Bildung Raten statt Lesen
Siebeneinhalb Millionen Analphabeten in Deutschland: Die Politik ignoriert sie.
Pünktlich zum Weltalphabetisierungstag am 8. September haben sie ihren Auftritt: Der Indiojunge aus Bolivien, der seinen Eltern auf dem Feld helfen muss und deshalb nicht zur Schule darf. Das Mädchen im Senegal, das mit hundert anderen in einem Bretterverschlag vor einem Lehrer sitzt. Beim Thema Analphabetismus sind die Deutschen, so die Botschaft, vor allem als Spender gefragt – für die Dritte Welt.
Doch seit Kurzem steht fest: Die Dritte Welt liegt auch in Duisburg, Wismar oder Stuttgart. Im Februar veröffentlichten Hamburger Wissenschaftler die Leo-Studie, die erste Untersuchung zur Lesefähigkeit der Bundesbürger. Siebeneinhalb Millionen funktionale Analphabeten gibt es demnach hierzulande. Sie können nur mit Mühe kurze Sätze lesen und schreiben; rund zwei Millionen von ihnen vermögen nicht einmal das. Migranten, die kein oder kaum Deutsch verstehen, wurden von den Forschern nicht erfasst.
Wer seitdem von der Bildungsrepublik redet, macht sich lächerlich. Siebeneinhalb Millionen, das sind mehr Menschen, als in Deutschland im Verein Fußball spielen. Eigentlich hätte diese enorme Zahl zu Regierungserklärungen und empörten Leitartikeln führen müssen, wie vor zehn Jahren die Pisa-Ergebnisse. Doch der Befund ging unter im Strom der Katastrophenmeldungen dieses Jahres. Dass 14 Prozent der Deutschen unter dem kulturellen Existenzminimum leben, schien niemanden aufzuregen.
Nun droht selbst das Minimalprogramm der Kultusminister gegen den Analphabetismus zu scheitern: an der Knauserigkeit der Regierungen und den Selbstblockaden des deutschen Föderalismus. Denn in den Entwürfen zum »Nationalen Grundbildungspakt« finden sich bislang zwar viele schwammige Formulierungen (»Transparenz«, »Sensibilisierung«, »Vernetzung«), aber keine konkreten Zahlen. Nur das Bundesbildungsministerium will weitere Forschungen zum Analphabetismus finanzieren. Die eigentlich Zuständigen dagegen, die Länder und Kommunen, beschränken sich auf Willensbekundungen. Dabei erwartet niemand große Summen. Annette Schavan hat 20 Millionen Euro für ihren Part versprochen. Doch selbst diesen Betrag scheinen die Kultusminister vonseiten der Länder nicht aufbringen zu können.
Das Desinteresse an der lobbylosen Gruppe der Analphabeten hat Tradition. Als der Pisa-Test 2001 zutage förderte, dass fast ein Viertel der 15-Jährigen nur auf dem Niveau von Grundschülern lesen und rechnen konnte, überzogen die Kultusminister die Schulen mit einer Batterie von Reformen. Kitas wurden zu Bildungseinrichtungen erklärt. Doch niemand machte sich Gedanken darüber, wie es den Generationen von Risikoschülern ergeht, die die Schulen bereits verlassen haben. Glaubte irgendjemand ernsthaft, dass sie das Nichtgelernte später in Eigenregie nachholen würden?
Der Bund könnte die Apathie beenden, wenn er es denn dürfte. Das Schavan-Ministerium weiß angesichts permanenter Haushaltssteigerungen kaum noch wohin mit dem Geld. Doch (Grund-)Bildung fällt in die Kompetenz der Länder, deren Budgets nahezu erschöpft sind. Das führt unter anderem dazu, dass heute mehr Migranten die deutsche Sprache lesen und schreiben lernen als Einheimische. Der Grund: Die Integrationskurse für Zuwanderer finanziert der Bund, die Alphabetisierungskurse an den Volkshochschulen (VHS) das jeweilige Land. Die Zahl der VHS-Lehrgänge einfach zu erhöhen löst das Problem jedoch nicht. Erst einmal muss man die Leseschwachen dazu bringen, ihre Scham zu überwinden und mit dem Lernen noch einmal neu zu beginnen.
