11. SeptemberEin falscher Krieg

Der Westen zehn Jahre nach 9/11: Zwischen Einsatz und Ertrag klafft mahnend eine mörderische Lücke. von 

US-Soldaten bei Kandahar im Einsatz, August 2011

US-Soldaten bei Kandahar im Einsatz, August 2011  |  © Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Der Feldzug gegen Gadhafi als Modell für den Befreiungskrieg? Die Antwort ist verführerisch. Der Luftkrieg war doch recht einfach: fünf Monate Bomben, und Gadhafi ist weg – ohne Nato-Verluste, ohne Bodentruppen und Reue. Schwerer aber wiegt die Erfahrung des ganzen Jahrzehnts seit 9/11.

Der Krieg in Afghanistan geht ins elfte Jahr, und er geht verloren. Das war der "gute" in Obamas Weltsicht. Und der "schlechte" im Irak? Der schien 2003 genauso glücklich zu enden. Nach nur drei Wochen und 173 Gefallenen war Saddam gestürzt. Heute klingt Bushs "mission accomplished!" wie Hohn. Ja, in Bagdad herrscht eine Art Demokratie, bislang die erste in der arabischen Welt, und der Irak ist nicht zersplittert. Doch nach einem grausamen Bürgerkrieg (2005 bis 2007) will der Terror nicht aufhören . Die tödliche Prüfung steht noch bevor: wenn die US-Truppen das Land verlassen.

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Die Kriege seit 9/11, rechnet das National Priority Project vor, haben Amerika bislang 1,3 Billionen Dollar gekostet; das ist fast so viel wie das Volkseinkommen von Russland. Die Koalitionskräfte haben im Irak knapp 5.000 Soldaten verloren, in Afghanistan 2.700 – von den zivilen Opfern ganz zu schweigen. War es die Sache wert? Für den Terror auf jeden Fall, denn noch nie haben so wenige mit so dürftigen Mitteln so vielen so großen Schaden zugefügt. Allein das neue US-Heimatschutzministerium kostet 55 Milliarden im Jahr. Und wie beziffern wir den Verlust der Freiheiten zu Hause – durch Überwachung, Rechtsbeugung und Angst? Im dschahannam , der Hölle des Islams, darf bin Laden jubeln.

Zeitleiste
Was seit 9/11 geschah
Der 11. September 2001

© Spencer Platt/Getty Images

Um 8.46 Uhr stürzt ein Passagierflugzeug in den Nordturm des World Trade Centers in New York. Als um 9.03 Uhr eine zweite Maschine den Südturm trifft, ist klar: Amerika wird angegriffen. In Washington rast um 9.37 Uhr ein weiteres Flugzeug ins Pentagon. Ein viertes, welches wohl das Kapitol treffen sollte, stürzt um 10.03 Uhr in der Nähe von Pittsburgh ab. Zu den Anschlägen bekennt sich al-Qaida. Mindestens 2989 Menschen sterben.
 

Krieg in Afghanistan

© Scott Olson/Getty Images

Am 7. Oktober 2001 beginnt der Krieg in Afghanistan. Er ist gegen die Taliban und al-Qaida gerichtet, die in Afghanistan Ausbildungslager unterhält. Der Einsatz stützt sich auf die UN-Resolution 1368. Ende 2001 beginnt die Isaf-Mission, ein friedenserzwingender Einsatz mit UN-Mandat, der bis heute andauert. Bislang fielen mehr als 2.700 Soldaten, darunter 53 deutsche. Noch viel höher ist die Zahl der getöteten Zivilisten; allein 2010 starben 2.777

Patriot Act

Als Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September sowie eine Anthrax-Anschlagsserie auf Nachrichtensender und Senatoren verabschiedet der US-Kongress am 25. Oktober 2001 ein neues Bundesgesetz. Die Abgeordneten nennen es "USA PATRIOT Act" (Uniting and Strengthening America by Providing Appropriate Tools Required to Intercept and Obstruct Terrorism Act): "Gesetz zur Stärkung und Einigung Amerikas durch Bereitstellung geeigneter Instrumente, um Terrorismus aufzuhalten und zu blockieren". Im November 2001 verschärft Bush das Bundesgesetz durch den Zusatz, dass Terrorverdächtige, die nicht die US-Staatsbürgerschaft besitzen, von nun an zu unbeschränkter Haft verurteilt werden können. Das Gesetz wurde seither mit zahlreichen Erweiterungen ausgestattet und ist noch heute gültig.

