VerlustangstFalsch versichert

Die Deutschen schützen sich gegen Feuer, Raub und Diebstahl. Große Gefahren lauern ganz woanders. von 

Unsere Nachbarn wissen es schon lange: Wir sind wandelnde Bedenkenträger, durchleben kaum einen Tag ohne Existenzangst und trauen keiner Veränderung über den Weg. Ein Gefühl permanenter Bedrohung treibt uns. Als Gegenmittel haben die Deutschen den Sozialstaat erfunden und nehmen Dinge wie einen Reformstau billigend in Kauf. Ausländische Kommentatoren haben für dieses Lebensgefühl längst einen Begriff gefunden: German angst . Tatsächlich sind die Deutschen die ängstlichsten Europäer, haben Marktforscher in Umfragen ermittelt. Laut denen sorgen wir uns mehr als die Amerikaner, weit stärker als ein Durchschnittseuropäer und mehr als doppelt so stark wie die Franzosen. Meist sind diese Sorgen sehr abstrakt, uns treibt die Sicherheit unseres Landes um oder Gefahren im Internet. Um eines aber bangen wir ganz besonders: um unser Hab und Gut.

»Die Deutschen haben im Vergleich zu anderen Ländern überdurchschnittlich hohe materielle Ängste«, bestätigt eine GfK-Studie. Den Cocktail aus Wirtschaftskrise, Klimakollaps und Terrorgefahr nehmen wir eher stoisch hin. Stattdessen investieren die deutschen Verbraucher Milliarden in Versicherungen , in der Hoffnung wenigstens gegen die finanziellen Risiken des Lebens geschützt zu sein. Wenn es um die spürbare materielle Bedrohung geht, sind die Deutschen im Vergleich zu anderen Ländern überdurchschnittlich versichert. Nur die viel größeren Risiken Altersarmut und Krankheit werden zu oft ignoriert. Im internationalen Vergleich sind Deutsche Versicherungsnehmer hier eher unterdurchschnittlich versichert (siehe Grafik).

Anzeige
Versicherungsausgaben
Um die Grafik zu öffnen, klicken Sie bitte auf das Bild

Um die Grafik zu öffnen, klicken Sie bitte auf das Bild  |  © ZEIT-Grafik

Dabei gibt es in diesem Land mehr Lebensversicherungen als Einwohner, und die Bundesrepublik ist europaweit auch der größte Markt für Policen, die nicht zur Altersvorsorge gedacht sind, sondern stattdessen das Reihenendhaus, das Mercedes-Cabrio oder die digitale Fotoausrüstung absichern. Insgesamt geben die Deutschen über 200 Milliarden Euro im Jahr für solche Policen aus. Damit ist Deutschland pro Kopf der zweitgrößte Markt für Autoversicherungen (hinter Italien), ebenfalls für Gebäude- und Hausratversicherungen (hinter den Briten) und deckt zusammen mit den Niederlanden zwei Drittel des europäischen Gesamtmarktes für private Kranken- und Pflegeversicherungen ab. Auf jede Familie runtergerechnet heißt das: Vier von fünf Haushalten haben eine Hausratversicherung, 70 Prozent eine Haftpflichtpolice, 63 Prozent sorgen mit kapitalbildenden Lebens- oder Rentenversicherungen fürs Alter vor, und fast jeder zweite Haushalt hat eine Rechtsschutzversicherung für den Fall, dass er sich mit einem anderen über Geld oder Gartenzäune streitet. Auf den ersten Blick klingt das sehr nach einem Rundumsorglospaket.

Die Berufsunfähigkeit wird am häufigsten unterschätzt

Das Problem ist nur: Für den Ernstfall gerüstet sind die Menschen hierzulande damit noch längst nicht. »90 bis 95 Prozent der Deutschen sind komplett falsch versichert«, kritisiert Finanzexpertin Edda Castello von der Verbraucherzentrale Hamburg. »Die wichtigsten Versicherungen fehlen ihnen. Viele investieren hingegen in eine Kapitallebensversicherung. Dabei handelt es sich aber schlicht um Sparverträge, und zwar ganz schlecht verzinste.« Dann wiederum stapeln sich im Aktenordner Versicherungen für das Reisegepäck, den Hausrat und die Fahrräder neben Policen gegen Skibruch und Brillenverlust. Aber für die richtig großen Lebensrisiken wird viel zu selten vorgesorgt. Und wer es doch tut, gibt zu wenig Geld dafür aus. Dabei ist die Gefahr, im Alter tatsächlich ohne Geld dazustehen , beträchtlich.