Den Unternehmen in Deutschland kommt dabei eine wichtige Rolle zu. Denn anders als vermutet, verfügt mehr als die Hälfte aller funktionalen Analphabeten trotz ihres Handicaps über einen Job, und zwar in ganz bestimmten Branchen, wie bislang unveröffentlichte Leo-Zahlen zeigen. So kann jeder vierte Koch, Maler oder Lkw-Fahrer in Deutschland nur rudimentär lesen und schreiben. Unter den Hilfsarbeitern auf dem Bau ist es sogar im Schnitt jeder zweite. Indem man diese Branchen mit klugen Anreizen für eine Weiterbildungsoffensive gewinnt, erreicht man die größte Wirkung.
Und noch etwas zeigen die neuen Zahlen: Analphabetismus ist männlich geprägt, mehr als 60 Prozent der Betroffenen sind Männer. Diese Schieflage zeigte sich übrigens nicht nur bei den funktionalen Analphabeten, sondern bei allen in der Studie Getesteten. Bei gleichem Schulabschluss, Einkommen und Elternhaus schneiden Frauen auf der Lese-Skala der Leo-Forscher bedeutend besser ab als Männer. »Die Differenz«, erklärt die Hamburger Wissenschaftlerin Anke Grotlüschen, »ist vergleichbar mit dem Kompetenzabstand zwischen Personen mit mittlerer Reife und Personen mit Abitur.«
- Datum 08.09.2011 - 07:02 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 8.9.2011 Nr. 37
- Kommentare 97
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Funktionaler Analphabetismus ist leider ein sehr schwammiger und dehnbarer Begriff. Darunter versteht man Menschen, die einen gelesenen Text nicht verstehen. Je nach dem wie schwer man die Texte wählt bekommt man mehr oder weniger funktionale Analphabeten. Legt man Nietzsche oder Kant vor, dann dürfte die Zahl locker auf 80% steigen. Legt man Kinderbücher vor, dann sinkt sie vielleicht auf 5%.
Oft wird Analphabetismus auch mit Ungeübtheit gleichgesetzt. Viele in meinem Freundes- und Bekanntenkreis haben Schwierigkeiten damit einen kurzen Brief oder auch nur eine Einkaufsliste ohne Rechtschreibfehler zu verfassen. An der Universität zu meinen Studienzeiten gab es einmal ein Seminar in dem jeder eine mindestens 20-seitige Hausarbeit verfassen musste. Von 15 Einreichungen gab es nur eine einzige, die auf wenigstens einer Seite keinen einzigen Rechtschreib- oder Grammatikfehler enthielt. Sind das jetzt alles angehende Analphabeten?
Ich will nur daraufhin deuten, dass man mit einer Studie alles zeigen kann, wenn man es möchte. Die Defizite können in der Bevölkerung noch viel schlimmer sein als es diese Studie darstellt.
Wenn man will, kann man sie auch viel harmloser erscheinen lassen. Wenn es darum geht, Gelder bewilligen zu lassen, dann kommt sicher bald die nächste Studie, die genau das tut.
Sie widersprechen sich in Ihrem Kommentar: Mal beziehen Sie funktionalen Analphabetismus auf Textverständnis, mal auf Rechtschreibung. Grundsätzlich zeigt Ihr Kommentar aber, dass Sie nicht wissen, wo das Problem des funktionalen Analphabetismus liegt.
Damit dürften Sie allerdings nicht alleine da stehen und der Zeit stünde gut zu Gesicht, wenn sie so einen Artikel dazu nutzen würde, gleich Informationsmaterial anzubieten, das erklärt, was funktionaler Analphabetismus eigentlich bedeutet.
