Bleiberecht Klassenzimmer ohne Aussicht

Ein neues Gesetz soll integrierten Jugendlichen zum Bleiberecht verhelfen. Doch vielen nützt die Regelung nichts

Sieben schlechte Jahre haben Saljana Pavlovic, 18 Jahre, und ihre Schwester Marija, 15 Jahre, in Serbien gelebt. Sieben Jahre, in denen die Mädchen gerne in die Schule gegangen wären. Stattdessen arbeiteten sie mit ihrer Familie auf den Feldern nahe Belgrad als Erntehelfer. Zum Unterricht wurden sie nicht zugelassen, weil sie kein Serbisch sprachen und sich niemand für ihr Schicksal interessierte.

Serbien war das Land, das die deutschen Behörden zur Heimat der Pavlovics bestimmt hatten. 2003 wurde die Roma-Familie dorthin geschickt, nach elf Jahren in Deutschland. Saljana, Marija und ihr Bruder Trajko wurden in Hamburg geboren, wuchsen dort auf, gingen ganz normal zur Schule. Doch dann war die Familie in Deutschland nicht länger geduldet.

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Heute sitzen Saljana und Marija wieder in einem deutschen Wohnzimmer, am Stadtrand von Hamburg. Die Familie ist vor einem Jahr zurückgekehrt, doch erneut ist die Frage, wie lange die Schwestern bleiben dürfen. Dabei gibt es seit Juli 2011 ein neues Gesetz in Deutschland, das Jugendlichen wie Saljana und Marija eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung ermöglichen soll. Begünstigt aber werden nur 15- bis 20-Jährige, die mindestens sechs Jahre in Deutschland gelebt haben und auch mindestens so lange hier zur Schule gegangen sind. Ist es gerecht, den Grad der Integration an den Schuljahren zu messen?

In dem Häuserblock, in dem die Pavlovics wohnen, leben fast nur Roma-Familien. Draußen toben Kinder, drinnen gibt es heißen Zitronentee. Die braunhaarige Marija hockt etwas verlegen auf der Sofalehne; ihre ältere Schwester, geschminkt und mit blond gefärbten Haaren, erzählt dagegen offen vom Schicksal der Familie. Die Eltern flohen 1992 nach Deutschland, nachdem auf dem Balkan der Krieg ausgebrochen war. Sie lebten in Hamburg, bis 2003 der Abschiebebescheid kam. Die Pavlovics verließen das Land damals "freiwillig", ohne Einsatz der Behörden. Denn wer einmal offiziell abgeschoben wurde, der ist für eine erneute Wiedereinreise gesperrt. Der Vater von Saljana und Marija wollte der Familie aber eine Rückkehroption offenhalten, im Sommer 2010 war es so weit.

"Als wir hörten, dass wir zurück nach Deutschland gehen würden, haben wir uns wahnsinnig gefreut. Denn das bedeutete, endlich in die Schule zu gehen und wieder Deutsch zu sprechen", sagt Marija. Und Saljana erklärt: "Serbien ist ein fremdes Land für mich. Deutschland ist mein Zuhause, ich will hier leben!"

Doch Duldung ist kein Bleiberecht, sie bedeutet nur, dass die Abschiebung für einen befristeten Zeitraum ausgesetzt wird. Laut der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl leben etwa 87.000 Geduldete in Deutschland. Sie werden in einem rechtlichen Schwebezustand gehalten, den die Hamburger Rechtsanwältin Annette Schmidt auch aus deutscher Perspektive für wenig sinnvoll hält. "Man muss sich doch überlegen, ob man diese Leute staatlich alimentiert oder ob man sie aufnimmt und sie ihren Beitrag leisten lässt", sagt sie. Denn die Betroffenen dürfen weder für ihren Lebensunterhalt arbeiten noch den ihnen zugewiesenen Landkreis verlassen. Den Kindern ist es erlaubt, in die Schule zu gehen; sie lernen Deutsch, werden hier sozialisiert – jedoch nur so lange, bis der Abschiebebescheid kommt.

