Gerhard RichterWeggerakelt

Ein Kinofilm will das große Gerhard-Richter-Geheimnis lüften. von 

Manchmal schrappt er mit dem Küchenmesser über die Leinwand, dann wieder streichelt er mit feinstem Pinsel darüber. Meistens aber nimmt er die Rakel, seinen Riesenspachtel, den er dick mit Farbe einschmiert und dann seelenruhig über die Bilder zieht, alle Konturen, alle Klarheiten verwischend. Und immer hält die Kamera dicht drauf, nimmt jede rote, gelbe, grüne Schliere in den Blick, zoomt auf die Augenbrauen des Künstlers, auf seine dicht behaarten Hände, will unbedingt einfangen, was da passiert, will das Geheimnis des großen Gerhard Richter lüften.

Noch nie hat er sich einer solchen Dauerbeobachtung ausgesetzt. Richter, einer der wichtigsten Maler der Gegenwart, gilt als scheu und unnahbar, und so ist es an sich schon ein Wunder, dass nun ausgerechnet er zum Protagonisten eines abendfüllenden Kinofilms geworden ist. Über viele Monate sind ihm Corinna Belz und ihr Team gefolgt, sie konnten ihn bei Vernissagen beobachten, bei Gesprächen mit Museumsleuten, Händlern, auch mit seiner Frau.

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Vor allem aber zeigt ihr Film das Malen im Atelier, die große, weiße Leinwand und wie sie sich langsam füllt, wie der Pinsel die Farben frei schlenkernd ausbringt, dann die Rakel alle expressiven Gesten züchtigend wegschabt und schließlich der Künstler schweigend das frische Werk beäugt. Früher trug Richter bei der Arbeit einen Kittel, heute trägt er graue Anzughose und hellblaues Hemd, er macht sich nicht schmutzig, er hat Routine. Geblieben aber sind die Zweifel.

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Ist das jetzt ein gutes abstraktes Bild oder ein schwaches? Darf es bleiben, wird es übermalt? Immer wieder will Corinna Belz wissen, was es denn nun auf sich habe mit der Qualität, doch Richter bleibt ratlos, hilflos, stoppelt ein paar Sätze ins Mikrofon. Es sind die Zweifel eines Künstlers, der zwar allgemein als malender Theoretiker gilt, der sich aber vor allem auf sein Gespür verlässt und keinen großen Wert darauf legt, seine Kunst zu begründen. Selbst als er zu seinem umstrittenen RAF-Zyklus befragt wird – "War ja ein schwieriges Thema", sagt Belz –, bleibt Richter freundlich nichtssagend: "Joaah", sagt er, "es geht, ist ’nen Job, ne, wenn man es denn tut, das Tun ist ja immer ganz gut, etwas abzuleisten." 

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In solchen Momenten kann sich der Zuschauer entscheiden, ob er sich über den Künstler ärgern soll, der noch zu heikelsten Themen jede Art von Selbstreflexion verweigert. Oder aber über die Filmemacherin, die den Maler gnadenlos abfilmt in seiner sprachlichen Unbeholfenheit, nur weil sie ihn für den besten Exegeten seines eigenen Werks hält.

Im Grunde handelt es sich bei Gerhard Richter Painting um ein 97-minütiges Missverstständnis: Der Film zelebriert den Künstler als stilles, schabendes Genie, obwohl Richter doch stets bemüht war, alles Geniehafte zu überwinden. Das Subjektive, die großen Gesten des Ichs, hält er auf Distanz. Nie wollte er ein Bild-Erfinder sein, deshalb malte er Fotos aus Zeitschriften ab und hielt seine Werke, selbst die gegenständlichen, lieber im Ungefähren. Richter ist gleich doppelt zurückhaltend: auf persönliche und auf programmatische Weise. Von all dem aber will der Film nichts wissen. Er sucht die Nähe und verliert sich in ihr. Er möchte das große Richter-Geheimnis lüften – und zeigt doch kaum mehr als viele bunte Schlieren.

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Leserkommentare
    • save
    • 08. September 2011 17:30 Uhr

    Meiner Meinung liegt ein Missverständnis dahingehend vor, dass der Film keinesfalls das große Richter-Geheimnis lüften möchte. Ich hatte vielmehr den Eindruck das genau dieses Geheimnis erhalten bleibt. Und das ist auch sehr gut so.