Zwar ist der Begriff tatsächlich nicht trennscharf abgegrenzt und es geht dabei tatsächlich um das Erfassen von Texten. Gemeint sind hierbei aber Alltagstexte und keine Fachtexte. Um das Stichwort kulturelle Teilhabe aufzugreifen: So jemand ist weder in der Lage, Charlotte Roche, Pilcher oder Dürrenmatt zu lesen, weil er sich Wort für Wort abringen muss und Sinnzusammenhänge entweder gar nicht begreift oder das alles so anstrengend ist, dass es im Ergebnis nicht passiert. Selbst weit kürzere Texte als Romane, werden bereits nicht erfasst. Vom Beipackzettel bis zur Produktbeschreibung im Supermarkt.
Vor diesem Hintergrund ist auch das Stichwort Rechtschreibung zu sehen. Da, wo das im Kontext von Alphabetisierung eine Rolle spielt, geht es nicht darum, das da jemand auf ein Mal nicht so Wasser dicht in bezug auf Rechtschraibung ist.
Konkrete Auswirkungen für die Betroffenen hier sehr gut hier:
http://www.youtube.com/wa...
Mehr Infos u.a. hier:
http://www.alphabetisieru...
Sie widersprechen sich in Ihrem Kommentar: Mal beziehen Sie funktionalen Analphabetismus auf Textverständnis, mal auf Rechtschreibung. Grundsätzlich zeigt Ihr Kommentar aber, dass Sie nicht wissen, wo das Problem des funktionalen Analphabetismus liegt.
Damit dürften Sie allerdings nicht alleine da stehen und der Zeit stünde gut zu Gesicht, wenn sie so einen Artikel dazu nutzen würde, gleich Informationsmaterial anzubieten, das erklärt, was funktionaler Analphabetismus eigentlich bedeutet.
Zwar ist der Begriff tatsächlich nicht trennscharf abgegrenzt und es geht dabei tatsächlich um das Erfassen von Texten. Gemeint sind hierbei aber Alltagstexte und keine Fachtexte. Um das Stichwort kulturelle Teilhabe aufzugreifen: So jemand ist weder in der Lage, Charlotte Roche, Pilcher oder Dürrenmatt zu lesen, weil er sich Wort für Wort abringen muss und Sinnzusammenhänge entweder gar nicht begreift oder das alles so anstrengend ist, dass es im Ergebnis nicht passiert. Selbst weit kürzere Texte als Romane, werden bereits nicht erfasst. Vom Beipackzettel bis zur Produktbeschreibung im Supermarkt.
Vor diesem Hintergrund ist auch das Stichwort Rechtschreibung zu sehen. Da, wo das im Kontext von Alphabetisierung eine Rolle spielt, geht es nicht darum, das da jemand auf ein Mal nicht so Wasser dicht in bezug auf Rechtschraibung ist.
Konkrete Auswirkungen für die Betroffenen hier sehr gut hier:
http://www.youtube.com/wa...
Mehr Infos u.a. hier:
http://www.alphabetisieru...
aller im Bundestag vertretenen Parteien. Vor Allem die Merkel Regierung läßt hier Zweifel zu. Das Problem ist seit langer Zeit bekannt und wird seit langer Zeit mit Worthülsen belegt ohne das wirklich etwas passiert.
Würde man einen Teil des Geldes was zur Zeit von Merkel und Konsorten in Brüssel verbrannt wird tatsächlich in die "Bildung" und in die Änderung unseres "Dämlichen Feudalistischen Bildungssystem" stecken, könnte man Hoffnung haben.
Deutschland ist in der komfortablen Lage, dass wir das geniale lateinische Alphabet haben. Da haben es Länder wie Thailand, Kambodscha und andere Länder erheblich schwerer. In Thailand benötigen die Schulkinder vier Jahre, um die schwierige Lautschrift mit 89 Buchstaben lesen und schreiben zu lernen. In Deutschland ist dafür nur ein Jahr erforderlich. Spätestens nach dem zweiten Schuljahr können fast alle Schüler relativ gut lesen und schreiben.
[...]
Wenn erwachsene Deutsche nicht lesen und schreiben können, dann haben die Verantwortlichen versagt. Merkwürdig, dass diese hohe Zahl von 7,5 Millionen Analphabeten in Deutschland erst heute präsentiert wird.
