ZEITmagazin: Herr Gelernter, 1994 hat der Una-Bomber Ted Kaczynski versucht, Sie in die Luft zu sprengen – dessen Schriften dienten dem Oslo-Attentäter Anders Breivik als Inspirationsquelle. Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie von dem Terroranschlag erfuhren?

David Gelernter: Zunächst schlug mein Herz für die Trauernden, die für immer leiden werden. Dann stellte ich mir vor, was mit Breivik, der eine Art Nazi zu sein scheint, passieren wird. Da fiel mir Hitler ein, wie er in aller Ruhe und Gemütlichkeit in Landsberg Mein Kampf schreiben durfte. Es ist eine moderne Unart, Mörder als geisteskrank und verrückt abzustempeln, um nicht über das Böse nachdenken zu müssen. Eine Gesellschaft, die Kriminelle und Mörder mit Nachsicht behandelt, kann moralisch ebenso verwerflich sein wie eine Gesellschaft, die zu harsch urteilt.

ZEITmagazin: Was half Ihnen, das Briefbomben-Attentat des Una-Bombers zu überstehen?

Gelernter: Als meine beiden Hände mehrere Wochen lang bandagiert waren und ich auf Hilfe angewiesen war, da waren alle zur Stelle: meine Frau Jane, meine Geschwister und meine Eltern. Ohne sie hätte ich es nicht überlebt. Sie waren meine Rettung. Und meine Haltung: Wer schwer verletzt ist oder durch Krisen gebeutelt wird, sollte keinem Selbstmitleid frönen. Selbstmitleid ist der größte Feind.

ZEITmagazin: Sie weigern sich, sich als Opfer zu sehen?

Gelernter: Ja, ich lehne eine solche Haltung vehement ab. Ich denke an Primo Levi, einen Auschwitz-Überlebenden, vor dem ich den größten Respekt habe. Er hat eindrucksvoll, mit einer fast unmenschlichen Selbstdisziplin, Auschwitz überlebt. An dieser preußischen Tugend nehme ich mir ein Beispiel.

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ZEITmagazin: Sie bewundern die preußischen Tugenden?

Gelernter: Nein, nicht das Preußische an sich, sondern die Selbstkontrolle. Selbstmitleid, wenn es beginnt, lässt sich kaum mehr bändigen. Es ist Teil des jüdischen Erbes, nicht nur mit den Bildern des außerordentlichen Leids und der Verbrechen gegen das jüdische Volk aufzuwachsen. Auch ein absolut hartnäckiger Stolz und die Verweigerung, sich zu ergeben, gehören dazu.

ZEITmagazin: Sie wurden bei der Explosion an Bauch, Brust, Gesicht und Händen schwer verletzt. Wie hat das Ihr Leben verändert?

Gelernter: Ich war Rechtshänder, und ich dachte, ich würde nie wieder malen können. Als die Ärzte mir erklärten: Was Sie mit Ihren Händen tun, ist in Ihrem Kopf – da begann ich, mit meiner linken Hand zu malen. Und ihre Prognose erwies sich als richtig.