"Schuhbomber" gestoppt

© Saul Loeb/AFP/Getty Images

Am 22. Dezember 2001 scheitert der Versuch des Briten Richard Reid, ein Flugzeug auf dem Weg von Paris nach Miami zum Absturz zu bringen. Die Menge an Plastiksprengstoff, die er dazu in seinem Schuh versteckte, hätte dafür ausgereicht. Doch als Reid den Sprengsatz zünden will, wird er überwältigt. Reid sagt später aus, im Namen von al-Qaida gehandelt zu haben. Er wird zu dreimal lebenslang plus 200 Jahren Haft verurteilt. 

Die Bundeswehr in Afghanistan

© Miguel Villagran/Getty Images

Mit der Schlacht um den Höhlenkomplex Tora Bora beginnt im Dezember 2001 der deutsche Afghanistan-Einsatz. Die Spezialkräfte leisten im Rahmen der Operation Enduring Freedom Aufklärungs- und Abriegelungsarbeiten. Im Januar 2002 beginnt für die Bundeswehr der Isaf-Einsatz. Im Juli 2005 übernimmt Deutschland die Führung des Regionalkommandos Nord. Rund 5.000 Bundeswehrsoldaten sind in Afghanistan stationiert

Guantánamo-Erweiterung

© John Moore/Getty Images

Im Januar 2002 lässt die Bush-Regierung den Marinestützpunkt Guantánamo Bay auf Kuba um ein Internierungslager erweitern. Dort werden Terrorverdächtige festgehalten – ohne Anklage und oft ohne Rechtsbeistand. Geständnisse werden bisweilen unter Folter oder ihrer Androhung erpresst. Im Januar 2009 verfügt Barack Obama die Schließung des Lagers. Der Plan scheitert. 171 Gefangene sind noch in Guantánamo.

Bombenanschlag auf Djerba

© Fethi Belaid/AFP/Getty Images

Am 11. April 2002 sterben durch einen Anschlag auf der tunesischen Insel Djerba 21 Touristen, darunter 14 Deutsche. Die Urlauber besuchen die al-Ghriba-Synagoge, als ein Lastwagen mit rund 5000 Litern Flüssiggas das Gebäude rammt und explodiert. Später bekennt sich al-Qaida zu dem Anschlag. Im Januar 2009 beginnt in Paris ein Prozess, unter anderem gegen den Deutschen Christian Ganczarski. Er wird zu 18 Jahren Haft verurteilt.

Ground Zero vom Schutt befreit

© Eric J. TIlford/U.S. Navy/Getty Images

Die Räumung des Trümmerfeldes am Ground Zero wird im Mai 2002 nach acht Monaten Arbeit offiziell für beendet erklärt. Ausgewählte Überreste der zerstörten Türme, Autowracks und Flugzeugteile werden aufbewahrt. Gemeinden, Hilfsorganisationen und Privatpersonen können einzelne Erinnerungsstücke beantragen und ausstellen. Eines der Trümmerteile wird bald in Oberviechtach in der Oberpfalz stehen. 

Bombenanschläge auf Bali

© Choo Youn-Kong/AFP/Getty Images

Durch den bislang schwersten Terroranschlag in der indonesischen Geschichte werden auf der Insel Bali am 12. Oktober 2002 insgesamt 202 Menschen getötet. 209 Personen werden zum Teil schwer verletzt. Ein Selbstmordattentäter zündet eine Bombe direkt in einer Bar, eine Autobombe vor einem zweiten Lokal reißt weitere Menschen in den Tod. Zu der Tat bekennt sich die radikalislamistische Terrororganisation Jemaah Islamiyah.

Kriegsbeginn im Irak

© Mirrorpix/Getty Images

George W. Bush stellt dem irakischen Präsidenten Saddam Hussein am 18. März 2003 ein Ultimatum, das Land zu verlassen. Als Hussein nicht reagiert, greift die so genannte Koalition der Willigen unter Führung der USA den Irak an. Es ist ein völkerrechtswidriger Krieg. Am 9. April nehmen die Streitkräfte die irakische Hauptstadt Bagdad ein. Seit 2003 starben im Irak fast 4.500 US-Soldaten und mehr als 100.000 Zivilisten. 