Teil entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/wg
wie Sie sagen, dass nach dem zweiten Schuljahr fast jeder lesen kann. Es gibt in jeder Grundschulklasse Kinder, die auch nach vier Jahren große Schwierigkeiten haben, einen Text halbwegs zügig und sinnerfassend zu lesen. Der Anteil schwankt natürlich recht stark, ist aber nicht vernachlässigbar. Er hat auch nur indirekt mit der Nationalität der Schüler zu tun: Im deutschen Prekariat haben Sie normalerweise genausoviele leseschwache Schüler wie im türkisch- oder arabischstämmigen.
Ich bin auch nicht sicher, ob das etwas mit der Muttersprache zu tun hat. Denn im größten Teil Deutschlands ist die Muttersprache auch der Unterschicht inzwischen ziemlich standardnah. Das hat aber kaum Auswirkungen auf die Lesefähigkeit. Nach meiner (bescheidenen) Erfahrung, spricht die Mehrheit der nicht-deutschstümmigen Kinder etwa genauso wie Kinder aus deutschen Familien derselben sozialen Schicht - eventuell mit einem etwas eingeschränkten Wortschatz, vor allem, was den häuslichen Bereich angeht. Aber ich gebe zu, dass das nur persönliche Beobachtungen sind. Studien zu dem Thema kenne ich nicht und ich würde ihnen in Zeiten grassierender politischer Überkorrektheit auch nicht vertrauen.
Ullli schreibt:"Die hohe Analphabetenrate in Deutschland führe ich darauf zurück, dass es türkische und arabische Parallelgesellschaften gibt, in denen kaum deutsch gesprochen wird."
Im Text steht:"Migranten, die kein oder kaum Deutsch verstehen, wurden von den Forschern nicht erfasst"
wie Sie sagen, dass nach dem zweiten Schuljahr fast jeder lesen kann. Es gibt in jeder Grundschulklasse Kinder, die auch nach vier Jahren große Schwierigkeiten haben, einen Text halbwegs zügig und sinnerfassend zu lesen. Der Anteil schwankt natürlich recht stark, ist aber nicht vernachlässigbar. Er hat auch nur indirekt mit der Nationalität der Schüler zu tun: Im deutschen Prekariat haben Sie normalerweise genausoviele leseschwache Schüler wie im türkisch- oder arabischstämmigen.
Ich bin auch nicht sicher, ob das etwas mit der Muttersprache zu tun hat. Denn im größten Teil Deutschlands ist die Muttersprache auch der Unterschicht inzwischen ziemlich standardnah. Das hat aber kaum Auswirkungen auf die Lesefähigkeit. Nach meiner (bescheidenen) Erfahrung, spricht die Mehrheit der nicht-deutschstümmigen Kinder etwa genauso wie Kinder aus deutschen Familien derselben sozialen Schicht - eventuell mit einem etwas eingeschränkten Wortschatz, vor allem, was den häuslichen Bereich angeht. Aber ich gebe zu, dass das nur persönliche Beobachtungen sind. Studien zu dem Thema kenne ich nicht und ich würde ihnen in Zeiten grassierender politischer Überkorrektheit auch nicht vertrauen.
Ullli schreibt:"Die hohe Analphabetenrate in Deutschland führe ich darauf zurück, dass es türkische und arabische Parallelgesellschaften gibt, in denen kaum deutsch gesprochen wird."
Im Text steht:"Migranten, die kein oder kaum Deutsch verstehen, wurden von den Forschern nicht erfasst"
Sie widersprechen sich in Ihrem Kommentar: Mal beziehen Sie funktionalen Analphabetismus auf Textverständnis, mal auf Rechtschreibung. Grundsätzlich zeigt Ihr Kommentar aber, dass Sie nicht wissen, wo das Problem des funktionalen Analphabetismus liegt.
Damit dürften Sie allerdings nicht alleine da stehen und der Zeit stünde gut zu Gesicht, wenn sie so einen Artikel dazu nutzen würde, gleich Informationsmaterial anzubieten, das erklärt, was funktionaler Analphabetismus eigentlich bedeutet.