So gehen Saljana und Marija zwar Tag für Tag in die Schule; doch ob es sich lohnt, für den nächsten Test zu lernen, die Hausaufgaben zu machen, sich zu überlegen, welchen Beruf sie hier einmal ergreifen wollen – das wissen sie nicht. "Wir lernen, weil wir Träume haben – wie andere auch. Aber die Gedanken an die Zukunft müssen wir manchmal verdrängen, weil wir nicht entscheiden können, ob wir hierbleiben dürfen", erklärt Saljana. "Egal, was wir machen wollen, ob Führerschein oder Klassenfahrt, alles hängt immer davon ab." Die Duldung verhindert jeden noch so kleinen Zukunftsplan. 

Leser-Kommentare
  1. Ich kann mich an einen Bericht von SpiegelTV erinnern. Es ging um aufdringliche Falschgoldverkäufer auf deutschen Autobahnen. Zum Glück schritt dort die Polizei ein.

    [...]

    Illegale Einwanderung ist ein Verbrechen und muss schnell und kompromisslos bestraft werden. Zügige Ausschaffung und Bestrafung der Menschenhändler und deren Unterstützer.

    Die sogenannten Menschenrechtsorganisationen leisten Beihilfe zu einer Straftat indem sie den Aufenthalt illegaler Einwanderer künstlich in die Länge ziehen und sollten zumindestens keine Beihilfen mehr vom Staat bekommen.

    Die Dramatisierung der Lebensverhältnisse der Familie in Serbien
    durch Nennung ihrer Arbeit als Erntehelfer auf den Feldern nahe Belgrad, kann ich nur als Hohn empfinden. Ist es doch das Schicksal von Millarden von Menschen auf der ganzen Welt als Bauern zu arbeiten. Natürlich ist es eine Umstellung, war man doch gut integriert ins deutsche Sozialsystem.

    Freizügigkeit auf der Welt wäre das Ende unseres Sozialsystems.

    Deutschland schafft sich noch schneller ab, jetzt auch schon mit Gesetzen wie dem vom Juli 2011.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf pauschale Unterstellungen und stigmatisierende Äußerungen. Danke. Die Redaktion/vn

    13 Leser-Empfehlungen
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    ... zielte nicht darauf ab, dass an der Tätigkeit etwas auszusetzen ist, sondern darauf, dass die Kinder (!) nichts anderes tun konnten, weil sie nicht zur Schule gehen durften.

    Die Aussage im Artikel kann man eigentlich auch nicht missverstehen, außer man trägt Scheuklappen wie Sie und biegt sich den Artikel solange zurecht bis er ins Weltbild passt.

    • Suryo
    • 13.09.2011 um 14:49 Uhr

    "Verbrechen" ? Warum sollte illegale Einwanderung denn nun gleich ein "Verbrechen" sein wie Totschlag, schwerer Raub oder Mord?
    Sind die Kinder in Ihren Augen auch "Verbrecher"? Und wer wäre dann das Opfer? Haben sie auch nur einen Cent weniger in der Tasche, wenn diese Leute in Deutschland bleiben dürfen?

    ... zielte nicht darauf ab, dass an der Tätigkeit etwas auszusetzen ist, sondern darauf, dass die Kinder (!) nichts anderes tun konnten, weil sie nicht zur Schule gehen durften.

    Die Aussage im Artikel kann man eigentlich auch nicht missverstehen, außer man trägt Scheuklappen wie Sie und biegt sich den Artikel solange zurecht bis er ins Weltbild passt.

    • Suryo
    • 13.09.2011 um 14:49 Uhr

    "Verbrechen" ? Warum sollte illegale Einwanderung denn nun gleich ein "Verbrechen" sein wie Totschlag, schwerer Raub oder Mord?
    Sind die Kinder in Ihren Augen auch "Verbrecher"? Und wer wäre dann das Opfer? Haben sie auch nur einen Cent weniger in der Tasche, wenn diese Leute in Deutschland bleiben dürfen?

