Zehn Jahre nach 9/11 : Der Spuk ist vorbei

Nach zehn verlorenen Jahren eröffnen sich der Welt neue Chancen.

Wie lange das alles her ist, wie tief vergangen. Weil die Welt schon nicht mehr so ist, wie sie damals wurde. Das ist im Rückblick das Ungeheuerlichste der vergangenen zehn Jahre: dass sie ihren ungeheuerlichen Anfang laufend noch überboten haben. Der Afghanistan- und der Irakkrieg, die globale Finanzkrise und die arabische Revolution haben unsere Zeit erst richtig umgepflügt. 9/11, das wie das ultimative Drama aussah, ist auf einmal nur noch ein Vorspiel gewesen. Wir leben nicht mehr in der Welt nach dem 11. September 2001. Sondern in der Welt nach der Welt nach dem 11. September 2001.

Denn wie sah die Ära aus, die am 12. September 2001, nach den Al-Qaida-Anschlägen auf New York und Washington, anzubrechen schien? Sie sollte ein großes Thema haben: den Kampf des Westens gegen den Terrorismus und den radikalen Islam. Und eine große Macht: die Vereinigten Staaten, die bis aufs Blut gereizt waren, aber auf der Höhe ihrer Kraft und zum Gegenschlag bis hin zur offenen Weltherrschaft bereit. Doch es ist anders gekommen, ganz anders.

Die USA sind heute angeschlagen, womöglich gebrochen; sie stecken in einer Depression, wie niemand sie vor zehn Jahren für möglich gehalten hätte. Und der »Global War on Terror«, wie die Strategen der Bush-Regierung ihren Feldzug gegen das Böse nannten, ist mitnichten der Schlüssel zur Geschichte des 21. Jahrhunderts geworden. Osama bin Laden ist tot, der schlimmste Feind des Westens sind seine eigenen Schulden, und für »die muslimische Welt« spricht eine neue, rebellische Generation von Tunesien bis Syrien.

Dass die Erwartungen so getäuscht wurden, dass die Welt über ihre Zukunft derart falsch lag, ist wie eine Kippfigur: Es stecken zugleich ein Desaster und eine Hoffnung darin. Den Terror und die muslimischen Radikalen zu bekämpfen, auch militärisch, war und ist richtig. Doch diesen Kampf für den neuen Weltkrieg zu halten, für einen Epochenkonflikt wie die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus oder der Sowjetunion, war ein schwerer Fehler. Es war kein niedriger, würdeloser Fehler, es steckte die Sehnsucht darin, eine historische Herausforderung zu bestehen, wie Churchill und Roosevelt sie gegen Hitler bestanden hatten – aber ein Fehler war es trotzdem.

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Kommentare

43 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Keine "verlorenen Jahre"

Die "zehn verlorenen, zerstörerischen Jahre seit dem 11. September 2001" vermag ich nicht zu erkennen. Seit 9/11 war der Kampf gegen den Terrorismus zumindest in der westlichen Welt ziemlich erfolgreich. Während noch vor wenigen Jahrzehnten regelmäßige Gewaltorgien der RAF, der IRA, der ETA, der Roten Brigaden, ... fast schon zum unvermeidlichen Alltag gehörten, sind derlei Exzesse relativ selten geworden.
Kein Zweifel: Jeder Anschlag ist ein Anschlag zu viel, aber die optimierten Sicherheitsvorkehrungen nach 9/11 haben doch eine sehr positive Auswirkung auf die innere Sicherheit in Deutschland, Europa und Nordamerika gehabt.
9/11 war eine Tragödie, aber eine, aus der sehr viele positive Schlüsse gezogen wurden. So war der Tod der knapp 3.000 Opfer vielleicht nicht ganz sinnlos (auch wenn die Angehörigen das aus nachvollziehbaren Gründen sicher anders sehen).

@ FahadA

""Seit 9/11 war der Kampf gegen den Terrorismus zumindest in der westlichen Welt ziemlich erfolgreich. ... So war der Tod der knapp 3.000 Opfer vielleicht nicht ganz sinnlos."
Haben Sie mal den Preis dafuer beruecksichtigt?
Ich neige dazu, kalt aufzurechnen."

gut kommentiert Fahad. Wenn ich so ein Kommentar vom Vorposter lese, gehen bei mir die Fingernägel hoch.
Wie unterschiedlich wertvoll ein Menschenleben auf der Welt sein kann. Gratulation Freiheitsfreund

Jeden Tag verhungern 10x so viele Menschen auf der Welt.

Der Preis für den KAmpf gegen den Terror war viel zu hoch. Ich spreche nicht nur von den Hunderttausenden Zivilisten die in Zuge dessen gestorben sind. Sondern das Abwenden von der Vereinigung unserer Staaten hier in Europa und auch weltweit. Vom Krieg gegen den Terror haben nur Kriegstreiber und Rohstoffhändler profitiert. Durch den Krieg gegen den Terror gab es mehr Terroranschläge als es ohne diesen jemals gegeben hätte. Ich weiß nicht ob sie die knapp 100.000 toten Iraker und Tausende Soldaten verdrängen. Diese sind alle Opfer von Terror geworden den es sonst in dieser Form nie gegeben hätte. Die USA wollte doch diesen Krieg langfristig aufziehen. Eigentlich genial. Ein Feind der nie besiegt werden kann, da es durch jeden Krieg gegen den Terror mehr Kinder gibt die sehen wie ihre Eltern zerfezt und vergewaltigt werden. Daraus folgen immer neue Krieger gegen den Westen.
So lebte die Welt in Angst bestimmte Gruppen bereichern sich an Kriegen. Das sind Waffenhersteller(Militärindustrie), Rohstoffhändler und Banken.
Alle diese Branchen fahren seit dem Beginn des sogenannten "War on Terror" Rekordgewinne ein. Schwache Regierungen ließen sie machen und die Zeche zahlen wir und die Muslime. Sie zahlen mit Blut, Leid und unsicheren Lebensverhältnissen. Wir zahlen mit der Euro,Dollar, Wirtschaft,Sozial und Gesellschafts-Krise.
So wie sich die Welt von 90-2000 entwickelt hat (Internet etc.) muss man von 10 verloren Jahren sprechen...

Korrekt

Man könnte sagen: Am 11. September 2001 hat die westliche kurz erfahren oder einen Einblick gekriegt, wie es sich in den anderen Gegenden der Welt so lebt. Viele Menschen sterben grausam und sinnlos und die Angst, auf die Straße zu gehen, hat man nicht aus Vernunft verloren, sondern aus gewohnheitsbedingter Abstumpfung. Man könnte sagen: Am 11. September 2001 mussten wir alle für ein paar Tage Disneyland verlassen.

Herrschaftssicherung

Je öfter man diesen Text liest, um so verwirrter wirkt er. Die vergangenen zehn Jahre standen nur für texanische Cowboys und ihre Freunde im Zeichen des Kampfes gegen den Terror. Das war nur ein Nebenschauplatz, der aus dem vorigen Jahrhundert ererbt war.
Die vergangenen zehn Jahre standen vor allem im Zeichen des Aufstiegs Chinas zur Weltmacht. Die Sezession in Sudan, die Arabellion und insbesondere die Eroberung Libyens war nichts weiter die versuchte Herrschaftssicherung zugunsten von Big Oil und zu Lasten Chinas.