssen die Wohlhabenden mehr abgeben.

Holger Meyer ist an diesem Tag wieder unterwegs, um Geld in Erde zu verwandeln. Es ist ein warmer Augustmorgen, Meyer hat sein Karohemd aufgeknöpft, ein paar weiße Brusthaare schauen hervor. Er steigt aus seinem Gelände-BMW und greift in den Acker. Meyer fühlt die Krume, lobt den Kiesanteil. 16 Hektar in der Kölner Bucht. Deutschlands bester Boden, sagt Meyer. Es wird nicht lange dauern, bis das Geld kommt.

Holger Meyer, 56, ist ein ungewöhnlicher Immobilienmakler. Altbauwohnungen in bester Lage interessieren ihn nicht. Meyer verkauft Äcker, Wälder, Blumenwiesen, seit 15 Jahren schon. Er mag die Natur, den Geruch der Felder, das war immer so. Neu sind die Kunden, die Meyer jetzt hat.

Früher waren es Bauern, die zu ihm kamen. Jetzt sind es Manager, Unternehmer, reiche Erben. Sie bringen Geld mit, das vorher vielleicht eine Aktie war, ein Optionsschein, eine Griechenland-Anleihe. Geld, das Rendite sucht und eine sichere Anlage.

Wer gute Gewinne macht, sollte auch entsprechend Steuern zahlen. Ich hätte kein Problem, wenn der Spitzensteuersatz angehoben würde. Das bringt mehr, als die lange geführte Diskussion um eine Vermögensteuer wieder aufzuwärmen
Michael Otto, Versandmilliardär

Ackerboden gilt unter Wohlhabenden als gute Investition in diesen Tagen. Genau wie Gold, Diamanten, Oldtimer, Antiquitäten. Bei Auktionen erzielen türkische Maler Rekordpreise. Irgendwo muss das Geld ja hin.

Drei Jahre nach der Pleite der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers sind die Deutschen so reich wie nie zuvor. Sie besitzen Wertpapiere, Bankkonten, Häuser, Kunstsammlungen, insgesamt 7,4 Billionen Euro. Nur in Amerika und Japan gibt es geschätzt mehr Millionäre als in der Bundesrepublik.

Man könnte das als gute Nachricht sehen. Als Beleg dafür, dass die staatlichen Bankenrettungen und Konjunkturprogramme der Wirtschaft geholfen haben. Man könnte glauben, all die Milliarden, die sich in der Krise in Luft auflösten, sie seien wieder da.

In Wahrheit fehlen sie jetzt anderswo. In den Rathäusern und Ministerien der Republik, überall dort, wo Beamte die Schulden des Staates zählen. Die Finanzkrise hat sie um 20 Prozent nach oben getrieben. Der stärkste Anstieg seit dem Zweiten Weltkrieg.

Entwicklung der Haushaltsnettoeinkommen. Klicken Sie bitte auf das Bild, um die Grafik zu öffnen© ZEIT-Grafik

Das gilt nicht nur für Deutschland. Auch in Großbritannien, Frankreich, den USA, in fast allen Industrieländern hat der Staat der Wirtschaft mit viel Geld geholfen. Hat Aktienpakete und Firmenvermögen vor dem Verdampfen bewahrt. Überall hat er jetzt Schulden auf Rekordniveau. Weshalb sich überall dieselbe Frage stellt.

Wer soll das bezahlen?

Wir, die Reichen, schrieb in Amerika der Multimilliardär und Finanzunternehmer Warren Buffett kürzlich in einem Beitrag in der New York Times . Wir, riefen in Frankreich 16 Manager und Unternehmenslenker vergangene Woche in einem öffentlichen Appell und fügten an: »Besteuert uns!« Wir, sagte in Italien Luca Montezemulo, Chef des Sportwagenherstellers Ferrari.

Und in Deutschland?

In den vergangenen Tagen hat die ZEIT rund hundert prominente, wohlhabende Bundesbürger kontaktiert. Unternehmer, Manager von Dax-Konzernen, reiche Erben, Schauspieler, Musiker, Präsidenten von Fußballvereinen. Menschen, die Millionen besitzen, manchmal Milliarden.

Alle bekamen dieselbe Frage gestellt: Würden Sie eine höhere Steuerbelastung akzeptieren, wenn sie dazu diente, die Staatsverschuldung zu senken?

Martin Winterkorn, Vorstandschef des Autokonzerns Volkswagen, Jahresgehalt 9,3 Millionen Euro, lässt ausrichten, er äußere sich nicht zu diesem Thema.

Dieter Bohlen, Musikproduzent und TV-Juror, geschätztes Vermögen 120 Millionen Euro, hat keine Zeit.

Martin Blessing, Vorstandsvorsitzender der Commerzbank, Jahresgehalt 617.000 Euro, will keine Stellung nehmen.

Ist die Frage womöglich unverschämt?

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Kommentare

114 Kommentare Seite 1 von 15 Kommentieren

Distinktionsmittel

Geld ist für viele überaus bzw. obszön Wohlhabende Distinktionsmittel. D. h. ein willkommenes Unterscheidungskriterium gegenüber den ganzen normalen Habenichtsen (abgesehen davon, dass die Geld-Fetischisten untereinander konkurrieren, um perverses Prestige und so).

"Habe mehr, bin mehr" heißt die psychsiche Disposition dahinter. Um ja nicht auch nur ein bisschen "weniger" zu sein, wird an jeder Kröte festgehalten, der Hals nie voll genug gekriegt.

OK, Ihr Übermenschen und Ayn-Rand-Adepten ... wann gebt Ihr ihn auf, den angeblichen Krieg aller gegen aller?