Angefangen hat es, wie es immer anfängt: mit kleinen Aussetzern, die man verharmlost, auf die Tagesform zurückführt oder als Spätfolge eines Lebens verbucht, das seinen Höhepunkt in den Sechzigern hatte, bekanntlich eine nicht eben unexzessive Zeit. Dann aber nahm die Vergesslichkeit von Woche zu Woche zu, er tat Dinge, ohne sich daran zu erinnern, und als er eines Tages das Badezimmer des Hauses nicht mehr fand, in dem er seit sechs Jahren wohnte, musste Glen Campbell sich eingestehen, dass etwas in seinem Kopf in ziemlicher Unordnung ist. Das Problem: Auch daran kann er sich nicht mehr erinnern.

Campbells Gedächtnis ist wie ein Schweizer Käse, oft weiß er im nächsten Moment nicht mehr, was er gerade gesagt hat, und dann vergisst er, was er vergessen hat. »Ich hoffe, ich bin auch einen Teil des Mülls da oben losgeworden«, scherzt er an einem verregneten Nachmittag in einem Londoner Hotel, um gleich darauf in die nächste Gedächtnislücke zu stolpern. Säße nicht seine Frau Kim auf dem Stuhl neben ihm, eine Südstaatenschönheit, die ihm hin und wieder mit fürsorglicher Bestimmtheit den Gesprächsfaden in die Hand drückt, wir wären rettungslos verloren in einem Labyrinth wiederkehrender Ansätze, Ausfälle und Wiederholungen. Umso mutiger der Schritt, den die beiden getan haben.

Manche jagen sich eine Kugel in den Kopf , wenn sie erfahren, dass sie Alzheimer haben, andere verschwinden klaglos in der Unsichtbarkeit, die Campbells sind den entgegengesetzten Weg gegangen: Sie zeigen sich. In diesen Tagen erscheint Ghost On The Canvas , ein Rückblick auf Glens Karriere als gefeierter Countrypopstar und zugleich sein musikalisches Testament. Auf eine sehr amerikanische Weise umkreisen die 16 Titel den Lebensweg eines Mannes, der geprüft wurde, sündigte, fiel, um schließlich bei Gott und Familie Einkehr zu halten. Die zugehörige Abschiedstournee soll im Frühjahr stattfinden, mehr noch aber ist dieses erste Alzheimer-Album der Rock-’n’-Roll-Geschichte ein Gesprächsanlass: Was man nicht besiegen kann, darüber muss man wenigstens reden. Allein wie?

Ein seltsames Gefühl, diesem Heroen aus alten Tagen in der möblierten Stille eines Konferenzraums gegenüberzusitzen. Das Draufgängerische, das er einmal ausstrahlte, ist tastender Vorsicht gewichen, und die Furchen um das Kinn erzählen eine Biografie eigener Art. Unwillkürlich beginnt man, in diesem 75-jährigen Gesicht den Sonnyboy zu suchen: den Elvis-Kumpanen, Freund Brian Wilsons und Kurzzeit-Beach-Boy, den Sänger unsterblicher Hits wie Galveston , Wichita Lineman oder By The Time I Get To Phoenix . Um dann zu begreifen, dass er so unauffindbar bleiben wird wie die eigene Jugend. Früher hatten Popstars etwas von großen Brüdern, zu denen man aufschaute, heute ähneln sie eher alten Eltern: gebrechlichen Leuten, um die man sich kümmern muss. Trotz seiner Unausweichlichkeit will dieser Verlauf erst einmal akzeptiert sein.