Anschlagsserie in Istanbul

© Sean Gallup/Getty Images

Binnen einer Woche erschüttern zwei islamistisch motivierte Terroranschläge Istanbul. Am 15. November 2003 explodieren zwei Autobomben vor dem größten jüdischen Gotteshaus Neve Shalom und vor der Beth-Israel-Synagoge. Es sterben 24 Menschen, 240 werden verletzt. Fünf Tage später explodiert ein Kleinlaster vor einer britischen HSBC-Bank. 33 Menschen kommen ums Leben, 400 weitere werden verletzt.

Der Folterskandal von Abu Ghraib

© Behrouz Mehri/AFP/Getty Images

Im Mai 2004 werden Fotos und Filme aus dem Militärgefängnis Abu Ghraib im Irak bekannt. US-amerikanische Geheimdienst- und Gefängnismitarbeiter quälten dort Gefangene mit brutalen Methoden. Das Gefängnis war bereits unter Saddam Hussein berüchtigt, nach der Besetzung wurde es von der US-Armee zum Teil als Basis umgebaut. Die Bilder aus Abu Ghraib fügen dem Ruf der USA vor allem in muslimischen Ländern erheblichen Schaden zu. 

Saddam Hussein wird festgenommen

© Stefan Zaklin-Pool/Getty Images

In einem Erdloch in der Nähe seiner Heimatstadt Tikrit fassen amerikanische Besatzungstruppen den ehemaligen irakischen Machthaber Saddam Hussein. Nach Darstellung der USA hatte ihnen ein ehemaliger irakischer Geheimdienstler das Versteck des Diktators verraten. Saddam Hussein wird am 5. November 2006 in Bagdad zum Tode durch Erhängen verurteilt. Am 30. Dezember 2006 wird das Urteil in der Stadt al-Kadhimiya vollstreckt.

Anschläge auf Pendlerzüge in Madrid

© Getty Images

Der islamistische Terrorismus erreicht Europa. Am 11. März 2004 kommen durch Bombenanschläge auf vollbesetzte Pendlerzüge in der spanischen Hauptstadt Madrid 191 Menschen ums Leben, mehr als 2.000 werden verletzt. Der damalige spanische Regierungschef José María Aznar hält eisern an der These fest, die Anschläge seien von baskischen Eta-Separatisten verübt worden. Seine Partei verliert die Wahl drei Tage später. 

Luftsicherheitsgesetz in Deutschland

© Alex Grimm/Getty Images

Die Bundesregierung beschließt immer neue Anti-Terror-Gesetze. Das Luftsicherheitsgesetz vom Januar 2005 wird schon ein Jahr später durch das Bundesverfassungsgericht für verfassungswidrig erklärt. Ebenfalls vom höchsten deutschen Gericht kassiert wird die Regelung zur Vorratsdatenspeicherung. In Kraft sind dagegen weiterhin das Terrorismusbekämpfungsgesetz sowie die Neuregelung des BKA-Gesetzes. 

Anschläge auf die Londoner U-Bahn

© Stephen Munday/Getty Images

Eine weitere europäische Metropole wird zum Ziel islamistischer Terroristen: In den frühen Morgenstunden des 7. Juli 2005 sprengen sich in London vier "Rucksackbomber" in die Luft – drei von ihnen in vollbesetzten U-Bahnzügen, einer in einem Doppeldeckerbus. Sie reißen 52 Menschen mit in den Tod und verletzen mehr als 700. Nur wenige Tage später, am 21. Juli, scheitert eine weitere Anschlagserie in der Londoner U-Bahn. Die Sprengsätze detonieren nicht.

Der Fall Murat Kurnaz

© Sean Gallup/Getty Images

Ende 2005 wird der Fall des Guantánamo-Häftlings Murat Kurnaz bekannt. Der aus Bremen stammende Türke reiste kurz nach 9/11 nach Pakistan. Er gerät in US-Gefangenschaft, wird als Gotteskrieger beschuldigt und nach eigenen Angaben in Guantánamo gefoltert. Der Fall bringt den damaligen Außenminister Frank-Walter Steinmeier in Erklärungsnot, weil es bereits 2002 Angebote zur Freilassung Kurnaz' gab. Erst 2006 kommt er frei.

