Zweiundvierzig Prozent. Das ist die Zahl, die im Leben von Wolfgang Bosbach in den vergangenen Jahren die größte Bedeutung hatte, die den Unterschied gemacht hat. Es ist kein Wahlergebnis und auch kein Rekord in einer Beliebtheitsumfrage. 42 Prozent ist die Leistungsfähigkeit von Wolfgang Bosbachs Herz. Es schien immer, als liebte Bosbach diese Zahl, er erwähnte sie oft. Er verglich sie nicht mit den hundert Prozent, die andere Menschen haben, sondern mit den 23 Prozent, bei denen er nach der Herzmuskelentzündung angelangt war, die ihn 2004 fast umgebracht hätte. Seitdem gab ein Schrittmacher den Takt seines Herzens vor, und Wolfgang Bosbach nutzte die 42 Prozent, um mit hektischem Frohsinn die Verlangsamung zu ignorieren, die das Leben ihm aufgezwungen hatte.

Wer hätte gedacht, dass das Herz einmal sein kleinstes Problem sein würde?

Die Deutschen kennen Wolfgang Walter Wilhelm Bosbach, 59, als gut gebräunten Herrn mittleren Alters von der CDU, der immer dann in den Nachrichten auftaucht, wenn es um Kinderpornografie, Terroristen oder Sicherheitsgesetze geht. Dann steht er vor einem Fachwerkhaus, im Hintergrund wippen die Blätter der Bäume, und erklärt, was zu tun ist, oder mahnt Verbesserungen bei bestehenden Gesetzesvorhaben an. Am Ende stimmt der Abgeordnete Bosbach, Wahlkreis 101 , Vorsitzender des Innenausschusses, dann im Bundestag zu. Er ist einer von denen, die den Laden am Laufen halten, seit 17 Jahren.

Doch in den vergangenen Monaten ist die Welt des Wolfgang Bosbach aus den Fugen geraten, innerlich wie äußerlich. Die Blätter wippen sanft wie immer, aber Bosbach redet im Fernsehen jetzt nicht mehr über Terroristen, er spricht plötzlich über Europa. Er sagt, dass er dem Gesetz über eine Ausweitung des europäischen Rettungsschirms und dem Hilfspaket für Griechenland nicht zustimmen kann. Weil das für ihn eine Gewissensfrage sei. Bosbach macht nicht mehr mit. Der Sicherheitsexperte hat sich in eine Bedrohung für die eigene Regierung verwandelt.

Die 42 Prozent erwähnt er nicht mehr so oft. Er meint nicht mehr das Herz, wenn er von seiner Krankheit spricht. Er meint jetzt den Krebs. Die CDU, sein Leben, die Politik, das war bei Wolfgang Bosbach immer eins, und auch deshalb geht es ihm jetzt um alles.

Er wisse nicht, wann das angefangen habe, sagt Bosbach, er könne kein Datum nennen, aber er könne sie spüren, die Entfremdung. Kritik an der Politik, die habe es immer gegeben, sagt er, aber nie ein so grundlegendes Misstrauen wie heute. Bosbach sitzt auf der überdachten Terrasse seines Hauses in Bergisch Gladbach, vor dem Vorgarten weiden drei schwarze Schafe, im Flur stehen die Reitstiefel der Tochter, neben dem Schuppen steht ein großer Gartenzwerg mit Reh. »Den hat uns irgendso’n Komiker zur Hochzeit geschenkt«, sagt Bosbach. Sein Haus ist kein Fachwerkhaus. Das Fachwerkhaus ist das Hotel Malerwinkel in Bergisch Gladbach, das er irgendwann zu seinem persönlichen Fernsehstudio gemacht hat.