Damit sie sich selbst erfahren, wollen sie durch Deutschland fahren, doch im Moment herrscht erst einmal Stillstand. Es regnet in Koblenz, nein, es schüttet, und 15 Schüler der Stadtteilschule Winterhude in Hamburg, 12 bis 15 Jahre alt, suchen Schutz unter einem Vordach des Bahnhofs. Ihre Räder haben sie aneinandergelehnt, sodass sie sich gegenseitig stützen und unter der Last des Gepäcks nicht umkippen können: Für drei Wochen gehören diese 15 zusammen, ob sie gerade wollen oder nicht.

Was die Schüler da machen, ist kein Urlaub, sondern Teil des Lehrplans. Jedes Jahr stellen sich die Jahrgangsstufen acht bis zehn einer besonderen Aufgabe. Jeder Schüler ist insgesamt drei Mal dabei, Frida, Lena, Laura, Simon, Felix und ihre Mitschüler haben sich diesmal für "Sechzehn auf einen Streich" entschieden, eine Fahrt durch alle Bundesländer mit dem Rad. Andere wandern über die Alpen, segeln in Holland oder renaturieren einen Bachlauf in Norddeutschland. Die ersten drei Wochen nach den großen Ferien sind dafür reserviert. Dahinter steckt die Überlegung, dass jeder Schüler auf seine eigene Art und Weise lernt – und dass man, wenn man gerade 12, 13, 14 oder 15 ist, nicht unbedingt weiterkommt, wenn man frontal mit Wissen abgefüttert wird. Wer für drei Wochen aus seiner gewohnten Umgebung herausgerissen wird, muss sich wirklich auf eine Gruppe einlassen und sich in neuen Situationen erproben. Darum heißt diese Unterrichtseinheit an der Schule "Herausforderung".

In Koblenz dauert es, bis das Regenband durchgezogen ist. Sie kommen spät los – und müssen noch einiges schaffen. Am Morgen hat Felix eine Deutschlandkarte ausgebreitet und seinen Mitschülern gezeigt, wie sie nach Bingen kommen. Immer zwei Schüler bilden das "Tagesteam", das die genaue Route festlegt. Die Schüler sollen selbst verantwortlich sein für ihr Projekt, und anders als bei einer Klassenfahrt gehört dazu eben auch die Organisation: vom Spendensammeln vor der Abfahrt bis zum Austüfteln der besten Strecke unterwegs. Von einer "Pädagogik der Ernsthaftigkeit" spricht der Direktor der Schule: Es gehe auch darum, den Schülern zuzutrauen, für sich selbst zu entscheiden. Warum sie sich gerade dieser Herausforderung stellen wollen und nicht zum Beispiel der Alpenwanderung, müssen die Schüler in einer schriftlichen Bewerbung begründen.

In Hamburg sind sie vor fünf Tagen gestartet, Bremen haben sie passiert, dann Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Gestern sind sie mit dem Zug in Rheinland-Pfalz angekommen. Vier Mal insgesamt legt die Gruppe ein Stück der Strecke mit dem Zug zurück, anders wäre die Fahrt durch 16 Länder in drei Wochen nicht zu schaffen. "Ich finde das schade", sagt Frida, "das ist so, als würden wir schummeln." Heute aber wird nicht geschummelt, der Regen zieht vorüber, "Aufsitzen!", ruft Markus Gregor, der Lehrer.

Einer nach dem anderen fahren die Schüler los vom Bahnhof Richtung in Rhein, gelb oder orange leuchtend, je nach Farbe der Signalweste. Vorn ein Lehrer, hinten ein Lehrer, in der Mitte viel Platz zum Nachdenken. "Ich mache mir auf dem Fahrrad ganz viele Gedanken, die ich mir sonst nicht machen würde", sagt Linda. Sie überlegt, was zu Hause wohl gerade passiert. In den ersten Tagen hatte sie Heimweh, das ging vielen so. Ein Mädchen bat seinen Bruder, ihm am Handy Musik vorzuspielen. Es kann ganz schön leise sein, wenn man auf dem Fahrrad sitzt und sonst den Geräuschpegel der Geschwister gewohnt ist.