Zwar ist der Begriff tatsächlich nicht trennscharf abgegrenzt und es geht dabei tatsächlich um das Erfassen von Texten. Gemeint sind hierbei aber Alltagstexte und keine Fachtexte. Um das Stichwort kulturelle Teilhabe aufzugreifen: So jemand ist weder in der Lage, Charlotte Roche, Pilcher oder Dürrenmatt zu lesen, weil er sich Wort für Wort abringen muss und Sinnzusammenhänge entweder gar nicht begreift oder das alles so anstrengend ist, dass es im Ergebnis nicht passiert. Selbst weit kürzere Texte als Romane, werden bereits nicht erfasst. Vom Beipackzettel bis zur Produktbeschreibung im Supermarkt.
Vor diesem Hintergrund ist auch das Stichwort Rechtschreibung zu sehen. Da, wo das im Kontext von Alphabetisierung eine Rolle spielt, geht es nicht darum, das da jemand auf ein Mal nicht so Wasser dicht in bezug auf Rechtschraibung ist.
Konkrete Auswirkungen für die Betroffenen hier sehr gut hier:
http://www.youtube.com/wa...
Mehr Infos u.a. hier:
http://www.alphabetisieru...
Sie widersprechen sich in Ihrem Kommentar: Mal beziehen Sie funktionalen Analphabetismus auf Textverständnis, mal auf Rechtschreibung. Grundsätzlich zeigt Ihr Kommentar aber, dass Sie nicht wissen, wo das Problem des funktionalen Analphabetismus liegt.
Sie lesen Dinge, die ich nicht geschrieben habe.
Ich schrieb: Oft wird Analphabetismus auch mit Ungeübtheit gleichgesetzt. Viele [...] haben Schwierigkeiten damit einen kurzen Brief oder auch nur eine Einkaufsliste ohne Rechtschreibfehler zu verfassen. [...] Sind das jetzt alles angehende Analphabeten?
Mit diesen Sätzen vertrete ich nicht die Ansicht, dass ich Rechtschreibschwächen und funktionaler Analphabetismus das Gleiche wäre. Ich habe mich in meiner Formulierung bewusst davon distanziert eine verbindliche Aussage zu treffen indem ich "Oft wird ..." und "Sind das jetzt?" schrieb.
Ich beziehe mich auf Analphabetismus allgemein und wollte das Dilemma hervorheben, das entsteht, weil die Grenze von Alphabetismus zu Analphabetismus fließend ist und sich nicht eindeutig festlegen lässt.
Ihre Antwort auf meinen Beitrag ist doch ein ebenso gutes Beispiel: Kann ich Ihnen jetzt funktionalen Analphabetismus unterstellen, weil sie meinen Beitrag nicht verstanden haben? Oder leide ich an funktionalem Analphabetismus, weil ich nicht in der Lage bin, mich mit Hilfe unserer Schriftsprache verständlich auszudrücken? Ist es einer von uns beiden überhaupt? Wo verläuft die Grenze?
Jetzt verständlich?
Sie widersprechen sich in Ihrem Kommentar: Mal beziehen Sie funktionalen Analphabetismus auf Textverständnis, mal auf Rechtschreibung. Grundsätzlich zeigt Ihr Kommentar aber, dass Sie nicht wissen, wo das Problem des funktionalen Analphabetismus liegt.
Sie lesen Dinge, die ich nicht geschrieben habe.
Ich schrieb: Oft wird Analphabetismus auch mit Ungeübtheit gleichgesetzt. Viele [...] haben Schwierigkeiten damit einen kurzen Brief oder auch nur eine Einkaufsliste ohne Rechtschreibfehler zu verfassen. [...] Sind das jetzt alles angehende Analphabeten?
Mit diesen Sätzen vertrete ich nicht die Ansicht, dass ich Rechtschreibschwächen und funktionaler Analphabetismus das Gleiche wäre. Ich habe mich in meiner Formulierung bewusst davon distanziert eine verbindliche Aussage zu treffen indem ich "Oft wird ..." und "Sind das jetzt?" schrieb.
Ich beziehe mich auf Analphabetismus allgemein und wollte das Dilemma hervorheben, das entsteht, weil die Grenze von Alphabetismus zu Analphabetismus fließend ist und sich nicht eindeutig festlegen lässt.