  2. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf diskriminierende und stigmatisierende Äußerungen. Danke. Die Redaktion/vn

  3. ... zielte nicht darauf ab, dass an der Tätigkeit etwas auszusetzen ist, sondern darauf, dass die Kinder (!) nichts anderes tun konnten, weil sie nicht zur Schule gehen durften.

    Die Aussage im Artikel kann man eigentlich auch nicht missverstehen, außer man trägt Scheuklappen wie Sie und biegt sich den Artikel solange zurecht bis er ins Weltbild passt.

    Antwort auf "Schizophren"
    • hede
    • 13.09.2011 um 13:59 Uhr
    4. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Kommentare, die als diskriminierend und pauschalisierend verstanden werden. Danke, die Redaktion/jz

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    • sauce
    • 13.09.2011 um 16:22 Uhr

    Was hat den die Familie Pavlovic mit Straftaten zu tun, die (von wem auch immer) begangen wurden?
    Wenn Sie auf die Nationalität/die Tatsache, daß sie nicht deutsch sind anspielen, kann Ihnen mit Recht Rassismus vorgeworfen werden!

    • sauce
    • 13.09.2011 um 16:22 Uhr

    Was hat den die Familie Pavlovic mit Straftaten zu tun, die (von wem auch immer) begangen wurden?
    Wenn Sie auf die Nationalität/die Tatsache, daß sie nicht deutsch sind anspielen, kann Ihnen mit Recht Rassismus vorgeworfen werden!

    • NONW
    • 13.09.2011 um 14:00 Uhr

    Gut das sie sich auf SpiegelTV und Thilo Sarrazin berufen, da weiß man wenigstens das Sie verstanden haben wie unsere Welt funktioniert…
    Vielleicht sollten Sie sich auch einmal fragen welche Gesetze sie sich wünschen würden, wären Sie in einem nicht so privilegiertem Land geboren.

    • Todoy
    • 13.09.2011 um 14:07 Uhr

    Und das ist gut so. Hoffentlich bleibt es dabei.

  4. "Serbien war das Land, das die deutschen Behörden zur Heimat der Pavlovics bestimmt hatten."
    ---------------------------------------------------------
    Werte Frau Srikiow,

    seit wann besitzt Deutschland das Verfügungs -und Bestimmungrecht über souveräne Staaten wie Serbien zur Aufnahme von aus Deutschland abgeschobenen/ausgewiesenen Menschen nicht geklärter oder fremder Herkunft, was Voraussetzung wäre für Ihre im obigen Satz aufgestellte Behauptung ?

    Den Passus zeigen Sie mir bitte mal.

    Gruß Hräswelger

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    Ich kann Ihrem Kommentar nicht ganz folgen. Genau das scheint doch das Problem zu sein:

    Die deutschen Behörden waren der Meinung, Serbien sei das Heimatland, und haben dabei ignoriert, dass Serbien die Roma eben nicht als vollwertige Bürger betrachtet, ja nicht einmal ihren Kindern den Schulbesuch ermöglicht.

    Die deutschen Behörden haben sich also falsch verhalten, und genau darüber beklagt sich doch Frau Srikiow. Was werfen Sie ihr also vor?

    Ich kann Ihrem Kommentar nicht ganz folgen. Genau das scheint doch das Problem zu sein:

    Die deutschen Behörden waren der Meinung, Serbien sei das Heimatland, und haben dabei ignoriert, dass Serbien die Roma eben nicht als vollwertige Bürger betrachtet, ja nicht einmal ihren Kindern den Schulbesuch ermöglicht.

    Die deutschen Behörden haben sich also falsch verhalten, und genau darüber beklagt sich doch Frau Srikiow. Was werfen Sie ihr also vor?

    • Suryo
    • 13.09.2011 um 14:49 Uhr

    "Verbrechen" ? Warum sollte illegale Einwanderung denn nun gleich ein "Verbrechen" sein wie Totschlag, schwerer Raub oder Mord?
    Sind die Kinder in Ihren Augen auch "Verbrecher"? Und wer wäre dann das Opfer? Haben sie auch nur einen Cent weniger in der Tasche, wenn diese Leute in Deutschland bleiben dürfen?

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