FukushimaStress und Strahlung

Ein halbes Jahr nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima können psychosoziale Belastungen zu mehr Opfern führen als die Radioaktivität. Eine aktuelle Risikoanalyse von 

Japanische Polizisten in Strahlenschutzanzügen im April 2011

Japanische Polizisten in Strahlenschutzanzügen im April 2011  |  © Athit Perawongmetha/Getty Images

Zunächst die guten Nachrichten: Ein halbes Jahr nach der Nuklearkatastrophe in Fukushima ist die Strahlenbelastung im Umfeld der Reaktoren kontinuierlich gesunken. Deutlich reduziert hat sich auch der Anteil strahlenbelasteter Lebensmittel . Und entgegen anderslautender Befürchtungen kam es zu keiner größeren Verseuchung durch die gefährlichen Abfallprodukte Strontium und Plutonium.

Dennoch ist die Beurteilung dieses größten Atomunfalles seit Tschernobyl noch immer nicht abgeschlossen. Die Fachleute gewinnen permanent neue technische Einsichten über das tatsächliche Geschehen nach dem 11. März 2011, und auch die Prioritäten der Katastrophenhelfer verschieben sich. Hatte anfangs die Bekämpfung der Strahlenrisiken Vorrang, rücken zunehmend die psychologischen, sozialen und ökonomischen Probleme der Betroffenen in den Vordergrund. Denn diese Art von psychosozialem Stress , darin sind sich viele Experten einig, kann auf Dauer zerstörerischer wirken als eine (vorwiegend niedrige) Strahlenexposition.

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Strahlendosis

Die Strahlenwirkung auf Menschen, Tiere und Pflanzen wird häufig in Sievert pro Stunde angegeben. Mit Hilfe der Einheit lässt sich abschätzen, wie schädlich eine Strahlung für einen Organismus ist. Sie berücksichtigt dabei die Strahlungsdauer, -art und -wirkung. 1 Sievert entspricht 1.000 Millisievert oder 1.000.000 Mikrosievert. Grundsätzlich gilt eine Einzeldosis von 6.000 Millisievert als tödlich (100 Prozent Sterblichkeit innerhalb von 14 Tagen).

Ob eine Person, die einer geringen Strahlendosis ausgesetzt war, gesundheitliche Schäden zu erwarten hat, lässt sich nicht eindeutig sagen. Die Grenzwerte beziehen sich in der Regel auf ein Jahr. Manche Experten gehen davon aus, dass dieselbe Strahlendosis über einen längeren Zeitraum weniger schädlich ist. Andere sagen, die Strahlung müsse addiert werden.

Natürliche Quellen

Die durchschnittliche Strahlendosis, die ein Deutscher durch natürliche Quellen innerhalb eines Jahres aufnimmt, liegt zwischen zwei und fünf Millisievert. Diese äußere Bestrahlung, der der Mensch je nach Ort und Zeitin unterschiedlicher Höhe ausgesetzt ist, wird Gamma-Ortsdosisleistung genannt. In dieser Deutschlandkarte des Bundesamts für Strahlenschutz ist die Strahlungsstärke je nach Region verzeichnet.

Bei medizinischen Untersuchungen werden zum Teil viel höhere Einzeldosen erreicht, die aber auf einen kurzen Zeitraum beschränkt sind. So nimmt ein Mensch während einer Computertomografie (CT)seines Kopfes ungefähr zwei Millisievert auf, bei der Mammografie 0,4 Millisievert.

Andere Einheiten

Die Energiedosis einer Strahlenquelle wird in Gray angegeben. Ein Gray bedeutet, dass ein Körper von einem Kilogramm Masse eine Energiemenge von einem Joule aufgenommen hat. Für die in Atomkraftwerken vor allem freigesetzte Beta-, Gamma- und Röntgenstrahlung ist die Einheit Grayidentisch mit der Äquivalenteinheit Sievert, ein Gray ist also gleich einem Sievert. Bis Mitte der 1980er Jahre wurde die Äquivalentdosis statt in Sievert in Rem angegeben. Das meinte die Strahlendosis in Roentgen, die ein Mensch aufgenommen hat.