Da machen es die Nachbarn in den Niederlanden und der Schweiz viel konsequenter. Pro Kopf geben die rund 4.550 Euro im Jahr für Versicherungen aus, vor allem für die Altersvorsorge und die Gesundheit. Auch die Briten und Franzosen sorgen mit etwa 3.150 Euro erheblich mehr vor. Hierzulande, so hat es der Rückversicherer Swiss Re ermittelt, sind es gerade mal 1.955 Euro. Zu wenig, um den heutigen Lebensstandard bis ins hohe Alter abzusichern, warnen Experten. Zumal davon nur 1.100 Euro im Jahr in private Rentenversicherungen fließen. »In vielen Ländern sind die Pro-Kopf-Beiträge für Lebensversicherungen teilweise mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland, etwa in der Schweiz, Großbritannien, Frankreich, Schweden«, beklagt Ulrike Pott vom Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft GdV. »Innerhalb der 16 alten EU-Mitgliedsstaaten liegen nur noch Spanien und Österreich hinter Deutschland.« Nun kann man streiten, ob die Deutschen ausgerechnet mit Lebensversicherungen vorsorgen sollten. Aber gerade das Sparen fürs Alter ist unerlässlich, um die gesetzlichen Zahlungen zu ergänzen. Denn die reichen bei Weitem nicht, um in 30 oder 40 Jahren jeden Rentner ausreichend zu versorgen. Dass die Menschen hierzulande bisher so wenig zurücklegen, liegt auch daran, dass sie sich sehr lange auf den Staat verlassen konnten. Kaum ein Land hatte ein so perfekt ausgestattetes gesetzliches Renten- und Krankenversicherungssystem. Doch das ist Geschichte.

Leserkommentare
  1. Gesundheitsversicherung, Altersvorsorge, Private Rente...

    ...was nützen diese Versicherungen, wenn das System kollabiert? Was bringt mir eine Pflegeversicherung, wenn ein Pfleger nur noch für Brot oder Gold arbeitet? Was nützt eine private Rentenvorsorge wenn die Versicherung Insolvenz anmeldet? Was bringt eine Berufsunfallversicherung, wenn man zuvor sowieso nur Peanuts verdient hat? Im Übrigen: Vor 2001 gab es eine gesetzliche Berufsunfähigkeitsrente!

    Aber das hat man alles zerstört, weil man gesagt hat, dass mit der Globalisierung alle reich werden und in 2010 keine neuen Schulden aufgenommen werden müssen...

    In den USA gibt es Altersarmut in Folge von Fehlspekulation der Betriebsrentenfonds, wofür die Rentner nun gar nichts können.

    Die beste Versicherung ist eine funktionierende, einheimische Gesellschaft. Hier leider getötet durch den Kapitalismus...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • this.
    • 10. September 2011 14:35 Uhr

    Die Pflegeversicherung in Deutschland ist wie auch die gesetzliche Rente-, Arbeitslosen- und Krankenversicherung umlagefinanziert.. Die hat schon 2 Weltkriege und Währungsreformen überlebt also bitte..

    Private Rentenvorsorge läuft als Sondervermögen, da kann auch der Versicherer/Anbieter insolvent gehen, erhalten bleibt es trotzdem.

    Und auf lange Sicht (und so sind Betriebsrentenfonds angelegt) machen die trotz Krisen noch genug Gewinn.

    Sind die größten Antikapitalisten die mit der geringsten Ahnung?

  2. Das Kaiserreich war der Mittelpunkt des Fortschritts, Wohlstandes und der Kultur - mit Sozialen Errungenschaften, ganz ohne Versicherungs-*rschos (Vaschos). Das muss man eingestehen, egal ob man Monarchien mag oder nicht - denn theoretisch könnten soziale Errungenschaften auch in Demokratie funktionieren, wenn es Demokratien gäbe.

