Die sagenhafte Freiheit der Studienzeit kann Sören Damm noch nicht genießen, obwohl er doch schon seit einigen Monaten zur Uni geht. Schon bei den Vorlesungen und Seminaren fangen die Einschränkungen an: Für Damm herrscht strikte Anwesenheitspflicht, wie in der Schule. Selbst den Bibliotheksausweis konnte der Student nicht einfach so beantragen: "Ich brauchte die Unterschrift meiner Mutter. Besonders umständlich ist auch, dass ich mich nicht über das Online-System der Uni für Prüfungen anmelden kann. Stattdessen muss ich persönlich bei der Professorin vorbeigehen", sagt er. Dass Damm anders behandelt wird als die meisten seiner Kommilitonen liegt an seinem Alter: Sören Damm ist 17 und damit noch nicht volljährig. Er studiert neben seinem regulären Schulunterricht Geschichte an der Uni Oldenburg im Rahmen eines Frühstudiums.

Durch die Förderung begabter Schüler gibt es schon heute mehr minderjährige Erstsemester an den Universitäten als jemals zuvor. Laut Statistischem Bundesamt hat sich zwischen 1999 und 2009 die Zahl der minderjährigen Studienanfänger auf 446 Studenten verdoppelt. Seitdem ist die Zahl der Studenten unter 18 noch mal rasant gestiegen, mittlerweile sind es schon mehr als 700. Und dieser Anstieg ist erst der Anfang einer merklichen Verjüngung der Studenten in den kommenden Jahren: Bis 2016 wird in 13 Bundesländern das G-8-System eingeführt sein, die Schüler machen dann Abitur nach acht Jahren statt nach neun. Viele Abiturienten können deshalb auch ihr Studium schon mit 17 Jahren beginnen. Dass dadurch der Altersdurchschnitt in den Hörsälen weiter sinkt, ist nur eine künftige Herausforderung für Dozenten und Professoren. Im Uni-Alltag stellen sich auch juristische Probleme.

Wie die Hochschulen mit dieser Entwicklung umgehen werden, ist noch nicht klar; bislang reagieren sie eher verhalten. Viele behelfen sich mit einer beschränkten Generaleinwilligung. Die Eltern unterschreiben darin, dass sie mit der Bewerbung ihrer Kinder an der Universität, der Einschreibung sowie der Zahlung von Studiengebühren und auch mit eventuellen Studienfachwechseln einverstanden sind. Auch die Nutzung der Bibliotheken und anderer Einrichtungen sowie die Anmeldung zu Prüfungen kann so geregelt werden. Allerdings können die Eltern ihr Einverständnis jederzeit widerrufen.

Die grundsätzliche Frage ist deshalb, wie die Verantwortung neu verteilt werden soll: Müssen die Hochschulen zusätzliche Verantwortung übernehmen, oder wäre es angebrachter, die minderjährigen Studierenden selbst mit mehr Rechten auszustatten? Barbara Veit, Expertin für Familienrecht an der Universität Göttingen, sieht die Universitäten in der Pflicht. "Wenn Minderjährige immatrikuliert sind, sollte die Universität so gut wie möglich die Aufsichtspflicht übernehmen – ähnlich wie die amerikanischen und englischen Colleges."

Wenn sich nichts ändert, werden die neuen, minderjährigen Studenten auf die gleichen Bedingungen treffen, die Sören Damm an der Uni erlebt hat: "Für mich war die erste Zeit an der Uni eine Umstellung, alles ist eben für Erwachsene ausgelegt." Er empfand vieles als umständlich, aber auch nicht unbedingt als falsch: "Ich bin mir gar nicht sicher, ob Minderjährige schon so viele wichtige Entscheidungen treffen können."