G8Akademische Nesthäkchen

Die Zahl minderjähriger Studenten steigt. Sind die Hochschulen darauf vorbereitet? von Lisa Srikiow

Die sagenhafte Freiheit der Studienzeit kann Sören Damm noch nicht genießen, obwohl er doch schon seit einigen Monaten zur Uni geht. Schon bei den Vorlesungen und Seminaren fangen die Einschränkungen an: Für Damm herrscht strikte Anwesenheitspflicht, wie in der Schule. Selbst den Bibliotheksausweis konnte der Student nicht einfach so beantragen: "Ich brauchte die Unterschrift meiner Mutter. Besonders umständlich ist auch, dass ich mich nicht über das Online-System der Uni für Prüfungen anmelden kann. Stattdessen muss ich persönlich bei der Professorin vorbeigehen", sagt er. Dass Damm anders behandelt wird als die meisten seiner Kommilitonen liegt an seinem Alter: Sören Damm ist 17 und damit noch nicht volljährig. Er studiert neben seinem regulären Schulunterricht Geschichte an der Uni Oldenburg im Rahmen eines Frühstudiums.

Themenwoche: Sturm auf die Unis

In Niedersachsen und Bayern haben zwei Jahrgänge gleichzeitig Abitur gemacht, die Wehrpflicht ist Geschichte: In diesem Wintersemester drängen eine halbe Million Studienanfänger an die Hochschulen, so viele wie niemals zuvor. Eine Herausforderung für die Universitäten, aber genauso für die Studienanfänger. Sie konkurrieren um Studienplätze und Wohnraum und müssen sich besser organisieren als Studenten zuvor.

In einer Themenwoche  berichtet ZEIT ONLINE über die Folgen des Studentenansturms für die Hochschulen, über Studienanfänger und ihren Start in einen neuen Lebensabschnitt.

Unsere Geschichten zum Thema

Alternativen: Was tun, wenn's nicht klappt mit dem Studienplatz? Wie man die Zeit sinnvoll überbrückt.

Private Hochschulen: Wie sie von den steigenden Studentenzahlen profitieren

Minderjährig an die Uni: Was auf die 17-Jährigen zukommt

Wohnungssuche: Kampf um WG-Zimmer, den Platz im Studentenwohnheim oder die eigene Wohnung

Raten: Ein Quiz zum studentischen Leben in Deutschland

Erst einmal was anderes machen: Warum es sinnvoll sein kann, ein Jahr auszusetzen zwischen Schule und Studium.

Warten auf den Sturm: Wie sich die Universitäten in Hessen und Nordrhein-Westfalen vorbereiten, wo die doppelten Abiturjahrgänge noch ausstehen

Ihre Erfahrung: Schreiben Sie einen Leserartikel über Ihre Erfahrungen mit Bewerbungen an den Unis, der Suche nach einem WG-Zimmer und wie es Ihnen nach dem Ende der Schulzeit geht.

Durch die Förderung begabter Schüler gibt es schon heute mehr minderjährige Erstsemester an den Universitäten als jemals zuvor. Laut Statistischem Bundesamt hat sich zwischen 1999 und 2009 die Zahl der minderjährigen Studienanfänger auf 446 Studenten verdoppelt. Seitdem ist die Zahl der Studenten unter 18 noch mal rasant gestiegen, mittlerweile sind es schon mehr als 700. Und dieser Anstieg ist erst der Anfang einer merklichen Verjüngung der Studenten in den kommenden Jahren: Bis 2016 wird in 13 Bundesländern das G-8-System eingeführt sein, die Schüler machen dann Abitur nach acht Jahren statt nach neun. Viele Abiturienten können deshalb auch ihr Studium schon mit 17 Jahren beginnen. Dass dadurch der Altersdurchschnitt in den Hörsälen weiter sinkt, ist nur eine künftige Herausforderung für Dozenten und Professoren. Im Uni-Alltag stellen sich auch juristische Probleme.

Anzeige

Wie die Hochschulen mit dieser Entwicklung umgehen werden, ist noch nicht klar; bislang reagieren sie eher verhalten. Viele behelfen sich mit einer beschränkten Generaleinwilligung. Die Eltern unterschreiben darin, dass sie mit der Bewerbung ihrer Kinder an der Universität, der Einschreibung sowie der Zahlung von Studiengebühren und auch mit eventuellen Studienfachwechseln einverstanden sind. Auch die Nutzung der Bibliotheken und anderer Einrichtungen sowie die Anmeldung zu Prüfungen kann so geregelt werden. Allerdings können die Eltern ihr Einverständnis jederzeit widerrufen.