Terroranschläge auf Mumbais Nahverkehr

© STR/AFP/Getty Images

Mitten im Feierabendverkehr des 11. Juli 2006 erschüttern sechs Explosionen in Nahverkehrszügen die indische Millionenmetropole Mumbai. 209 Menschen sterben dabei, 714 werden verletzt. 2008 wird Mumbai nochmals Schauplatz eines Terroranschlags: Terroristen greifen mit Handgranaten und Schnellfeuerwaffen zehn Ziele in der Stadt an, besetzen das Luxushotel "Taj Mahal" und nehmen Geiseln. Fast 200 Menschen verlieren dabei ihr Leben.

Die "Kofferbomber" scheitern

© Friedemann Vogel/Getty Images

Ein Konstruktionsfehler verhindert am 31. Juli 2006 zwei Bombenexplosionen in Deutschland. Die beiden Täter hatten am Kölner Hauptbahnhof Gepäckstücke, die mit Sprengsätzen präpariert waren, in zwei Regionalzügen deponiert. Die Zerstörungskraft der Bomben war vergleichbar mit denen, die 2005 in London eingesetzt wurden. Einer der Täter wird in Deutschland zu lebenslanger, der zweite in Beirut zu zwölf Jahren Haft verurteilt.

Die Sauerland-Gruppe fliegt auf

© Kirsten Neumann/Getty Images

Am 4. September 2007 setzen Fahnder die vier Mitglieder einer deutschen Terrorzelle fest. Sie wird unter dem  Namen "Sauerland-Gruppe" bekannt, weil sie in dieser Region festgenommen wird. Im Dienst der Islamischen Dschihad Union (IJU) planten sie Anschläge auf US-Soldaten, dies geben sie später vor Gericht zu. Ihr Ziel sei der Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan gewesen. Sie werden zu teils langen Haftstrafen verurteilt.

Machtwechsel in den USA

Nach acht Jahren George W. Bush wählt Amerika am 2. November 2008 einen Neuanfang. Barack Obama erbt von seinem Vorgänger zwei Kriege. Jenen im Irak, gegen den er sich schon als Senator ausgesprochen hatte, will er möglichst rasch beenden. Im Laufe des Jahres 2010 lässt er die letzten Kampftruppen abziehen. Obama legt sein Augenmerk stattdessen mehr auf Afghanistan. Eine massive Truppenaufstockung auf 130.000 Soldaten soll die Wende bringen. Anfangs gelingt das Unterfangen, viele Taliban-Führer werden festgenommen oder getötet. Doch im Laufe des Jahres 2010 wird der Krieg blutiger denn je. Die Taliban vermeiden offene militärische Auseinandersetzungen. Stattdessen verüben sie Anschläge und legen Sprengfallen. Beobachter halten einen ausufernden Bürgerkrieg für möglich.

Der verhinderte "Unterhosenbomber"

© U.S. Marshals Service via Getty Images

Am 25. Dezember 2009 versucht der Nigerianer Umar Faruk Abdulmutallab, einen Airbus mit 289 Menschen an Bord auf dem Flug von Amsterdam nach Detroit in die Luft zu sprengen. 80 Gramm des hochexplosiven Sprengstoffes PETN hat er in seiner Unterhose versteckt. Er wird überwältigt, als er den Sprengsatz zünden will. Der Fall lenkt die Aufmerksamkeit auf Jemen, wo Abdulmutallab zum Al-Qaida-Kämpfer ausgebildet wurde.

WikiLeaks-Veröffentlichungen

© Dan Kitwood/Getty Images

Die Internetplattform WikiLeaks veröffentlicht am 25. Juli 2010 fast 92.000 Dokumente über den Krieg in Afghanistan. Die US-Regierung kritisiert die Veröffentlichung der Aktenstücke scharf. Insbesondere das amerikanisch-pakistanische Verhältnis wird in der Folge dadurch belastet. Am 23. Oktober 2010 veröffentlicht WikiLeaks rund 400.000 Dokumente aus dem Irak-Krieg sowie wenig später tausende Botschaftsdepschen.