  3. »Die Deutschen haben im Vergleich zu anderen Ländern überdurchschnittlich hohe materielle Ängste«, bestätigt eine GfK-Studie. Den Cocktail aus Wirtschaftskrise, Klimakollaps und Terrorgefahr nehmen wir eher stoisch hin. Stattdessen investieren die deutschen Verbraucher Milliarden in Versicherungen, in der Hoffnung wenigstens gegen die finanziellen Risiken des Lebens geschützt zu sein.

    Der Deutsche ist halt clever und versichert sich gegen reale Gefahren und nicht gegen das Gewäsch vom Klimakollaps und einer Terrorgefahr. Das ist der Unterschied. Sollen wir uns 40 Milionen Amerikaner als Beisspiel nehmen, die nicht einmal eine Krankenversicherung haben. Na vielen Dank auch. Die anderen Länder, vor allem in Europa, können doch froh sein, das der Deutsche so ist, wie er ist. Wer, wen nicht wir Deutschen, sollte sonst die Schulden der anderen Länder bezahlen? Klar müssen die sich weniger Existenzängste machen, wie der Deutsche. Wir müssen den Mist ja immer ausbügeln, den die anderen verzapft haben.

  4. Und mit dem Geld meiner Alterssicherung werden dann TripeA-bewertete Zerifikate erworben bzw. Staatsanleihen von Ländern, die den ausgebenden Banken mit Milliardenhilfen unter die Arme greifen, wenns mal wieder etwas schief geht.

    Ich glaube, das ist keine so gute Idee. Vielleicht besser ein Gemüseacker für die Selbstversorgung und wenn der Klimawandel weiter voranschreitet, kann ich da sogar Olivenbäume anpflanzen. Für die Optik und als Solidarbeitrag würde ich sogar eine griechische Leih-Omma auf die Plantage setzen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das mit den Olivenbäumen würde ich lassen. Eine Fehlinvestition wie der Eurorettungsschirm. Die gehen kläglich ein. Warum? Das werden Sie in den nächsten Jahren schnell merken. Ziehen Sie sich warm an.

    • Wombel
    • 10. September 2011 14:02 Uhr

    trotzdem werden alle Arbeitnehmer zur Pflegeversicherung gezwungen.Was nützt einem Rentner mit 1000€ Rente und Pflegekosten von 5000€ ein Zuschuß von 500€ aus der Pflegekasse? Pleite ist trotzdem.

  5. Gibt es denn eine Untersuchung der Versicherungssituation vor und nach der Agenda 2010?

    Was nützt einem Angestellten eine Kapitallebensversicherung, wenn sie bei Arbeitslosigkeit futsch ist.

    Ich weiß nicht, ob man die einzelnen Versicherungen in den einzelnen Ländern so vergleichen kann, da ja einige Versicherungen Pflichtversicherungen sind.

    Wenn die Immobilie kreditfinanziert ist, was bei den meisten privaten Häuslebauern der Fall sein dürfte, verlangt der Kreditgeber eine ziemlich umfassende Gebäudeversicherung.

    Ebenfalls Berufshaftpflicht, Haftpflicht für Fahrzeuge und Krankenversicherung.

    Da Deutschland den größten Niedriglohnsektor Europas hat, können die Bürger doch in weiten Teilen gar nicht entscheiden, was sie "absichern" wollen oder nicht, weil schlichtweg kein Geld da ist.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    einem Arbeitnehmer keine Kapital-LV, wenn er in seinem Erwerbsleben nie oder nur kurz arbeitslos ist? ;-)

    In dem Beitrag wird übrigens implizit von einer Kapital-LV abgeraten.

  6. Die Krankenversicherung, die Rentenversicherung, die Arbeitslosenversicherung und die Pflegeversicherung.

    40 Jahre lang bis jetzt.
    Jetzt sollte ich mal zusammen rechnen, was ich gespart habe im Falle ich hätte mir alles andere aufschwatzen lasse.

  7. ...kaum versichert bin ;-)

    Ich habe eine Haftpflichtversicherung, und eine "Zahnzusatzversicherung" - kostet beides kaum Geld.

    Um meine "private Vorsorge" kümmere ich mich selbst.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die meisten Versicherungen handeln sowieso unredlich, weil sie im Schadensfall sich von Prozess zu Prozess hangeln bis der versicherte aufgibt und sich mit einem Almosen zufrieden gibt.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service