Im Rückblick offenbart sich auch, dass die Weltgemeinde in Bezug auf das Unfallgeschehen zumindest in einem Punkt einem Irrtum aufgesessen ist: Der »GAU im Abklingbecken«, der global Schlagzeilen machte, fand gar nicht statt. Dabei schien die Sache eindeutig.

Fukushima von Innen
Fukushima Atomkraftwerk

Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild.  |  © Kazuma Obara

Als nach den spektakulären Explosionen der Reaktorblöcke 1 und 3 in Fukushima eine heftige Detonation auch Block 4 zerstörte, war das ein kerntechnischer Schock. Denn Block 4 hatte als unproblematisch gegolten, weil sein Reaktor wegen Wartungsarbeiten längst stillstand. Alle Brennelemente waren entladen und ruhten im tiefen Wasser des Abklingbeckens.

Als aus diesem plötzlich bedrohliche Dampfschwaden emporquollen, schien die Lektion klar: Wenn volle Abklingbecken tagelang ungekühlt bleiben, entwickeln sie eine Brisanz wie havarierte Reaktoren. Die Konstrukteure der Meiler hätten neben der Wucht von Tsunamis auch das Gefahrenpotenzial abgebrannter Kernbrennstäbe unterschätzt, hieß es überall, ob in der New York Times , in der ZEIT und auf ZEIT ONLINE . Heute weiß man es besser.

Von einem stabilen Kühlkreislauf in den Reaktoren ist man weit entfernt

»Die Vorstellung, dass die Explosion vom Abklingbecken ausging, ist vom Tisch«, sagt Sven Dokter , Pressesprecher der Gesellschaft für Reaktorsicherheit. So belegen inzwischen Fotos, dass die Brennelemente intakt sind. Hätten sie, wie ursprünglich befürchtet, eine Wasserstoffexplosion ausgelöst, dann müssten ihre Hüllen zumindest teilweise zerstört sein. Außerdem müssten solch aufgebrochene Brennelemente ein typisches Muster radioaktiver Substanzen freisetzen – doch Analysen des Beckenwassers fanden kein solches Muster. Auch die Erklärung, das Abklingbecken sei durch das heftige Erdbeben leckgeschlagen und fast trockengefallen, war falsch. Das Becken ist dicht. Und da es im obersten Stockwerk liegt, hätte eine von dort ausgehende Explosion das Dach wegfegen müssen. Es flog jedoch nicht fort, sondern stürzte nach innen ein.

Die japanische Atomaufsichtsbehörde Nisa hat eine plausiblere Erklärung für die Explosion im Block 4: Der brisante Wasserstoff kam von nebenan, aus Block 3. Die beiden benachbarten Reaktorgebäude teilen sich einen turmhohen Kamin, der zwischen ihnen wie ein kleiner Eiffelturm aufragt. In diesen pusten sie unten ihre Abluft hinein, durch ein gemeinsames, dickes Abgasrohr. Im Block 3 erzeugte die Kernschmelze viel Wasserstoff, von dem ein Teil über das gemeinsame Rohr in Block 4 gelangte.

Ein Rückschlagventil, das den Gasstrom in die falsche Richtung hätte stoppen können, gab es nicht, schreibt die Nisa lapidar. So sammelte sich Wasserstoff im unteren Teil von Block 4 und detonierte. Dabei flogen Seitenwände heraus, und oben stürzte das Dach ein. Dieser Unfallverlauf klingt überzeugend. Experten wie Sven Dokter warnen jedoch davor, nun diese Version als endgültige Wahrheit zu betrachten. Denn der Kenntnisstand über Fukushima wandelt sich beständig. Und die These vom Becken-GAU hatte zunächst ja auch allen eingeleuchtet.

Leserkommentare
  1. für unser Fernsehen inszeniert? Offensichtlich will oder kann uns niemand sagen, woher das Knallgas so schön unter die Außenhülle der Reaktorblöcke gekommen sein soll, um dort die im TV beeindruckenden Explosionen hervorzurufen.

