Manchmal ist das Pseudonym der bessere Name. »Twiddlebit« steht auf einem Aufkleber, der auf der linken Brust von Klaus Schleisiek pappt. Schleisiek ist ein älterer Herr, seine Schultern sind schon etwas gebeugt, die Haare grau, doch die Augen wach. To twiddle a bit ist englisch für »ein wenig herumbasteln«, etwas auseinandernehmen und neu zusammensetzen, egal ob Bauteile, Bits – oder einen neuen Club.

Als »Tom Twiddlebit« hat Schleisiek vor 30 Jahren einen Aufruf in der taz unterzeichnet , gemeinsam mit seinem Gleichgesinnten Wau Holland, eine Einladung, um genau zu sein. »Damit wir Komputerfrieks nicht länger unkoordiniert vor uns hinwursteln, tun wir wat und treffen uns am 12.9.81« – woraufhin sich tatsächlich ein Häuflein Interessierter in den Berliner Redaktionsräumen der Zeitung einfand. Dieses Treffen an einem Küchentisch, der einst in der Kommune I gestanden hatte, gilt als Ursprung des Chaos Computer Clubs, den Holland später auch als Verein gründen sollte. Und Schleisiek als dessen Initiator. Man könnte auch sagen: Schleisiek hat geholfen, Deutschland in die Gegenwart zu führen. Indem er einen Hackerkreis ins Leben gerufen hat.

Als Hacker verstehen sich die Mitglieder des Chaos Computer Clubs (kurz: CCC) bis heute. In der breiten Öffentlichkeit wird das Wort fast ausschließlich mit der kriminellen Ausprägung von Computerexpertise gleichgesetzt, wenn es etwa um Angriffe auf Webseiten geht, um den Diebstahl von Kundendaten, um chinesische Computerkrieger oder undurchsichtige Streitigkeiten bei WikiLeaks . Doch Hacker als Vandalen, Diebe oder Verbrecher, das ist nur die halbe Wahrheit . Die Geschichte des CCC , der in diesen Tagen 30 Jahre alt wird, zeigt noch eine andere Seite. Es ist zugleich die Geschichte von drei Jahrzehnten Bundesrepublik, von ihrem Weg aus den fernen, analogen achtziger Jahren in die digitale Gegenwart. Sie ist nicht frei von den Verlockungen der Macht, die aus Wissen erwächst. Aber in den meisten Fällen agierten die Hacker wie geduldige Schülerlotsen für eine Gesellschaft, in deren Alltag die Computerei einbrach – indem sie Gefahren aufzeigten und ein Verständnis für elektronische Sicherheit weckten.

Im Zeitraffer betrachtet, zeigt sich im Wandel der Aktionen des CCC, seiner Ziele und seines Selbstverständnisses, wie die Digitalisierung unsere Gesellschaft verändert hat.

Hacken als Suche nach Zugang : Die frühen Projekte des CCC wirkten, als kämen sie aus dem Hobbykeller eines Reihenhauses in Bielefeld. Etwa das »Datenklo« : Wer sich 1984 in den Vorläufer des Internets einwählen wollte, brauchte dafür einen sogenannten Akustikkoppler. Diese Geräte gab es nur bei der Post, zur Miete für wenigstens 580 Mark im Jahr. Das war viel Geld. Weniger als 300 Mark hingegen kostete ein gleichwertiges Gerät, das CCC-Bastler selbst entworfen und zusammengelötet hatten. Es wäre wohl ein Kellerprojekt geblieben, hätten die Macher nicht eifrig fotokopierte Bauanleitungen verbreitet, nebst der Liste benötiger Einzelteile. Dazu gehörten zwei Gummiwülste, um den Telefonhörer zu umschließen, damit nichts die Übertragung der fiependen und knarrenden Laute störte. Diese Wülste kamen aus dem Baumarkt und waren eigentlich für die Verbindung von Spülkasten und Toilette gedacht – daher der Name Datenklo. Verkniffen kommentierte die Bundespost: »Atypisches Nutzerverhalten!

Hacken als Misstrauen : Überhaupt, die Post. Für die Hacker war sie das institutionalisierte Böse, der »Gilb« – teuer, langsam und unangenehm amtlich. Zudem war der deutsche Staat in den achtziger Jahren generell in ein gewisses Sympathiedefizit geraten (einfach mal »Wackersdorf« oder »Startbahn West« googeln!) und für ganz vieles noch immer allein zuständig. So war, der Logik des 19. Jahrhunderts folgend, zunächst die Telegrafie, später die Fernsprechtechnik dem Postministerium zugeschlagen worden – nun sollte diese Behörde Deutschland in die digitale Zukunft führen. Ausgerechnet!