Bomben in Frachtflugzeugen

© Karim Sahib/AFP/Getty Images

In zwei Frachtflugzeugen aus dem Jemen finden Ermittler in Nottingham und Dubai am 29. Oktober 2010 Paketbomben, die die Maschinen über der Ostküste der USA zur Explosion bringen sollten. Al-Qaida bekennt sich dazu und verkündet, künftig verstärkt Frachtmaschinen attackieren zu wollen. Die vereitelten Attentate offenbaren eine Schwachstelle im Kampf gegen den Terror: den Luftfrachtverkehr. Zusätzliche Kontrollen sind die Folge

Anschlag am Frankfurter Flughafen

© Daniel Roland/AFP/Getty Images

Ein radikalislamistischer Kosovare erschießt am 2. März 2011 auf dem Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten. Der 21 Jahre alte Mann zückt vor einem Militärbus der amerikanischen Luftwaffe plötzlich eine Pistole und feuert neun Mal auf die Insassen. Er tötet zwei Soldaten und verletzt zwei weitere schwer. Es ist der erste geglückte islamistische Terroranschlag in Deutschland. Ende August beginnt in Frankfurt der Prozess gegen den Attentäter. 

Das Ende der Jagd auf bin Laden

© Pete Souza/The White House via Getty Images

Am 2. Mai 2011 erschießen US-Navy-Seals Osama bin Laden in dessen Anwesen im pakistanischen Abbottabad. Barack Obama verfolgt die von ihm befohlene Aktion zusammen mit Außenministerin Hillary Clinton und Mitarbeitern live. Unmittelbar nach der Bekanntgabe von bin Ladens Tod versammeln sich Tausende Menschen vor dem Weißen Haus in Washington und am Ground Zero in New York, um den Tod des Terroristenführers zu feiern. 

Für den Westen aber klafft zwischen Einsatz und Ertrag eine mörderische Lücke. Sie mahnt zu Vorsicht und Selbstbescheidung, wenn der nächste Ordnungskrieg mit Bodentruppen dräut. Gewiss lehren Kant und Geschichte, dass die Demokratie die beste Versicherung gegen Krieg und Terror liefert; deshalb die moralische wie praktische Logik des "regime change" im Gefolge von 9/11. Nur haben beide Einsätze nicht gehalten, was sie versprochen haben. Warum nicht? Drei Antworten.

Die erste ist eine alte: die "asymmetrische Kriegführung", die den Schwächeren favorisiert und den Stärkeren neutralisiert. In der klassischen Schlachtordnung Armee gegen Armee triumphieren die hoch trainierten Truppen des Westens in ein paar Wochen – siehe Afghanistan und Irak. Doch nach dem Sieg ist vor dem Krieg – Teil zwei. Jetzt schlägt die Stunde der Freischärler und Terroristen. Ihre Waffen sind simpler und billiger als das Hightech-Arsenal des Westens: Selbstmordbomben, Hinterhalt, Sprengfallen.

Leserkommentare
  1. wird am hindukutsch verteidigt. so wurde es uns eingebläut und so haben wähler im westen diesen ansatz dann auch durch wahlen politsch unterstützt.

    was aber, wenn die andere seite auch sooo denkt und sagt: 'unsere' freiheit ... ?! ?!

    für beide seiten gilt doch:

    aggression <=> dialog hat langfristig noch nie zum erfolg geführt.

    => beide seiten haben's verbaselt, aber der westen hätte aufgrund seiner weit fortgeschrittenen politischen aufgeklärtheit anders reagieren und agieren können!!!

  2. Dokumentationen dazu gibt es derzeit massenweise.
    Der "normale" Bürger in Deutschland hat im Regelfall nur die Möglichkeit sich in Medien und im Internet zu informieren.

    Interessant in dieser Doku sind jedoch Aussagen, welche offiziell heftigst bestritten worden sind. Immer.

    In diesen Aussagen wird von Politikern wie Schröder, Fischer - aber vor allem den zuständigen Fachbeamten die glasklare Aussage gemacht, dass die USA den Krieg schon vor den Kriegsgründen beschlossen hatten. Dazu gab es ebenfalls mal vor Jahren eine Dokumentation von Phoenix, welche nachwies, dass der Irak Krieg "schon unterschrieben" war - was aber zunächst nur von den Falken beschlossen worden sei.

    Anschließend habe man nach Gründen für diesen Krieg gesucht.
    Man habe also nicht den Irakkrieg geführt, weil es Gründe gab, sondern man beschloss den Irakkrieg und suchte dann die Gründe.

    So zB uva die mobilen Forschungslabors des Irak, welche es nie gegeben hat. Die Doku sagt auch hier, die CIA habe Colin Powell ganz klar informiert, dass diese Beweise, welche er im UN Sicherheitsrat vortragen wolle, alle unwahr seien. Dennoch haben die USA im UN Sicherheitsrat diese Gründe vorgetragen, welche sich dann im Laufe der Jahre auch als unwahr erwiesen haben.

