Finanzmarkt "Zu lange auf Pump"

Andreas Schmitz, der Chef des Bankenverbandes, fürchtet eine neue Finanzkrise, wenn die Banken für Staatsschulden zahlen sollen.

ZEIT: Herr Schmitz, das große Rad auf den Kapitalmärkten wird in London und New York gedreht. Hat es da noch eine Bedeutung, was wir am Finanzplatz Deutschland machen?

Andreas Schmitz: Aber sicher. Die deutsche Wirtschaft gehört derzeit zu den stärksten in der Welt. Daraus leitet sich schon ein Großteil seiner Bedeutung ab. Frankfurt ist ein Finanzplatz, der trotz Krisen in den vergangenen Jahren doch viel konservativer und damit beständiger und letztlich auch stabiler war als andere Finanzplätze.

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Andreas Schmitz

ist Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken. Der 51-Jährige ist zudem Chef der Privatbank HSBC Trinkaus & Burkhardt in Düsseldorf

ZEIT: Inwiefern?

Schmitz: Mein Haus in Düsseldorf kostet das Gleiche wie vor 15 Jahren. Mailand oder Madrid haben große Preissteigerungen und damit so etwas wie eine Blasenbildung erlebt. Das hat auch mit der Immobilienfinanzierung zu tun. Dort konnte man bis zu 100 Prozent aus Kredit finanzieren und brauchte nicht – wie in Deutschland üblich – 20 oder sogar 40 Prozent eigenes Geld. Zugleich ist nirgends in Europa ein Konto für Verbraucher so günstig wie in Deutschland. Ein Girokonto kostet fast nichts und ist binnen Stunden eröffnet. In London geht das nicht.

ZEIT: Aber dort laufen die ganz großen Finanzgeschäfte.

Schmitz: Das hat auch damit zu tun, dass die deutsche Wirtschaft vornehmlich kreditfinanziert ist. Die Finanzierung über die Kapitalmärkte – Aktien oder Anleihen – ist bei uns deutlich weniger ausgeprägt. Das ist die Achillesferse unserer Wirtschaft.

ZEIT: Ist es nicht ein Vorteil, weniger von den Märkten abhängig zu sein?

Schmitz: Der Mix muss stimmen. Viele Unternehmer scheuen den Gang an die Börse, weil sie lieber die alleinige Kontrolle über ihr Unternehmen behalten wollten, statt Macht an Aktionäre abzutreten. Irgendwann ist eine Grenze erreicht. Beispiel: In der Krise wurde die Kapitaldecke einiger Automobilzulieferer ziemlich dünn.

ZEIT: Sind die deutschen Institute überhaupt in der Lage, die hiesigen Unternehmen angemessen zu betreuen?

Zeitleiste
Chronik Euro-Krise
Oktober 2009

Die griechische Regierung revidiert die Schätzung des Staatsdefizits für 2009 nach oben – von sechs auf mehr als zwölf Prozent des BIPs. Bereits zuvor enthielt die Schuldenstatistik des Landes gravierende Fehler: Im Jahr 2004 wurde bekannt, dass die Neuverschuldung in den Jahren 1998 und 1999 – also kurz vor Einführung des Euro – deutlich über den im Maastricht-Vertrag festgeschriebenen drei Prozent des BIPs lag. Ende 2010 werden Griechenlands Schulden mehr als 140 Prozent der Wirtschaftsleistung betragen.

16. Dezember 2009

Als erste Rating-Agentur stuft Fitch die Kreditwürdigkeit Griechenlands herab; die anderen Agenturen folgen. Die Sparmaßnahmen Griechenlands reichten nicht aus, um das Defizit nachhaltig zu verringern, begründet Standard & Poor's die Entscheidung. In der EU wächst die Angst vor einem Staatsbankrott, der andere Länder anstecken könnte. In Griechenland kommt es zu ersten Streiks gegen die Sparpolitik der Regierung.

11. Februar 2010

Die Staats- und Regierungschefs der EU erklären sich bereit, Griechenland finanziell zu unterstützen, um die Stabilität der Währungsunion zu sichern. Die EU fordert Griechenland jedoch gleichzeitig auf, die Sparanstrengungen zu verstärken. Zuvor bescheinigte die Kommission ihren Finanzstatistiken qualitative Mängel. Die griechische Regierung verkündet zusätzliche Sparmaßnahmen in Höhe von 4,8 Milliarden Euro. Das entspricht rund zwei Prozent des griechischen BIPs.

2. Mai 2010

Die EU-Finanzminister beschließen, Griechenland Kredite in Höhe von 110 Milliarden Euro zu gewähren: 80 Milliarden kommen von den Euro-Staaten, 30 vom IWF. Nur zehn Tage später fließt die erste Tranche nach Athen. Im Gegenzug wird Griechenland verpflichtet, hart zu sparen, die Wirtschaft zu reformieren und staatliche Unternehmen zu privatisieren. An den Kapitalmärkten kann sich Griechenland nur noch zu hohen Zinsen refinanzieren. Standard & Poor's bewertet die Anleihen des Landes als hochspekulativ (B).

