Autodesign"Die Deutschen fahren Kitsch"

Was verraten Retroautos über den Zeitgeist? Wie beeinflusst der Geschmack neureicher Chinesen das Aussehen von Luxuslimousinen? Der renommierte Design-Professor Lutz Fügener entschlüsselt die Formensprache des deutschen Exportguts Nummer eins. Ein Gespräch zum Auftakt der IAA. von 

DIE ZEIT: Herr Fügener, warum schaut fast jeder Deutsche am Kiosk hin, wenn auf den Titelseiten der Autozeitschriften "Der neue VW Golf !" präsentiert wird?

Lutz Fügener: Interessant, dass Sie ausgerechnet nach dem Golf fragen. Das ist ja schon die halbe Antwort. Kaum etwas möbliert unsere Umwelt so massiv wie das Auto – und das meistverkaufte Auto ist der Golf. Wenn ein neuer Golf sehr futuristisch gestaltet wäre, sähen wir überall diese futuristischen Dinger rumstehen. Das würde unsere Sehgewohnheiten herausfordern. Das könnte eine richtige Aufbruchstimmung initiieren. Wenn ein neuer Golf aber konservativ aussieht, herrscht eben eine konservative Zeit. Ich behaupte: Der Golf ist immer Ausdruck des Zeitgeists – als Ursache und Wirkung zugleich. Das ist der eine Grund, warum wir am Kiosk hinschauen.

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Lutz Fügener

ist Professor für Transportation Design an der Hochschule Pforzheim. In diesem international hochgeschätzten Studiengang werden pro Semester nur rund 20 Bewerber aufgenommen, die meisten arbeiten später weltweit als Designer für die Autoindustrie. Fügener wurde 1965 in Wolgast geboren, er studierte Maschinenbau in Dresden und Industrial Design in Halle. 1995 war er bei der Deutschen Waggonbau AG mitverantwortlich für das Projekt »Neue S-Bahn Berlin«. Als Mitinhaber eines Designbüros hat er unter anderem den Sportwagen Melkus RS 2000 und die Straßenbahn Solaris Tramino entworfen. Fügener, Co-Autor des Buches »Von der guten Form zum guten Leben«, ist überzeugt, dass sich in Zeiten des Klimawandels auch das Aussehen von Autos grundsätzlich ändern müsse: Noch, meint der Professor, stehe die Gestaltung der meisten Wagen für Kraftmeierei und Ressourcenverschwendung

ZEIT: Klingt, als gäbe es einen zweiten...

Fügener: Der Golf nagelt eine Skala fest, die wir Deutschen bewusst oder unbewusst im Kopf haben. Wir wissen zwar nicht genau, ob ein Audi mehr kostet als ein Volvo – aber jeder kann sagen, ob sein Auto teurer oder billiger, größer oder kleiner, spartanischer oder luxuriöser ist als der Golf. Wir trennen die Autowelt in Untergolf und Übergolf. Mit dem ersten Bild eines neuen Golf verschiebt sich diese Skala schlagartig. Und wir beginnen sofort, uns und unsere Wagen neu einzusortieren: Bin ich noch drüber oder drunter?

ZEIT: Glauben Sie wirklich, dass wir uns in Zeiten des Klimawandels noch so viel aus Autos machen?

Fügener: Gegenfrage: Gibt es Autos, die Sie niemals fahren würden?

ZEIT: Ja. Weil sie protzig oder sonstwie peinlich sind.

Fügener: Sehen Sie. Ein Auto ist zwar nicht mehr für jeden ein Statussymbol, aber nach wie vor ein Statement – und sei es ein Anti-Statement. Vor fast jedem Haus in Deutschland steht ein Auto. Es lässt sich nicht verstecken, es ist unglaublich präsent, schon wegen seiner Größe. Mit jedem Autokauf treffen wir also eine Entscheidung, die nach außen wahrnehmbar ist. Autos funktionieren wie ein Accessoire: Sie stehen in einer Wechselwirkung zu ihren Besitzern. Vielleicht lässt mich dieses Accessoire ein bisschen agiler wirken, ein bisschen wohlhabender oder sogar ein bisschen vernünftiger. Ich kaufe mir ein Auto also wie einen Anzug oder ein Kleid – allerdings nur dieses eine, und das für Jahre. Das ist eine Entscheidung, die ich nicht relativieren kann. Deshalb soll dieses eine Auto mir auch dabei helfen, mich einer Gruppe zugehörig zu machen oder mich von ihr abzugrenzen.

ZEIT: Man kauft sich demnach einen Volvo statt eines Mercedes , weil einem wichtig ist, mit seinem Auto zu signalisieren, dass einem Autos nicht so wichtig sind?