Ihre Antwort auf meinen Beitrag ist doch ein ebenso gutes Beispiel: Kann ich Ihnen jetzt funktionalen Analphabetismus unterstellen, weil sie meinen Beitrag nicht verstanden haben? Oder leide ich an funktionalem Analphabetismus, weil ich nicht in der Lage bin, mich mit Hilfe unserer Schriftsprache verständlich auszudrücken? Ist es einer von uns beiden überhaupt? Wo verläuft die Grenze?
Jetzt verständlich?
...wenn man ihnen Zeit und genügend Aufmerksamkeit schenkt. Ich habe wiederholt Auszubildende mit einem schlechten Hauptschulabschluss beschäftigt und ausgebildet. Alle haben ihre Lehre mit guten Noten abgeschlossen und kein Problem mit Lesen, Schreiben und Rechnen mehr. Und sie haben alle einen Job.
Auf der Arbeit zählen andere Dinge - z.B. Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, die Fähigkeit selbständig zu arbeiten und ordentliche Arbeit abzuliefern.
Und trotzdem: dass es in D rund 7 Millionen Analphabeten gibt - das sind etwa 9% der Gesamtbevölkerung - ist ein Skandal.
wenn Sie hier behaupten:
"Auf der Arbeit zählen andere Dinge - z.B. Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, die Fähigkeit selbständig zu arbeiten und ordentliche Arbeit abzuliefern."
Ihre Anforderungen sind zwar notwendig, aber nicht überall hinreichend.
Sie müssen doch zugeben, dass die Fähigkeit, Berichte, Spezifikationen usw. zu lesen und zu schreiben, heutezutage unverzichtbar in der komlexen Arbeitswelt sind.
Denkfähigkeit und Reflektionsvermögen sind für komplexe Arbeitsaufgaben notwendig.
D. h. Ihre Aussage beschränkt sich nur auf den Bereich relativ gering qualifizierter prekärer Tätigkeit.
was für ein Blödsinn. Ich kann "alles" lernen ? Und Sie ?
Es gibt Menschen, die können sogar nur sehr wenig lernen. Per definitionem haben 15% der Bevölkerung einen IQ von höchstens (!) 85 und sind damit mindestens lernbehindert oder schwerer geistig beeinträchtigt. Angesichts dieser Tatsache sind 7.5 Mio Analphabeten kein Skandal.
Es gibt in diesem Land Schulpflicht. Wer nach neun oder zehn Jahren Schulbesuch nicht lesen und schreiben kann, ist sicherlich minderbegabt oder geistig behindert.
wenn Sie hier behaupten:
"Auf der Arbeit zählen andere Dinge - z.B. Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, die Fähigkeit selbständig zu arbeiten und ordentliche Arbeit abzuliefern."
Ihre Anforderungen sind zwar notwendig, aber nicht überall hinreichend.
Sie müssen doch zugeben, dass die Fähigkeit, Berichte, Spezifikationen usw. zu lesen und zu schreiben, heutezutage unverzichtbar in der komlexen Arbeitswelt sind.
Denkfähigkeit und Reflektionsvermögen sind für komplexe Arbeitsaufgaben notwendig.
D. h. Ihre Aussage beschränkt sich nur auf den Bereich relativ gering qualifizierter prekärer Tätigkeit.
was für ein Blödsinn. Ich kann "alles" lernen ? Und Sie ?
Es gibt Menschen, die können sogar nur sehr wenig lernen. Per definitionem haben 15% der Bevölkerung einen IQ von höchstens (!) 85 und sind damit mindestens lernbehindert oder schwerer geistig beeinträchtigt. Angesichts dieser Tatsache sind 7.5 Mio Analphabeten kein Skandal.
Es gibt in diesem Land Schulpflicht. Wer nach neun oder zehn Jahren Schulbesuch nicht lesen und schreiben kann, ist sicherlich minderbegabt oder geistig behindert.
Die Zahl ist nicht durch Zählen entstanden, sondern es wurden wie immer in soziologischen Untersuchungen gemessene Zahlen hochgerechnet. Die Zahlen an sich sagen daher nicht viel aus.