    In Sachen Irak Kriegen gibt es noch eine Vielzahl weiterer Nachweise von gefakten Beweisen durch die USA und durch England.

    Die Bürger lernen dennoch nicht daraus, nicht blindlings in Kadavergehorsam alles zu glauben, was man ihnen auch immer sagt.

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    Ihr Zitat:
    "Anschließend habe man nach Gründen für diesen Krieg gesucht.
    Man habe also nicht den Irakkrieg geführt, weil es Gründe gab, sondern man beschloss den Irakkrieg und suchte dann die Gründe."

    Gehen sie doch noch einen Schritt weiter.
    Nicht nur der Irakkrieg wurde beschlossen ohne triftigen(öffentlich erklärbaren) Grund.
    Die Rüstungsindustrie und deren Geschäftemacher mit Dick Cheney als Speerspitze befanden sich in einer Krise (der alte Feind hatte sich bekanntlich grade selber aufgelöst)
    In den einschlägigen Think-Tanks wurde bereits an möglichen Lösungen" gefeilt, die den Niedergang aufhalten sollte.
    ...

    Und siehe da,
    es geschah...
    !

    (was insgeheim in den entsprechenden "Zirkeln" sogar schon weit voraus klamm heimlich in ähnblichen Szenarien diskutiert wurde)

    So ein "Glück" aber auch,
    für die entsprechenden Strippenzieher, die sich dann eine goldene Nase mit dem Terror verdienten (und immer noch verdienen)

    Gruß Max Stockhaus

  3. "Zwischen Einsatz und Ertrag klafft mahnend eine mörderische Lücke" - naja. Al Kaida hat einen SYMBOLISCHEN Anschlag, verübt, bei dem es gar nicht um die konkret ums Leben gekommenen Opfer ging, sondern um die Schockwirkung an sich, um die Wirkung der Bilder, um einen - durch mehrfachen Mord hergestellten - ästhetischen Effekt. Wie sollten die USA darauf reagieren? Eine medienwirksame Atombombe auf Kabul? Einzige Chance wäre es gewesen, möglichst schnell den Verbrecher Osama bin Laden dingfest zu machen und öffentlichkeitswirksam vor ein ORDENTLICHES Gericht zu bringen. Diese Chance wurde verspielt, weil der Anlass genutzt wurde für ausufernde Eroberungskriege (und Rechtsmissbrauch in Guantanamo), anstatt die Energie auf Osama zu konzentrieren (der so einige Male knapp entkommen konnte - sein später Tod wird den dadurch entstandenen Nimbus nicht mehr beeinträchtigen können).

    Die USA haben auf einen unkonventionellen Angriff erschreckend konventionell reagiert - nicht durch die militärische Vorgehensweise an sich (was hätten sie denn sonst tun können?), sondern durch die Ausweitung der Verbrecherjagd zur Expansionspolitik.

    Die ist gescheitert. Aber die Kosten sind so hoch, dass der "Krieg gegen den Terror" für die USA ähnliche Folgen zeitigen könnte wie seinerseits der Afghanistankrieg für die Sowjetunion: Afghanistan als das Grab der Imperien.

    Hat Osama gewonnen? Auf dem Feld, auf dem er angegriffen hat, auf jeden Fall. Auf diesem gab es praktisch keine Antwort.

    • WiKa
    • 11. September 2011 19:48 Uhr

    … solche Artikel fehlen und noch mehr fehlt die Einsicht bei unseren Politikern, dass der alte koloniale Wahnsinn sich nicht unbegrenzt und schon gar nicht mit Gewalt fortsetzen lässt.

    So bedauerlich es auch ist, wenn wir die Menschen in anderen Ländern ernst nehmen wollen (wir erzählen es ihnen ja fortwährend) dann müssen wir auch die Geduld haben dort bei vielen (nach unserer Einschätzung) Fehlentwicklungen einfach zuzuschauen, statt mit Gewalt dreinzuhauen. So bleibt am Ende immer der Geschmack der Drückung und der eigenen Interessen, die zwar stets negiert aber dennoch real praktiziert werden. Am Ende wird nur die Doppelmoral von Tag zu Tag offensichtlicher.

