Am Sonntagabend wird Günther Jauch auf dem Sendeplatz, von dem er Anne Will verdrängt, seine neue Talkshow starten. Indes wird er mit seiner Gesprächsrunde in der ARD nicht allein sein – vorsichtig formuliert. Am Montag gibt es hart aber fair , am Dienstag Menschen bei Maischberger, am Mittwoch die vertriebene Anne Will, am Donnerstag Beckmann; und selbstverständlich sendet das ZDF immer weiter Maybrit Illner und Markus Lanz .

Konkurrenz belebt das Geschäft, sagt man gerne; aber in diesem speziellen Falle wird es eine sehr spezielle Konkurrenz sein. Sie wird nicht um den Kunden, sprich: Zuschauer, entbrennen, sondern um die Gäste der Talkshows. So viele Gäste gibt es nämlich nicht, die sich als talkfähig erwiesen haben, das heißt, auf die erwünschte Weise zuverlässig vorführen lassen. Einer von ihnen, der Kommunikationsberater Klaus Kocks, hat das Problem jüngst im Berliner Tagesspiegel auf den Punkt gebracht: »Ich war so oft in Talkshows, dass manche Zuschauer das Gefühl bekommen haben, dass ich nach der letzten Ausgabe einfach sitzen geblieben bin.«

Diesen Eindruck hat der Zuschauer wahrscheinlich auch von Arnulf Baring, Heiner Geißler, Edmund Stoiber, Gertrud Höhler und Sascha Lobo gewonnen. Auf einer halben, schreiend komischen Zeitungsseite hat der Tagesspiegel ein Panorama einiger gewohnheitsmäßiger Talkgäste ausgebreitet, und wie man sie so versammelt sah, erkannte man auch sogleich, wofür sie gebraucht werden: Arnulf Baring und Hans-Ulrich Jörges für ihr cholerisches Temperament, den Internetguru Sascha Lobo für seine feuerrote Punkfrisur, Gertrud Höhler für ihren gusseisernen Konservatismus.

Und wofür braucht man Stoiber? Für seine grammatikalisch entgleisenden Sätze natürlich. Und Geißler? Für dieses gewisse Wohlwollend-Spitzfindige, könnte man sagen, im Grunde aber eben just für das Geißlerartige. Geißler ist das Ideal des Talkshowgastes schlechthin, er ist nur er selbst, aber auf eine schwer überbietbare Weise. Talkgäste, kurzum, sind Leute, die einen – wieder vorsichtig gesagt – Spleen haben, zum einen, und die zum anderen diesen Spleen jederzeit zuverlässig reproduzieren können. Es entstünde ein großes Problem für die verschwiegene, aber zwingende Dramaturgie der Sendungen, wenn ein Gast nicht lieferte, was er liefern soll: Baring nicht rot anlaufen, Stoiber nicht stottern würde.

Der Journalist Christian Bommarius, der für das erregte Durcheinanderreden bei Sabine Christiansen das Verb »christiansen« erfunden hat (ich christianse, du christiansest usw.), hat auch einmal einen Aufsatz über Talkgäste geschrieben unter dem Titel Experten und andere lustige Personen . Darum geht es: Talkgäste sind definierte Typen des Amüsements wie die Figuren der Commedia dell’Arte, von denen es auch nur eine feste Anzahl gibt. Das Koordinierungsbüro, das die ARD für die Besetzung der neuen Shows mit Gästen eingerichtet hat, wird harte Arbeit leisten müssen.