Die in dem Artikel angegebenen Berufe eignen sich gut für Menschen, die mit Sprache nicht gut umgehen können. Einen Hilfsarbeiter oder LKW-Fahrer weiter bilden zu wollen ist absurd.
In meinen Augen wäre es gut, wenn es einfach annehmbare Angebote gäbe für die, die es wollen. Im übrigen gibt es eine viel unangenehmere Form von Analphabetismus: die Abneigung und Unfähigkeit, Computer und Internet nutzen zu wollen. Da entsteht nämlich wirtschaftlicher Schaden in gigantischem Ausmaß. Diese Krankheit betrifft alle Bevölkerungsschichten. Ich erlebe gegenwärtig des öfteren, daß Bürgermeister mehr als eine Woche verstreichen lassen, bis sie ihre mails lesen. Das ist nur ein Beispiel unter vielen. Wir haben viel mit Chefs zu tun, die rein gar nicht von der Materie verstehen, aber täglich Entscheidungen darüber treffen müssen. Das betrifft auch und gerade Politiker. Manche Chefs lassen sich von ihren Sekretärinnen Websites ausdrucken...!! Da fragen wir uns in unserer Firma wirklich, wo wir denn leben. Computer und Internet gibt es ja wohl lange genug,
... absurd?
Bildung ist eines der wichtigten Waffen gegen Intoleranz, Armut und Diktaturen.
Warum wollen Sie einen Hilfsarbeiter für ein Leben am Rande des Harz IV verurteilen nur weil er nicht richtig Lesen, Schreiben oder Rechnen kann?
Man sollte einen Unterschied machen ob jemand nicht will oder jemand nicht kann.
Wer will, dem muss geholfen werden vollkommen egal was er/sie beruflich macht.
... lediglich darum, jemanden durch bessere Lesekompetenz andere Berufsmöglichkeiten zu eröffnen, sondern auch darum, ihm kulturelle und politische Teilhabe zu ermöglichen. Oder würden Sie jemandem, der an einer heilbaren Lähmung der Beine leidet, eine teure Behandlung mit dem Argument verweigern "wieso, der hat doch ohnehin einen Schreibtischjob?".
Mir ist im übrigen nicht so wohl dabei, zu wissen, dass jeder 4 LKW-Fahrer kaum lesen kann. Gerade im Straßenverkehr kommt es doch of darauf an, sehr schnell (!) lesen zu können.
... absurd?
Bildung ist eines der wichtigten Waffen gegen Intoleranz, Armut und Diktaturen.
Warum wollen Sie einen Hilfsarbeiter für ein Leben am Rande des Harz IV verurteilen nur weil er nicht richtig Lesen, Schreiben oder Rechnen kann?
Man sollte einen Unterschied machen ob jemand nicht will oder jemand nicht kann.
Wer will, dem muss geholfen werden vollkommen egal was er/sie beruflich macht.
... lediglich darum, jemanden durch bessere Lesekompetenz andere Berufsmöglichkeiten zu eröffnen, sondern auch darum, ihm kulturelle und politische Teilhabe zu ermöglichen. Oder würden Sie jemandem, der an einer heilbaren Lähmung der Beine leidet, eine teure Behandlung mit dem Argument verweigern "wieso, der hat doch ohnehin einen Schreibtischjob?".
Mir ist im übrigen nicht so wohl dabei, zu wissen, dass jeder 4 LKW-Fahrer kaum lesen kann. Gerade im Straßenverkehr kommt es doch of darauf an, sehr schnell (!) lesen zu können.
Sie widersprechen sich in Ihrem Kommentar: Mal beziehen Sie funktionalen Analphabetismus auf Textverständnis, mal auf Rechtschreibung. Grundsätzlich zeigt Ihr Kommentar aber, dass Sie nicht wissen, wo das Problem des funktionalen Analphabetismus liegt.
Sie lesen Dinge, die ich nicht geschrieben habe.
Ich schrieb: Oft wird Analphabetismus auch mit Ungeübtheit gleichgesetzt. Viele [...] haben Schwierigkeiten damit einen kurzen Brief oder auch nur eine Einkaufsliste ohne Rechtschreibfehler zu verfassen. [...] Sind das jetzt alles angehende Analphabeten?