    Und für jene die ein dazu Bild brauchen, hier einmal die theoretische und entgegengesetzte Darstellung der vom Westen ausgeübten Gewalt, sie gleicht einer Terror-Erzwingungs-Politik … Link. Vielen Menschen ist dieses Licht längst aufgegangen, nur werden wir wohl erst unsere eigenen Vertreter zur Räson bringen müssen bis sich daran etwas ändern kann und diese schlimme Form der Verlogenheit der Vergangenheit angehört.

    • bigbull
    • 11. September 2011 19:51 Uhr

    Die Monster waren zunächst die von vielen westlichen Staaten
    unterstützten Herrscher.

    Erst als das Volk sich gegen diese Herrscher aussprach wurde
    die Politik einiger westlichen Länder geändert.
    Wer zuvor untertänigster und durch diese Politik gestützter
    Herrscher war wurde plötzlich zum Diktator.
    Danach wurde das militärisches Eingreifen angeordnet.

    Geändert wurde dadurch für diese Staaten nichts, ausser dass
    die mit dem ausgerufenem Diktator ausgehandelten geheimen
    Verträge jetzt mit den neuen Regierungen frisch ausgehandelt
    werden müssen.
    Den Druck der ehemaligen Unterstützer der Diktatoren werden
    diese Regierungen spüren müssen.
    Die Invasion der sogenannten zivilen Welt,die Manipulation
    der Despoten zeichnet sich schon ab.

  4. Hat die Sowjetunion nicht bewiesen, dass ein solcher Krieg in Afghanistan nicht zu gewinnen ist?

    In solchen Kriegen kann es keine Gewinner geben, sondern nur Verlierer.

    Ich zitiere einen Freund von mir (Offizier bei der Bundeswehr in Afghanistan): "Am besten wäre es, diese ganzen Gebiete einzuzäunen und die das unter sich ausmachen zu lassen, wir können nichts tun..."

    Dieses sinnlose Morden und Besetzen muss ein Ende haben!
    Vielleicht wird es Frieden geben, vielleicht nicht...
    Aber ehrlich gesagt ging es den Menschen dort ohne die westlichen Mächte weitaus besser als mit Ihnen.

  5. mit dem 11. September zu tun hatte, wird Ihnen wohl nur Herr Cheney beantworten können.

    Den Aufwand für diesen Überfall erfahren alle, die dafür bezahlen müssen.

    Den Ertrag für diesen Überfall werden Ihnen nur Herr Cheney und seine Korrumpels benennen können ... und die werden Ihnen einen feuchten Sch. erzählen.

    Und so ähnlich wird es wohl auch mit den ganzen anderen Kriegen sein.

    • Atan
    • 11. September 2011 20:13 Uhr

    der vielen leichtfertige Aufrufen zum Krieg entgegensteht, die so viel Kraft und Opfer kosteten für so wenig politischen Nutzen.
    Zusammen mit de Maizière vielleicht in dieser "Zeit" ein Anfang die teuren Fehler des vergangenen Jahrzehnts zu diskutieren, damit das nächste weniger blutig wird.

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    Nein! Ein sehr einseitiger Artikel!

    Ein echter Joffe halt, der zwar vieles richtig erkennt, aber lange nicht alles richtig benennt.

    Der vor allem die Frage nach Schuld / Mitschuld auf amerikanischer Seite elegant vermeidet, indem auf Umstände und unabänderliche Tatsachen wie Asymetrie verwiesen wird.

    Auch mit Herr Joffe's Schlußfolgerung bin ich alles andere als einverstanden:

    "Wer das Ziel will, muss auch die Mittel wollen..." - nichts anderes als eine Rechtfertigung von Kriegen zur Durchsetzung von Wirtschaftsinteressen. Denn nichts anderes sind Amerikas Kriege in Wahrheit, auch wenn Herr Joffe das natürlich nicht ausspricht!

    "Wer das Gute will, muss den Preis entrichten." - Wir müssen mehr Geld für Bomben ausgeben, und wir müssen unsere toten Soldaten als Notwendigkeit hinnehmen!

    NEIN!

    "Wir" (im Sinne von "der Westen") müssen zugeben, was ohnehin jeder weiß - Imperialismus ist keine nachhaltige Strategie!

    "Wir" müssen uns selbst verbessern, wenn wir die Welt verbessern wollen...

    Wir mü

    • PigDog
    • 12. September 2011 17:14 Uhr

    Entfernt. Bitte bleiben Sie höflich. Danke. Die Redaktion/sc

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