Der Plan der Europäischen Union für die Umschuldung Griechenlands ist nicht unumstritten. Kaum jemand weiß, dass die Bundesrepublik Deutschland auch einmal durch ein internationales Abkommen entschuldet wurde. Am 27. Februar 1953 unterzeichneten die Vertreter der USA, der westeuropäischen Staaten und der Bundesregierung das Londoner Schuldenabkommen. Für Deutschland endete damit eine Schuldenkrise, die 1931 in der Weltwirtschaftskrise begonnen hatte. Massive Geldabzüge ausländischer Anleger hatten die deutschen Schuldner gezwungen, mit ihren ausländischen Gläubigern ein Stillhalteabkommen abzuschließen. 1934 stellte die Reichsregierung auch die Zins- und Tilgungszahlungen bei internationalen Dawes- und Young-Anleihen ein, die Vorrang vor allen deutschen Verbindlichkeiten genossen. Der Kurs deutscher Anleihen fiel bis auf 25 Prozent – auf Schrottstatus. Die Reichsbank nutzte die Zahlungskrise aus, um deutsche Auslandsanleihen weit unter dem Nennwert zurückkaufen – und ruinierte den deutschen Kredit im Ausland.

1950 schätzte die für Deutschland zuständige Allied Bank Commission die Vorkriegsschulden auf 11,3 Milliarden D-Mark, dazu 16 Milliarden D-Mark an Verbindlichkeiten aus der amerikanischen Marshallplan-Hilfe und staatlichen Nahrungsmittelhilfen der USA und Großbritanniens. Diese Schuldenlast von 27,3 Milliarden D-Mark betrug 28 Prozent des damaligen Bruttoinlandsprodukts und lag damit weit unter den griechischen Auslandsschulden von heute. Da die junge Bundesrepublik an den Kriegsfolgen litt, die Handelsbilanz noch negativ war (weil die Einfuhren die Ausfuhren übertrafen) und die D-Mark erst 1958 vollständig in andere Währungen konvertierbar wurde, musste der Schuldentransfer über einen längeren Zeitraum gestreckt werden.

Als Gegenleistung für die Rückübertragung von Souveränitätsrechten an die Bundesrepublik forderten die Westalliierten eine förmliche Schuldanerkenntnis der Bundesregierung. Die Regierung Adenauer stimmte dieser Forderung zu. Deutsche Unternehmen hatten das größte Interesse an einer Regelung. Der lange Schatten des nationalsozialistischen default belastete sie auf dem Weltmarkt mit Liquiditätsproblemen und Zusatzkosten. Ausländische Exporteure forderten bei Lieferungen nach Deutschland Vorkasse, statt das übliche Zahlungsziel von 90 Tagen zu gewähren. Direktinvestitionen aus dem Ausland in Deutschland waren fast ausgeschlossen. An eine Kapitalmarktfinanzierung deutscher Unternehmen über im Ausland begebene Anleihen war nicht zu denken gewesen. Deutschlands Reintegration in die Weltwirtschaft wäre ohne eine Schuldenregelung unvollendet geblieben.

Die Bundesregierung ernannte anstelle eines Regierungs- oder Bundesbankbeamten Hermann Josef Abs, den Übervater der Deutschen Bank, zum Verhandlungsführer. Für Abs sprach neben seiner fachlichen Expertise seine Reputation in internationalen Finanzkreisen, die auch im Krieg nicht gelitten hatte. Die erste Verhandlungsrunde im November/Dezember 1951 brachte eine schnelle Lösung für die Nachkriegsschulden, da nur über staatliche Forderungen der USA und Großbritanniens verhandelt wurde. Der amerikanische Verzicht auf 62,5 Prozent der Schulden und die langfristige Rückzahlung in 35 Jahresraten bei nur 2,5 Prozent Zinsen erhöhten Deutschlands Spielraum für die Regelung der Vorkriegsschulden erheblich.

Die Konzessionsbereitschaft der privaten Vorkriegsgläubiger war nach dem einseitigen deutschen Zins- und Tilgungsmoratorium von fast 20 Jahren deutlich geringer. Abs griff zu einem Trick, um die geringere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Bundesrepublik gegenüber dem Deutschen Reich zu demonstrieren. Er ließ Wandkarten des geteilten Deutschland im Verhandlungssaal aufhängen.

Der deutsche Verhandlungsspielraum verringerte sich, als die Bundesrepublik im September 1952 das Wiedergutmachungsabkommen mit Israel unterzeichnete und damit zum ersten Mal Verantwortung für die Folgen des Holocaust übernahm.

Die Bedenken des Bundesfinanzministers Fritz Schäffer (CSU) gegen eine jährliche Rückzahlung von mehr als 500 Millionen D-Mark brachten die Verhandlungen an den Rand des Scheiterns. Erst als sich 1952 zum ersten Mal ein deutscher Handelsüberschuss abzeichnete, erhielt Abs für ein verbessertes Angebot an die Gläubiger grünes Licht.

Das Londoner Schuldenabkommen trug der verminderten Leistungsfähigkeit der Bundesrepublik dadurch Rechnung, dass der Zinssatz der Anleihen von teilweise sieben auf maximal fünf Prozent gesenkt wurde. Da alle Seiten eine Wiedervereinigung für möglich hielten, sollten die rückständigen Zinsen für die Jahre von 1945 bis 1952 erst nach der Wiedervereinigung über einen Zeitraum von 20 Jahren nachgezahlt werden – was von 1990 an tatsächlich geschah. Die letzten Zinszahlungen waren am 3. Oktober 2010 fällig.

Das Londoner Abkommen schuf für die Gläubigerstaaten und für die Bundesrepublik eine Win-win-Situation. Während die bundesdeutsche Wirtschaft von der Wiederherstellung ihrer internationalen Kreditfähigkeit profitierte, realisierten die Anleihegläubiger unerwartete Kursgewinne. Von 1951 bis 1953 stiegen die Kurse der Dawes- und Young-Anleihen von 15 bis 20 Prozent auf 70 bis 100 Prozent.