DIE ZEIT: Was läuft in der beruflichen Kommunikation am häufigsten schief?

Friedemann Schulz von Thun: Da gibt es vieles...Ein ganz zentraler Punkt ist die fehlende Anerkennung . Das Gefühl, jemand beschäftigt sich mit dem, was ich tue, wird von Vorgesetzten viel zu selten vermittelt. Und damit meine ich eine substanzielle Würdigung, die über ein lapidares »Gut gemacht!« hinausgeht. Die Führungskräfte haben heute alle ihre liebe Not mit sich selber und kaum noch Kraft übrig, sich wirklich fürsorglich, mitdenkend, mitfühlend für ihre Leute zu interessieren.

DIE ZEIT: Sie sagen aber auch, dass zu viel Harmonie am Arbeitsplatz kontraproduktiv ist – warum?

Schulz von Thun: Viele Kollegen gehen derartig vorsichtig und rücksichtsvoll miteinander um, dass kein Klartext mehr gesprochen wird. So fallen viele wichtige Punkte unter den Tisch. Ein anderes verbreitetes Übel ist, dass es in Meetings im Übermaß menschelt und den Besprechungen jede Struktur abgeht, sie im zermürbenden Überdruss versiegen. Ein guter Moderator müsste für Ordnung sorgen, aber auch Lebendigkeit ermöglichen. Die Vereinbarung von Struktur und Dynamik: Das ist eines der zahlreichen Dilemmata, die in der Führungsrolle enthalten sind.

DIE ZEIT: Ich denke also, mit den Kollegen läuft alles wunderbar – und dabei müsste eigentlich mal jemand die Harmonieblase platzen lassen. Doch wer will das machen, und wie?

Schulz von Thun: Wenn es schon länger pseudoharmonisch war, ist damit zu rechnen, dass dann alles Verschüttete und Übertünchte undosiert hochquillt und nicht mehr handhabbar ist. Darum wäre eine Besprechungskultur wichtig, die nicht gleich mit dem Tagesordnungspunkt eins anfängt, sondern mit einer kleinen Runde: Wie geht es mir in dieser Woche? Wenn ich mir die Arbeitsabläufe durch den Kopf gehen lasse, möchte ich vielleicht ein, zwei Dinge ansprechen, die mir auf der Seele liegen. Vielleicht möchte ich auch mal etwas erwähnen, das mich wirklich gefreut hat. Mit so einer Anfangsrunde zu starten kann konfliktprophylaktisch sehr heilsam sein. Zu friedlich und zu höflich, das ist »friedhöflich«: Da ist keine wirkliche Lebendigkeit, keine Streitlust, keine Herzlichkeit.

DIE ZEIT: Erkennt man ein wirklich harmonisches Kollegium daran, dass es nach Feierabend etwas gemeinsam unternimmt?

Schulz von Thun: Wenn man ein gemeinsames Hobby hat, warum nicht? Aber es sollte nicht das Ziel sein. Man muss nicht auch noch seine Freizeit zusammen verbringen. Wir schätzen uns als Kollegen, und da, wo wir anfangen, uns nicht zu schätzen, sprechen wir das auf eine verträgliche Weise an. Das verlangt ein bisschen Mut, lohnt sich aber. Ob wir abends noch kegeln gehen, steht auf einem anderen Blatt.

DIE ZEIT: Wie viel Privates ist der beruflichen Kommunikation eigentlich förderlich ? Gehört es dazu, dass ich von meinem Wochenende erzähle?

Schulz von Thun: Der Leitstern lautet Stimmigkeit. Sowohl Übereinstimmung mit mir selbst – Authentizität – als auch Übereinstimmung mit der Situation. Wir begegnen uns meistens auf einem Schachbrett. Die Frage muss also immer sein: Passt es von der Situation und von der Beziehung? Passt es zu meiner Person, und wie stehen wir zueinander? Es gibt keine Standardantwort. Willy Brandts Kniefall in Warschau war in dieser Situation bei diesem Mann absolut stimmig. Nicht stimmig wäre, wenn jetzt jeder deutsche Politiker, der nach Warschau fährt, denken würde: »Ich mach mal einen Kniefall, das macht sich hier immer gut.«

DIE ZEIT: Was bedeutet das für den Führungsstil?

Schulz von Thun: Jede Führungskraft muss für sich herausfinden: Angesichts der Leute, die ich habe, und angesichts dessen, was ich selbst für ein Mensch bin, der sich nicht verstellen möchte: Was ist hier eine gute Art, miteinander umzugehen? Das steht in keinem Lehrbuch. Meine Stimmigkeitslehre mutet zu, eine neue Kommunikation zu erfinden, die einmalig ist, die es noch nicht gab. Kommuniziere und verhalte dich wesensgemäß und situationsgerecht! Das sind die beiden Kernpostulate der Stimmigkeit. Früher haben wir trainiert, richtig zu sprechen, wertschätzend, per Ich-Botschaften, aktivem Zuhören und so weiter. Das war alles sehr gut gemeint, aber ein kommunikativer Sonntagsanzug.