Fügener: Exakt. Und ein bisschen bigott, oder? Ein anderes Beispiel: Leute investieren 8.000 Euro in einen neuen Dacia und sind stolz auf ihre Vernunft und Sparsamkeit – dabei würden sie für 4.000 Euro ein gebrauchtes Auto mit der gleichen Ausstattung und Sicherheit bekommen. Oder: Ein junger Großstädter kauft sich einen alten, leicht verranzten Mercedes und pflegt den dann liebevoll, was eine mit viel Geld unterfütterte Konsumverneinung ist – noch so ein Widerspruch in sich. Da wird man bei jedem fündig: Ich bin als Student Saab gefahren, totales Designerklischee. Dann war ich drauf und dran, mir bei einem Gebrauchtwagenhändler ein richtig hässliches Auto zu kaufen – den Ford Scorpio. In Aubergine metallic. Schrecklich! Der hatte erst 17.000 Kilometer runter und war spottbillig. 7.500 Mark. Aber ich habe es nicht über mich gebracht. Lassen Sie sich das mal durch den Kopf gehen: Wir Deutschen geben im Schnitt 25.000 Euro für einen Neuwagen aus, obwohl es ein Gebrauchter für 5.000 auch täte. So viele Reparaturen können gar nicht anfallen, dass diese Differenz je aufgefressen wird. Diesen Unterschied von 20.000 Euro, den blättern wir also für lauter weiche Kriterien hin. Der Großteil des Geldes beim Autokauf geht für emotionale Werte drauf.

ZEIT: Unterscheiden sich da Männer von Frauen?

Fügener: Das Behältnis Auto ist für den Mann etwas grundsätzlich anderes als für die Frau. Vereinfacht gesagt: Ein Mann würde am liebsten alle Scheiben rundum verdunkeln. Warum? Weil er mit seinem Auto verwachsen will. Für den Mann ist das Auto eine Prothese, ein zusätzlicher Muskel, ein Panzer – was immer Sie hören wollen. Eine Frau will aus dem Auto heraus kommunizieren. Für sie ist das Auto wie eine Vase, und sie ist die Blume darin.

ZEIT: Was ist demnach ein typisches Frauenauto?

Fügener: Als Hersteller wäre ich sehr vorsichtig, offensiv von einem Frauenauto zu sprechen. Da werden die Frauen zu Recht skeptisch und fragen: Was soll das denn sein? Jeder Versuch, ein Modell explizit als Frauenauto zu bewerben, ist bislang gescheitert. Allerdings: Ein Auto wie der Daihatsu Copen ist nur bei Frauen beliebt – unaggressives Design, Kindchenschema und kein Rennsportbezug wie beim Mini, was es für den Mann noch retten könnte. Typische Männerautos sind alle amerikanischen Muscle-Cars , zum Beispiel der Dodge Challenger.

Leserkommentare
    • Nest
    • 12. September 2011 12:18 Uhr

    ... ich habe schon lange nichts derart intelligentes über Autos gelesen.

    Eine Leserempfehlung
  1. 2. Danke

    für die vernünftigen Statements. Treffend beschrieben, siehe den Hinweis auf die hässliche Audi - Schnauze.

    Das schlechte Design deutscher Autos stößt mir schon lange auf. Nur bemerkt das keiner, weil sich die Fahrzeuge ja so gut verkaufen, dies vermutlich, weil sie an merkwürdigste (und für mich suspekte) Gefühle und Affekte appellieren.

    Die meisten fallen drauf rein.

    Auch da ein Bildungsnotstand.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Infamia
    • 12. September 2011 14:22 Uhr

    "Auch da ein Bildungsnotstand."

    Helfen Sie mir mal auf die Sprünge, was Sie damit meinen. Ich empfinde es eher als Bildungsnotstand, dass Menschen sich überzüchtete High-Tech-Boliden kaufen, wohlwissend, dass sie mitverantwortlich für Zersiedelung, Versiegelung und Umweltzerstörung sind. Da ist mir das Design ehrlich gesagt schnurz. Mir reicht sparsam.

  2. sind für mich die Äußerungen zum Retro-Design. Ich konnte gefühlsmäßig noch nie viel damit anfangen. Schön, dass das nun akademisch unterlegt ist ;-)

  3. Professor Fügener spricht mir aus der Seele:
    Das Neubaugebiet mit den Toskana-Villen in der norddeutschen Tiefebene und davor der weiße 2,5-Tonnen-SUV mit Haifischmaul. Was für eine Verirrung! Oder ist es Verwirrung?

    Danke für die klaren Worte in diesem herausragenden Interview.

    • Zack34
    • 12. September 2011 13:01 Uhr
    Antwort auf "Danke"
  4. 6. ja...

    wie recht er hat. Automobile Langeweile tummelt sich hier - wenn man einen anderen Geschmack hat, muss man sich ständig rechtfertigen, ob Citroen oder Volvo - manche schaffen schöne Autos, die weit mehr sind.

  5. mag zwar schlecht ausgesehen haben, war dafür mit seinen V6 ein tolles Auto. Nur mal so nebenbei.

  6. Um ehrlich zu sein fahre ich seit Jahren ausschliesslich gebrauchte Fahrzeuge, die in den USA hergestellt wurden. Kleiner Preis - viel Blech. Ich lache immer, wenn mir jemand einen hohen Spritverbrauch unterstellt. Mehr als 10 oder 11 Liter "trinken" die nicht. Und das bei maximaler Grösse und maximalem Komfort. Wirklich lachhaft finde ich hingegen sämtliche "Tiefflieger", die auf der linken Spur an mir vorbeisausen und allesamt gleich aussehen: BMW, Audi, Opel, VW. Die Kombis sind kaum voneinander zu unterscheiden. Ich mag das nicht.

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