ZeitungsmarktErbfälle

Wem die Zeitungen der WAZ-Gruppe bald gehören. von 

Über ein halbes Jahrhundert lang sind die Eigentumsverhältnisse in der Essener WAZ-Gruppe stabil gewesen. Zwei Familien teilten sich die Anteile und die Macht: fünfzig zu fünfzig. Nun will die eine Seite die andere herauskaufen.

Die Geschichte beginnt mit einem lange zurückliegenden Zerwürfnis zwischen einem Vater und seinem Sohn. So schildern es langjährige Beobachter.

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Aber zunächst zu den Fakten: Die WAZ-Gruppe mit Sitz in Essen ist der drittgrößte Verlag in Deutschland und gibt diverse Regionalzeitungen heraus. Publizistisch dominiert sie das Ruhrgebiet (Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung), das nahe Sauerland (Westfalenpost) sowie das Bundesland Thüringen (Thüringer Allgemeine). Im fernen Österreich ist der Verlag mehr gelitten als geschätzt, weil er seit Langem Anteile an der größten Boulevardzeitung des Landes ( Kronen-Zeitung ) hält, die in ihrem medialen Einfluss den der hiesigen Bild -Zeitung noch überschreitet, ihr ansonsten aber genretypisch ähnelt.

Weniger bekannt, aber dafür sehr einträglich, ist das Zeitschriftengeschäft des Hauses (Gong, Das goldene Blatt, Echo der Frau), dazu die vielen Anzeigenblätter und die Beteiligungen an diversen privaten Radiostationen. Rund 1,1 Milliarden Euro hat die Unternehmensgruppe zuletzt umgesetzt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt der SPD-nahe Journalist Erich Brost eine erste Zeitungslizenz für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung und holte bald einen konservativen Kompagnon dazu, der die Hälfte der Anteile übernahm. Es war Jakob Funke. Seither gibt es ein Patt, das den geschäftlichen Erfolg oft störte, dem Wachstum aber nicht schadete. Dieses Wachstum machte den Verlag zugleich zu einem frühen Vorboten für die Konzentration im Zeitungsmarkt.

Beide, Brost und Funke, haben Kinder, aber Erich Brost hat sich vor langer Zeit mit seinem Sohn Martin Brost überworfen. Dieser ließ sich im Jahr 1978 auszahlen, ging nach Bayern und begann ein Leben als Biobauer. Er soll heute in der Nähe des Walchensees leben. Sein Vermögen ließ er von einigen eigens angestellten Experten aus München verwalten. Heute heißt so etwas Family Office.

Martin Brost hat seinerseits drei Kinder, die fern des Ruhrgebiets und fern des Essener Verlagswesens aufgewachsen sind. Das hinderte Erich Brost aber nicht, in seinem Testament zu verfügen, dass die drei Enkel seine Anteile an der WAZ-Gruppe erben sollen. Das ist inzwischen geschehen, nachdem im vergangenen September auch Erich Brosts Witwe, Anneliese Brost, gestorben war. Über ihre Anteile verfügen dürfen die drei Erben jedoch erst im Jahr 2015.

Nun unterbreitet ein Nachfahre aus dem Funke-Stamm, das Ehepaar Petra und Günther Grotkamp , das Angebot, die Anteile der Erben aus Bayern schon jetzt für 500 Millionen Euro zu übernehmen. Petra ist die Tochter von Jakob Funke, ihr Ehemann war lange Geschäftsführer der Gruppe und der Stratege des Hauses .

In den kommenden Wochen muss der Testamentsvollstrecker Peter Heinemann das Angebot im Sinne der Erben und mit Blick auf den letzten Willen von Erich Brost bewerten.

Dann könnte es nach 60 Jahren klare Mehrheitsverhältnisse geben – und einen neuen starken Mann. Der hieße dann Niklas Jakob Wilcke und ist der Sohn von Petra Grotkamp. Er solle, so das Ehepaar Grotkamp, künftig mehr Verantwortung im Verlag übernehmen.

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    • Schlagworte Echo | Enkel | Erbe | Essen | Ruhrgebiet | Sauerland
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