Mit diesen Sätzen vertrete ich nicht die Ansicht, dass ich Rechtschreibschwächen und funktionaler Analphabetismus das Gleiche wäre. Ich habe mich in meiner Formulierung bewusst davon distanziert eine verbindliche Aussage zu treffen indem ich "Oft wird ..." und "Sind das jetzt?" schrieb.
Ich beziehe mich auf Analphabetismus allgemein und wollte das Dilemma hervorheben, das entsteht, weil die Grenze von Alphabetismus zu Analphabetismus fließend ist und sich nicht eindeutig festlegen lässt.
Ihre Antwort auf meinen Beitrag ist doch ein ebenso gutes Beispiel: Kann ich Ihnen jetzt funktionalen Analphabetismus unterstellen, weil sie meinen Beitrag nicht verstanden haben? Oder leide ich an funktionalem Analphabetismus, weil ich nicht in der Lage bin, mich mit Hilfe unserer Schriftsprache verständlich auszudrücken? Ist es einer von uns beiden überhaupt? Wo verläuft die Grenze?
Jetzt verständlich?
Niemand fragt offensichtlich noch nach der Verantwortung der funktionalen Analphabeten. Jedes Kind in Deutschland unterliegt der Schulpflicht. Jedem Kind und später Jugendlichem wird gleichermaßen die Chance gewährt, Lesen und Schreiben zu erlernen. Die Anreize, diese Fähigkeiten zu beherrschen sind mannigfaltig. Selbst das Internet erklärt sich nicht nur aus Bildern. Also, sollten Schuldzuweisungen in Richtung Regierung etwas weniger dramatisch ausfallen. Die Rahmenbedingungen sind geschaffen. Sie auch zu nutzen, liegt wesentlich in der eigenen Verantwortung, wie die Mehrzahl der Menschen in Deutschland beweist.
Haben also die Erst- und Zweitklässler die Verantwortung dafür, dass sie lesen lernen? Nicht etwa Eltern, Lehrer und diejenigen, die sonst Einfluss auf Unterricht und Bildung haben. Fakt ist jedenfalls, dass man das deutsche Schulsystem von Anfang bis Ende durchlaufen (und also der Schulpflicht genügt) und trotzdem als funktionaler Analphabet die Schule verlassen kann. Wieder ein Beispiel dafür, dass in Deutschland der Bildungserfolg der Kinder vom Bildungsstand der Eltern abhängt - und das nicht etwa aus genetischen Gründen, sondern deshalb, weil bildungsbeflissene Eltern sich unheimlich reinhängen und das übernehmen, was in Schule nicht stattfindet.
denn ich schrieb ausdrücklich auch von Jugendlichen, denen man in einigen BL das Wahlrecht schon mit 16 Jahren zutraut. Die Eltern nehme ich selbstverständlich nicht aus der Verantwortung. Nur, schließt das die Eigenverantwortung von Heranwachsenden aus? Für mich nicht.
Haben also die Erst- und Zweitklässler die Verantwortung dafür, dass sie lesen lernen? Nicht etwa Eltern, Lehrer und diejenigen, die sonst Einfluss auf Unterricht und Bildung haben. Fakt ist jedenfalls, dass man das deutsche Schulsystem von Anfang bis Ende durchlaufen (und also der Schulpflicht genügt) und trotzdem als funktionaler Analphabet die Schule verlassen kann. Wieder ein Beispiel dafür, dass in Deutschland der Bildungserfolg der Kinder vom Bildungsstand der Eltern abhängt - und das nicht etwa aus genetischen Gründen, sondern deshalb, weil bildungsbeflissene Eltern sich unheimlich reinhängen und das übernehmen, was in Schule nicht stattfindet.
denn ich schrieb ausdrücklich auch von Jugendlichen, denen man in einigen BL das Wahlrecht schon mit 16 Jahren zutraut. Die Eltern nehme ich selbstverständlich nicht aus der Verantwortung. Nur, schließt das die Eigenverantwortung von Heranwachsenden aus? Für mich nicht.
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