Zunächst die guten Nachrichten: Ein halbes Jahr nach der Nuklearkatastrophe in Fukushima ist die Strahlenbelastung im Umfeld der Reaktoren kontinuierlich gesunken. Deutlich reduziert hat sich auch der Anteil strahlenbelasteter Lebensmittel . Und entgegen anderslautender Befürchtungen kam es zu keiner größeren Verseuchung durch die gefährlichen Abfallprodukte Strontium und Plutonium.

Dennoch ist die Beurteilung dieses größten Atomunfalles seit Tschernobyl noch immer nicht abgeschlossen. Die Fachleute gewinnen permanent neue technische Einsichten über das tatsächliche Geschehen nach dem 11. März 2011, und auch die Prioritäten der Katastrophenhelfer verschieben sich. Hatte anfangs die Bekämpfung der Strahlenrisiken Vorrang, rücken zunehmend die psychologischen, sozialen und ökonomischen Probleme der Betroffenen in den Vordergrund. Denn diese Art von psychosozialem Stress , darin sind sich viele Experten einig, kann auf Dauer zerstörerischer wirken als eine (vorwiegend niedrige) Strahlenexposition.

Im Rückblick offenbart sich auch, dass die Weltgemeinde in Bezug auf das Unfallgeschehen zumindest in einem Punkt einem Irrtum aufgesessen ist: Der »GAU im Abklingbecken«, der global Schlagzeilen machte, fand gar nicht statt. Dabei schien die Sache eindeutig.

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Als nach den spektakulären Explosionen der Reaktorblöcke 1 und 3 in Fukushima eine heftige Detonation auch Block 4 zerstörte, war das ein kerntechnischer Schock. Denn Block 4 hatte als unproblematisch gegolten, weil sein Reaktor wegen Wartungsarbeiten längst stillstand. Alle Brennelemente waren entladen und ruhten im tiefen Wasser des Abklingbeckens.

Als aus diesem plötzlich bedrohliche Dampfschwaden emporquollen, schien die Lektion klar: Wenn volle Abklingbecken tagelang ungekühlt bleiben, entwickeln sie eine Brisanz wie havarierte Reaktoren. Die Konstrukteure der Meiler hätten neben der Wucht von Tsunamis auch das Gefahrenpotenzial abgebrannter Kernbrennstäbe unterschätzt, hieß es überall, ob in der New York Times , in der ZEIT und auf ZEIT ONLINE . Heute weiß man es besser.

Von einem stabilen Kühlkreislauf in den Reaktoren ist man weit entfernt

»Die Vorstellung, dass die Explosion vom Abklingbecken ausging, ist vom Tisch«, sagt Sven Dokter , Pressesprecher der Gesellschaft für Reaktorsicherheit. So belegen inzwischen Fotos, dass die Brennelemente intakt sind. Hätten sie, wie ursprünglich befürchtet, eine Wasserstoffexplosion ausgelöst, dann müssten ihre Hüllen zumindest teilweise zerstört sein. Außerdem müssten solch aufgebrochene Brennelemente ein typisches Muster radioaktiver Substanzen freisetzen – doch Analysen des Beckenwassers fanden kein solches Muster. Auch die Erklärung, das Abklingbecken sei durch das heftige Erdbeben leckgeschlagen und fast trockengefallen, war falsch. Das Becken ist dicht. Und da es im obersten Stockwerk liegt, hätte eine von dort ausgehende Explosion das Dach wegfegen müssen. Es flog jedoch nicht fort, sondern stürzte nach innen ein.

Die japanische Atomaufsichtsbehörde Nisa hat eine plausiblere Erklärung für die Explosion im Block 4: Der brisante Wasserstoff kam von nebenan, aus Block 3. Die beiden benachbarten Reaktorgebäude teilen sich einen turmhohen Kamin, der zwischen ihnen wie ein kleiner Eiffelturm aufragt. In diesen pusten sie unten ihre Abluft hinein, durch ein gemeinsames, dickes Abgasrohr. Im Block 3 erzeugte die Kernschmelze viel Wasserstoff, von dem ein Teil über das gemeinsame Rohr in Block 4 gelangte.

Ein Rückschlagventil, das den Gasstrom in die falsche Richtung hätte stoppen können, gab es nicht, schreibt die Nisa lapidar. So sammelte sich Wasserstoff im unteren Teil von Block 4 und detonierte. Dabei flogen Seitenwände heraus, und oben stürzte das Dach ein. Dieser Unfallverlauf klingt überzeugend. Experten wie Sven Dokter warnen jedoch davor, nun diese Version als endgültige Wahrheit zu betrachten. Denn der Kenntnisstand über Fukushima wandelt sich beständig. Und die These vom Becken-GAU hatte zunächst ja auch allen eingeleuchtet.