    Einen Austritt von Radioaktivität, der bei einer tatsächlichen Kernschmelze zu erwarten gewesen wäre, hat es ja offensichtlich auch nicht gegeben.

    Also inszeniert zur Panikmache für unsere Medien?

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    " Die 19000 Tote sind nicht durch den GAU sondern beim Tsunami umgekommen. Auch die Mehrzahl der Menschen die heute in Notunterkünften hausen tun das, weil ihre Häuser durch den Tsunami zerstört wurden."

    Das ist zunächst zwar richtig,aber selbst wenn deren Häuser noch stehen würden,könnten sie wohl kaum wieder dorthin zurückkehren.Und wenn dann nur unter Missachtung jeglicher Vernunft.

    http://bazonline.ch/ausla...

    • gorgo
    • 13. September 2011 4:51 Uhr

    Einfach mal bei der Konkurrenz lesen - die faz schreibt heute immerhin mal was über die Leute, die aufgrund dieser eigentlich gar nicht mehr richtig vorhandenden Strahlung ihre Häuser nicht mehr bewohnen bzw. besitzen:

    http://www.faz.net/artike...

    • checki
    • 12. September 2011 7:53 Uhr
    2. Japan

    Also, wenn die heute noch nicht wissen woher die explosion und was die explosion ausgelöst hat, ist das äuserst Bedenklich, finde ich.Auf den videos müssen doch experten in etwa feststellen können wo und was es gewesen sein könnte, das da hochgegangen ist.

    • Zynix
    • 12. September 2011 7:54 Uhr

    [...] wenn Sie den Artikel etwas sorgfältiger gelesen hätten, dann wüssten Sie, dass die Antwort auf ihre Frage bereits gegeben wurde:
    Durch das Abluftsystem ist von Reaktor 3 Wasserstoff in Reaktor 4 gelangt.
    Glauben Sie denn allen Ernstes irgendwer hätte während der Krise mittem im Strahlungsgebiet nichts besseres zu tun als bewusst diese Explosion hervorzurufen?
    Und natürlich hat es einen Austritt an Radioaktivität gegeben. Das Kühlwasser, das zurück ins Meer geleitet wurde, war zum Beispiel stark verstrahlt. In die Luft und damit in die Umgebung gelangten aber wohl vor allem radioaktive Elemente mit kurzer Halbwertszeit. Das heißt natürlich, dass sie einerseits stark strahlen, aber dafür andererseits auch schnell zerfallen, weil die Strahlung aus dem Zerfallsprozess resultiert.

    Übringes:
    Panik bedeutet, dass man seinen Verstand nicht richtig nutzt und sich nur relexhaft verhält. [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf persönliche Anfeindungen. Danke. Die Redaktion/vn

    • otto_B
    • 12. September 2011 8:03 Uhr

    Der Artikel war jetzt aber mal nicht im Sinne der Priester und Gläubigen der Atomangst-Religion?
    Wie wäre es mal mit einer Erörterung der epidemologischen Folgen der seit 35 Jahren in unserem (meins erst seit 21) Jahren geschürten Atomangstpsychose?

    Um keinen falschen Eindruck aufkommen zu lassen - auch wenn man in Fukushima Glück mit der Windrichtung hatte - warum soll es nicht so sein, daß das Prinzip "try and error" nicht auch für die Atomenergiewirtschaft gelten kann?
    Nutzen und Schaden der Atomenergie sind quantifizierbar.
    Also nüchtern den Unfall auswerten, und Schlüsse für künftige Unfallvermeidung draus ziehen.
    Wie man liest, haben die Experten - auch deutsche - durchaus nicht den Kopf verloren.
    Die kritische Reflexion zu den Mechanismen der Grenzwertfestsetzung liest sich wohltuend.

    Wer das alles "nicht will", dem sei gesagt, daß unsere sog. "Energiewende" mehr als nur eine Ungereimtheit enthält.
    Gesinnung und Wählerfurcht steht kontra Verantwortung. War die Position der Bundesregierung vor dem Unfall komplett irrational?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • gorgo
    • 13. September 2011 4:56 Uhr

    Die Faz - bis vor Kurzem bekannt als eiserne Verfechterin der Akraft zeichnet ein ziemlich anderes Bild als dieser Artikel:

    http://www.faz.net/artike...