    Warum erwarten die beim Thema RAF-Zyklus Selbstreflexion von Richter? Richter malt, wie Sie in Ihrem Artikel ausführen, Bilder von Fotovorlagen ab, demnach ist seine Antwort doch vollkommen schlüssig, nicht ?

  1. Oder wilde Schmiererei? Ich bin mir da nicht so sicher.
    Aber das Fenster von ihm macht wirklich tolles Licht im Kölner Dom. Es ist wahrlich eine Bereicherung.
    Aber ob es wirklich nötig war, einen Film mit um zu drehen? Ich kenne nur den Trailer und der war schon mehr als langweilig. Ich denke eine Doku über, jedoch ohne ihn wäre die bessere Wahl gewesen.
    Aber egal, über Kunst lässt sich halt nicht streiten.

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    • Mari o
    • 08. September 2011 23:09 Uhr

    Gerhard Richter ist Schüler des großen Raklers Karl-Otto Götz.
    Der verlangte von seinen Schülern eine flotte Handschrift.
    Jetzt musste nur noch Richter nach USA gucken und kopieren.Den Rest besorgte Galerist Schmela und Kaspar König.
    Der Film:"Kunstmaler im Atelier" sagt garnichts,ausser dass Meister Gerhard noch mal die Werbetrommel rühren muss um seinen Kindern noch möglichst viel Kohle zu hinterlassen,was ich o.k. finde ;)

  2. Entfernt. Bitte üben Sie konstruktive Kritik und verzichten Sie auf unsachliche Vergleiche. Danke. Die Redaktion/vn

  3. Waren es nicht doch seine Jahre in der SBZ/DDR, die für Gerhard Richter und seine Arbeit prägend waren?

    In dieser Zeit konnte er nur Aufträge erhalten, indem er sich an das System anpasste. Richter nutzt diese Erfahrungen bis heute und passt sich mit seinen Produkten an den Markt an. Der Film macht diese Keine-Haltung-Zeigen-Nicht-Anecken-Strategie sichtbar. 'Von all dem aber will der Film nichts wissen.' schreibt Hanno Rauterberg in seinem gelungenen Artikel.

  4. Hat Irgendjemand den Film von und mit Banksy gesehen? Danach war mir klar, das gerade die Kunst auf Leinwand oder Hauswand oder sonstwand auch ohne jeglichen intellektuellen oder reflexiven Inhalt zum absoluten Hit und Verkaufsschlager werden kann. Insofern ist Herrn Richters stammeln eine Bestätigung dieses Eindrucks. Auch die vielen Worte, die andere Künstler ihren Werken beigeben sind oft nur voller Ironie, also mehr oder weniger Abschätzigkeit für die Käufer, oder belanglos. -wandkunst braucht keine Worte, sie wirkt durch die Augen und die kommen ohne Worte aus. Nach Banksy's Film, war mir klar, das die Worte sogar eher stören. da taucht die Frage auf: Kommt Bild ohne Intelligenz (im Sinne von: erklärenden/begründenden Worten) aus, oder: kommt Intelligenz ohne Worte aus?

    • Mari o
    • 09. September 2011 21:36 Uhr

    Richters Gestammel ist nichts als Show

  5. 8. ach je

    ich kann mir keine unspannenderen Künstler vorstellen, über den man noch eine Doku drehen muss. Sicher, er hat ein paar großartige Werke geschaffen. Der Mann ohne Stil. Aber was soll das hier? Er bekleckst sich nicht einmal. Es sieht alles so abgeklärt aus. Ich stimme ein paar Vorredner zu. Wirtschafts- und Bankleute werden sicherlich in den Film strömen ;) ist ja auch herrlich trocken...

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    • I.B.
    • 20. September 2011 21:12 Uhr

    trockener Humor: ja! Und gar nicht langweilig! Ein herrlicher Film: Es wurde sogar viel gelacht und geschmunzelt im Kino - und ich gehe davon aus, dass dort nicht nur "Wirtschafts- und Bankleute" versammelt waren! Man lernt vielleicht keinen "neuen" Gerhard Richter kennen, aber einen sehr sympathischen! Wie er dasteht in der Ausstellungseröffnung, umzingelt von Fans und Presse, da kann er einem fast leid tun, unser Maler-Superstar! Immerhin wird der Mann nächstes Jahr 80 Jahre alt...

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  • Schlagworte Gerhard Richter | Film | Künstler | Qualität | Zeitschrift
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