Die grundsätzliche Frage ist deshalb, wie die Verantwortung neu verteilt werden soll: Müssen die Hochschulen zusätzliche Verantwortung übernehmen, oder wäre es angebrachter, die minderjährigen Studierenden selbst mit mehr Rechten auszustatten? Barbara Veit, Expertin für Familienrecht an der Universität Göttingen, sieht die Universitäten in der Pflicht. "Wenn Minderjährige immatrikuliert sind, sollte die Universität so gut wie möglich die Aufsichtspflicht übernehmen – ähnlich wie die amerikanischen und englischen Colleges."

Wenn sich nichts ändert, werden die neuen, minderjährigen Studenten auf die gleichen Bedingungen treffen, die Sören Damm an der Uni erlebt hat: "Für mich war die erste Zeit an der Uni eine Umstellung, alles ist eben für Erwachsene ausgelegt." Er empfand vieles als umständlich, aber auch nicht unbedingt als falsch: "Ich bin mir gar nicht sicher, ob Minderjährige schon so viele wichtige Entscheidungen treffen können."

Leserkommentare
  1. Ich war 19 beim Abi, wenn ich sofort studiert hätte, wäre ich bei der Immatrikulation 20 gewesen. Wo kommen jetzt lauter 17-Jährige her, wenn die Schulzeit um ein Jahr verkürzt wird?

    Der im Bericht vorgestellte Sören stellt ja einen Sonderfall dar, wenn er parallel zur Schule bereits die Uni besucht.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Numby
    • 08. September 2011 11:14 Uhr

    Ich war in meinem Jahrgang einer der Jüngsten. Mit 19 hatte ich mein Abi und habe auch mit 19 mein Studium begonnen. Einige wenige sind kurz vor Beginn des Wintersemesters 19 geworden. Wenn sich die Zeit nun um ein Jahr verkürzt, sind demnach viel mehr 18-Jährige an den Unis, die als "ordentliche Studenten" immatrikuliert sind. Der Hype um "minderjährige Studenten" dürfte nur wenige "ordentliche Studenten" betreffen, sondern vielmehr solche "Kandidaten" wie Sören, die bereits vor Erhalt der Allgemeinen Hochschulreife ihr Universitätsstudium beginnen.

    Mein Sohn ist mit 5 Jahren in die Schule gekommen, würde er G8 machen hätte er mit 17 sein Abi.

    Ich habe mit 21 zum Studieren angefangen und eine 3 jährige Ausbildung zuvor abgeschlossen. Es gibt durchaus Systeme, in denen man noch schneller das Abitur bekommt.

    Es wird nicht die Mehrheit sein, aber geschätzte 5% als nicht relevante Menge zu betrachten halte ich für mutig.

    • Numby
    • 08. September 2011 11:11 Uhr

    von Lehrveranstaltungen, Prüfungen, etc. nicht nutzen darf, liegt vor allem daran, dass er noch zur Schule geht und als "Schüler" noch keine Kennung für das Online-System erhalten hat. Das hat absolut nichts mit seinem Altern zu tun, sondern vielmehr damit, dass er als "Frühstudent" (da er schließlich noch zur Schule geht) und nicht als "ordentlicher Student" studiert.

    • Numby
    • 08. September 2011 11:14 Uhr

    Ich war in meinem Jahrgang einer der Jüngsten. Mit 19 hatte ich mein Abi und habe auch mit 19 mein Studium begonnen. Einige wenige sind kurz vor Beginn des Wintersemesters 19 geworden. Wenn sich die Zeit nun um ein Jahr verkürzt, sind demnach viel mehr 18-Jährige an den Unis, die als "ordentliche Studenten" immatrikuliert sind. Der Hype um "minderjährige Studenten" dürfte nur wenige "ordentliche Studenten" betreffen, sondern vielmehr solche "Kandidaten" wie Sören, die bereits vor Erhalt der Allgemeinen Hochschulreife ihr Universitätsstudium beginnen.

    Antwort auf "Verstehe ich nicht"
  2. Zunaechst einmal volle Zustimmung, hafensonne. Nach meiner Rechnung duerften die allermeisten frischen Abiturienten bei der Immatrikulation mindestens 18 sein - nur wenn jemand mit fuenf Jahren eingeschult wird, kann er bei der Einschreibung minderjaehrig sein, doch i.d.R. nur fuer eine kurze Zeit!