  2. Dieses Instrument wurde ja nicht nur von den japanischen Elitariern angewendet, deren oberste Prioritäten ja nach wie vor das Wohl, der Nutzen und das Frommen ihrer Besitzstands- und Machtelite sind.

    Sogar bei der Berliner Polizei wird dieses Instrumentarium, das uns aus den geschichtlichen Überlieferungen ja auch aus dem Werkzeugkasten der Geheimen Staatspolizei noch bestens bekannt ist wieder aktiviert: Die totale Informationssperre über angemeldete, öffentliche Demonstrationen der Neonazis und wieder aktivierter Besitzstandsfaschisten zeugt doch ebenfalls von diesem Neuen Geist, der da in den Köpfen der Neuen Stützen der Gesellschaft eingezogen ist.

    Eines der optischen Fanale sind doch inzwischen auch schon wieder die blank polierten Glatzköpfe dieser Neuen Führungskader unserer Neuen Besitzstandsfeudalgesellschaft, die sich ihre Neuen Erwerbsquellen so genial in der Neuen Finanzspekulations- und -anlagenbetrugswirtschaft erschlossen hat, die von der amtierenden Bundeskanzlerin als "Neue Soziale Marktwirtschaft" unters Volk gebracht wird, die aber bei hinreichend fachkritischer Analyse ja doch nichts anderes ist, als der moderne Kannibalkapitalismus, der im Gewand der Sklavenlohnwirtschaftsunternehmen a la KiK, Schlecker, Lidl, Aldi, Tönnies etc., etc. inzwischen von unserer Neuen Nomenklatura bestens akzeptiert sind, wie uns ja auch Ursula v.d. Leyen lehrt.

    Ein schlimmes Signal, dass da gegeben wird. Wir sollten gewarnt sein.

  3. Während der Artikel sehr sachlich ist, ist der erster Kommentar einfach unterirdisch. Lieber Kommentator: Lesen sie den Artikel doch bitte einfach nochmal durch und probieren ihn zu verstehen.
    Was zwar am Rande erwähnt wird aber meiner Meinung nicht klar genug ist: Die Japaner haben in allem Unglück riesiges Glück gehabt: Wäre der Wind in der heißen Tagen in Richtung des Ballungsraums Tokio geweht, dann wären die Folgen dramatisch gewesen. Neben einer starke radioaktiven Belastung wären vermutlich auch hier die psychologischen Effekte sehr schlimm gewesen: Bei einer Massenpanik in Tokio wären vermutlich tausende Menschen umgekommen. Insgesamt hatte Japan Glück im Unglück.
    Trotzdem sollte man nicht aus den Augen verlieren, dass es sich bei der Katastrophe um ein Erdbeben/Tsunami mit anschließendem (dreifach) Reaktor-GAU handelt. Die 19000 Tote sind nicht durch den GAU sondern beim Tsunami umgekommen. Auch die Mehrzahl der Menschen die heute in Notunterkünften hausen tun das, weil ihre Häuser durch den Tsunami zerstört wurden.
    Insgesamt hinterlässt Fukushima aber den nachhaltigen Eindruck, dass TEPCO und die japanischen Behörde absolut fahrlässig vorgegangen sind: Wie kann es z.B. sein das keines der Notstromaggregate verbunkert war?

  4. Stress hat wesentlich geringere Halbwertzeiten als die Strahlung. Manchmal kann man einfach nur lachen, wenn es nicht alles so traurig wäre, welche Inhalte hier wie veröffentlicht werden.

  5. Alles halb so wild. War nur ein großer Schreck.

    Jetzt kann ich ja wieder meine Klimaanlage einschalten, die 100-W-Glühbirnen reindrehen, meinen Ökostromtarif kündigen und zu Atomstrom wechseln.

    Noch mal Glück gehabt.

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  • Schlagworte Japan | Brennelement | IAEA | Plutonium | Reaktor | Stress
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