Kunstprojekt"Ich bringe es zu Ende"

Zwei Jahre nach dem Tod seiner Frau Jeanne-Claude nimmt der Künstler Christo noch einmal ein großes Werk in Angriff: Die Verhüllung des Arkansas River. Ein Atelierbesuch von Martin Tschechne

Keine Gefahr für das Dickhornschaf. Die wild lebenden Tiere in der Gegend um den Arkansas River seien es ohnehin gewohnt, von Motorradfahrern, Campern oder juchzenden Floßfahrern aufgeschreckt zu werden. Keine Gefahr auch, bestätigt die Umweltbehörde in Colorado, für Steinadler und nistende Zugvögel. Mögliche Verkehrsbehinderungen auf dem Highway 50 wurden auf durchschnittlich drei Minuten pro Fahrzeug berechnet. Unbedenklich also.

Fast ein Jahr lang zog sich die amtliche Prüfung hin, jeder mögliche Einwand wurde abgeklopft – jetzt bekam der New Yorker Künstler Christo eine offizielle Unbedenklichkeitsbescheinigung ausgestellt: Auf zehn Kilometern Länge darf er nun den Arkansas River im August 2014 für zwei Wochen mit einem silbrig glänzenden, durchscheinenden Stoff überspannen. Die Forellen im Fluss werden sich sogar freuen über ein bisschen Schatten, jubeln die Umweltschützer. Fische lieben das Halbdunkel, und Bäume sind rar in der karstigen Gegend.

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Over the River heißt das Projekt und ist der erste Großauftritt des Künstlers nach dem Tod seiner Frau Jeanne-Claude vor knapp zwei Jahren. Es bleibt jedoch ein gemeinsames Projekt. »Ich glaube, der erste Anstoß kam von ihr«, sagt Christo. Es sei im August 1985 gewesen, das Künstlerpaar stand auf einem Kahn unter dem Pont Neuf in Paris und sah zu, wie Helfer riesige Stoffbahnen über das Wasser der Seine zogen, um die Bögen der Brücke damit zu verhüllen. Weiches Licht drang durch das Gewebe; oben reflektierte der Stoff den gleißenden Schein der Sonne – wunderschön. Warum also nicht mal einen ganzen Fluss verhüllen?

Christo lacht. »Aber Jeanne-Claude sagte immer: ›Eine verrückte Idee haben kann jeder. Es kommt darauf an, sie zu entwickeln.‹« Wie oft haben der aus dem Bulgarien der Stalin-Zeit geflohene Christo Javacheff und die französische Generalstochter Jeanne-Claude de Guillebon ihr Mantra vor Verwaltungsgremien, Anwohnerinitiativen und Pressekonferenzen wiederholt! Bürgermeister und Bundestagspräsidenten, Landvermesser, Bürokraten und Hunderte von Helfern – sie alle übernahmen ihre Rollen in der Kunst, indem sie Neugier zeigten oder sich brüskiert abwandten, Widerstand leisteten oder selbst mit anpackten; Christo und Jeanne-Claude machten sie zu Akteuren ihrer Prozesskunst. »Streit und Diskussion waren unser Elixier«, sagt der Künstler heute. »Jeanne-Claude war äußerst kritisch und entschieden. Wir haben ständig gekämpft, auch miteinander. Aber das brachte unsere Arbeit voran. Jetzt bringe ich zu Ende, was wir gemeinsam begonnen haben. Neue Projekte wird es nicht geben.«

In der ersten Etage des schmalen Hauses Nr. 48 in der New Yorker Howard Street ist ein Besucherraum eingerichtet. Viel weiter hinauf ist selten einer gekommen. Die Stockwerke zwei bis vier waren der Rückzugsort des öffentlichen Künstlerpaars. Christo ist eine steile Treppe aus seinem Atelier heruntergestiegen. 76 ist er im Sommer geworden, doch er wirkt kein bisschen müde. Seit 1964 lebt er hier, seit Jeanne-Claude und er nach New York kamen und sich das schäbige Lagerhaus im Stadtteil SoHo herrichteten. Verschnürte Konservendosen, Frühwerke des Künstlers, werden auf Sockeln wie in einem Museum präsentiert; an der Wand hängen Aufsichten und Detailstudien der gemeinsamen Erfolge: die Surrounded Islands in der Biscayne Bay vor Miami, die Valley Curtain in den Rocky Mountains. Oder auch das aktuelle Projekt, ein silbernes Band über dem Arkansas River oder Flöße, die unter dem straff gespannten Stoff über die Stromschnellen sausen. Auf dem Fußboden liegt ein Haufen Papier, nur mühsam in Aktenordner gezwängt. Christo hievt ihn auf den Tisch. »2029 Seiten!«, ruft er. »Das ist der Antrag für Over the River. Wir haben anderthalb Millionen Dollar hineingesteckt. Nur in die Gutachten und Analysen.«

Die wie Architekturstudien wirkenden Blätter an den Wänden sind es, von deren Verkauf Christo jedes Stückchen Stoff, jedes Flugticket und jede Arbeitsstunde der Kletterer, Kranfahrer und Ingenieure auf ihren künstlerischen Großbaustellen bezahlt hat. Strikt nach Tarif, und nie durfte ein Sponsor oder Mäzen Geld zuschießen und – wie subtil auch immer – seine Wünsche anmelden. Für Christo und Jeanne-Claude war es ein Prinzip ihrer Arbeit: Es ging um die Freiheit der Kunst.

Die anderen dürfen ruhig Gewinn machen. 121,3 Millionen Dollar Umsatz werde das Projekt im Bundesstaat Colorado mit sich bringen, rechnet der Antrag den Behörden vor, 344.000 Besucher anlocken und – wenn auch nur bis zum ökologisch spurlosen Abbau – 600 Arbeitsplätze schaffen. »Wir sind keine Idioten aus New York, die mit dem Kopf gegen die Wand rennen«, hatte die kämpferische Jeanne-Claude noch im Sommer 2009 auf der Anwohnerversammlung in Cañon City gepredigt und die Männer in den karierten Hemden bei der Ehre gepackt. »Nein! Wir setzen unsere Hoffnungen auf das amerikanische Volk. Wir können auf dem Mond spazieren gehen. Und wir schaffen auch ein Projekt Over the River.«

Mit drei Assistenten und seinen Ingenieuren Vince und Jonita Davenport, die schon bei der Reichtstagsverhüllung in Berlin dabei waren, geht Christo nun daran, den Stoff für die Verhüllung zu ordern, Helfer zu organisieren und die Haltetaue straff zu ziehen. Die zusätzliche Komplikation einer Umweltverträglichkeitsanalyse habe dem Projekt noch eine neue Dimension von Öffentlichkeit erschlossen, sagt er grinsend. »Bislang hat es so etwas nur für Autobahnen, Flughäfen oder Ölbohrplattformen gegeben. Aber noch nie für die Kunst.«

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    • Schlagworte Jeanne-Claude | Künstler | Umweltbehörde | Bulgarien | Christo | Berlin
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