    Was hat das mit der gefuehlten Ungerechtigkeit auf sich? Klingt ja gerade so, als sie die boese Universitaet "diskriminierend"! Unsinn. Das ist nunmal das Los der Minderjaehrigen in Deutschland: selbstverstaendlich haben sie, zu ihrem eigenen Schutz und zu dem der Gesellschaft, weniger Rechte als nicht mehr Minderjaehrige! Mit Ungerechtigkeit hat das nichts zu tun!

    Ebenso sehe ich bei Weitem nicht, weshalb die Universitaet (gem. Frau Veit, Uni GÖ) die Aufsichtspflicht ueber Minderjaehrige uebernehmen sollte! Ob das in Amerika so der Fall ist wie behauptet, weiss ich nicht. Aber wie soll das denn ueberhaupt funktionieren? Stellt die Uni dann "Aufpasser" ein, die diese knabenhaften Voegel dann auf Schritt und Tritt begleiten? Ein Glueck, dass ich eben jene Universitaet vor Kurzem verlassen habe. Und wie wuerde denn die Aufsichtspflicht rechtlich geregelt werden? Die rechtlichen Probleme wuerden sich m.E. nach noch deutlich vergroessern! Welche Eltern wuerden schon eine Vollmacht an einen Dritten zur gesetzlichen Vertretung ihres Kindes erteilen?! Aber das weiss die Expertin Prof. Dr. Veit wohl besser.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Jo da haben die tatsächlich Aufpasser, die auf die minderjährigen aufpassen. Man lebt ja in Dorms und dort waren bei uns in jeder Etage 2 ältere Studenten, die Ansprechpartner waren und auch weisungsbefugt waren. Auf Ausflüge etc. fahren Dozenten mit und diese sind dann auch gegenüber der jüngeren Studenten weisungsbefugt. Anwesenheitspflicht bei Lehrveranstaltungen ist da ja üblich. Viel mehr wie Schule eben.

  3. Wenn ich daran denke, wie wundervoll und unbekümmert die Zeit zwischen 19 und 21, Kollegstufe und Uni, war, werde ich immer noch ganz melancholisch. Reisen, Feiern, Tagdieb sein, Blödsinn machen, Zivi.
    Ohne diese Zeit hätte ich jetzt mit mitte 20 meine erste Midlife-Crisis, fürchte ich.

    • cvnde
    • 08. September 2011 11:49 Uhr

    Es gibt den § 113 BGB, da gibt es eine Art "Generalermächtigung".

    Somit sind die Bedenken aus §§ 106 - 112 BGB eigentlich abwägig.

    Als Auffangnorm kann man immer noch den § 110 BGB nehmen.
    Denn man kann unterstellen, dass der "Student" mit Mitteln ausgestatet wurde um zu studieren, anders wäre es ja praktisch kaum machbar.

    Also wozu solch eine Diskussion??

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • cvnde
    • 08. September 2011 12:01 Uhr

    Das ein Kreditvertrag der Zustimmung eines Familiengerichts benötigt und das Bürgen für einen Mitvertrag benötigt werden könnten ist zwar richtig.
    Nur wird nicht jeder Student einen Bildungskredit brauchen und einen Bürgen um eine Wohnung anzumieten wird man, im Zweifelsfall auch brauchen, wenn man schon volljährig ist, das sind ja finanzielle Fragen und keine der Geschäftsfhigkeit.

  4. Die einen müssen Wartesemester in Kauf nehmen, um einen Studienplatz zu bekommen, die anderen werden bevorzugt, weil einen früheren Schulabschluss ermöglicht bekommen haben. Wie ungerecht.
    Und auch irgendwie unverschämt hier so zu tun, als hätte ein Frühstudent irgendwas mit G8 zu tun.

    Eine Leserempfehlung
    • Khef
    • 08. September 2011 11:51 Uhr

    wie das hier so dargestellt wird, als ob wir in den nächsten Jahren eine regelrechte Schwemme minderjähriger Studenten haben werden. Wir werden alle überrannt!

    Was meinte der Artikel? Über 700 bundesweit? Lächerlich, allein an meiner Uni sind es über 20 000 Studenten, da fallen die paar doch kaum ins Gewicht... unbegründete Panikmache!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    700 bundesweit ist eine lächerlich kleine Zahl - und anders als andere Minderheiten wie etwa Rollstuhlfahrer an der Uni etc. ... wächst sich bei denen das "Handicap" ja aus ;-)

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service