8. Mai 2010

Das Bundesverfassungsgericht lehnt einen Eilantrag gegen die Griechenland-Hilfen ab. Fünf Wissenschaftler hatten nach der Verabschiedung des Gesetzes zur Griechenland-Hilfe im Bundestag Verfassungsbeschwerde eingelegt. Ihr Argument: Die Hilfe verstoße gegen die EU-Verträge, genauer: gegen das Verbot der gegenseitigen Haftung in der sogenannten No-Bailout-Klausel. Mit den Finanzhilfen werde eine "verheerende Inflationspolitik" betrieben.

10. Mai 2010

Die Europäische Zentralbank (EZB) beschließt, Staatsanleihen kriselnder Staaten aufzukaufen. Sie will verhindern, dass die Länder ihre Schulden nicht mehr bedienen können, weil die Zinsen immer weiter steigen. Ihre Statuten verbieten ihr, Anleihen direkt von den Emittenten zu erwerben; also wird sie am öffentlichen und privaten Anleihemarkt – dem sogenannten Sekundärmarkt – tätig. Mit der Ankündigung bricht die EZB mit einem Tabu: Bisher hat sie derartige Mittel zur Krisenbekämpfung stets abgelehnt.

7. Juni 2010

Die Euro-Finanzminister gründen in Luxemburg die Europäische Finanzstabilisierungsfazilität (EFSF), den sogenannten Euro-Rettungsschirm. Die Zweckgesellschaft soll im Notfall am Kapitalmarkt Kredite aufnehmen, um klamme Staaten finanziell zu stützen. Die Euro-Länder sollen für die Kredite bürgen, Deutschland mit bis zu 148 Milliarden Euro. Der EFSF umfasst insgesamt 750 Milliarden Euro. Die tatsächliche Kreditvergabekapazität liegt niedriger, weil für ein AAA-Rating hohe Garantien erforderlich sind.

29. September 2010

EU-Währungskommissar Olli Rehn präsentiert Vorschläge zur Krisenbewältigung. Der Finne will den Stabilitäts- und Wachstumspakt stärken und die EU finanzpolitisch besser steuern. Dazu sollen etwa Sanktionen künftig automatisch verhängt werden und nicht erst, wenn die Mitgliedsländer darüber entschieden haben. Und Schuldenstaaten sollen schon bei der Eröffnung eines Defizitverfahrens ein Strafpfand in Höhe von 0,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes hinterlegen. Die EU-Finanzminister entscheiden über die Vorschläge im März 2011.

30. September 2010

Die Rating-Agentur Moody's stuft Spanien herab, die viertgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone. Sie bewertet die Bonität des Landes nun nicht mehr mit der Bestnote. Vor dem Platzen der Immobilienblase befand sich Spanien noch im Aufschwung. Seitdem kämpft das Land mit den Folgen der Finanzkrise. Ministerpräsident Zapatero bestreitet, finanzielle Hilfe der EU zu brauchen. Spanien hat auf einen rigorosen Sparkurs geschwenkt – genau wie der ebenfalls hoch verschuldete Nachbar Portugal.

21. November 2010

Irland muss vom Euro-Rettungsschirm aufgefangen werden. Das Land hat seine Banken mit Milliardenbeträgen vor dem Zusammenbruch gerettet und ist dadurch selbst in eine Schieflage geraten. Die Euro-Finanzminister beschließen Hilfskredite in Höhe von 85 Milliarden Euro, im Gegenzug muss Irland wie zuvor schon Griechenland hart sparen. Die irischen Bürger sind wütend: Bis zuletzt hatte ihre Regierung bestritten, Hilfe aus Brüssel beantragen zu wollen.
 

28. November 2010

Die Finanzminister der Euro-Länder einigen sich auf einen dauerhaften Krisenfonds, den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM). Er soll 2013 den Rettungsfonds EFSF ablösen. Der ESM umfasst 700 Milliarden Euro, von denen maximal 500 Milliarden an Not leidende Staaten verliehen werden können. Der Rest dient als Sicherheitseinlage. Sie soll die Rating-Agenturen überzeugen, auch dem ESM Bestnoten zu verleihen. Im Gegensatz zum EFSF wird der neue Fonds mit einer Bareinlage in Höhe von 80 Milliarden Euro ausgestattet. In Einzelfällen können auch private Gläubiger beteiligt werden.

16. Dezember 2010 /25. Januar 2011

Die EZB verdoppelt ihr Grundkapital auf elf Milliarden Euro, um ihre Anleihekäufe abzusichern. Zu diesem Zeitpunkt hat sie bereits für 72 Milliarden Euro Anleihen aufgekauft – griechische, irische, portugiesische, spanische. Einen Monat später gibt der Rettungsfonds EFSF erstmals selbst Anleihen auf dem Kapitalmarkt aus. Das Interesse der Anleger an den EFSF-Anleihen ist enorm, unter anderem wegen seines Top-Ratings.

11. März 2011

Die Staats- und Regierungschefs der EU-Länder beschließen, die Kreditvergabekapazität des EFSF auf 440 Milliarden aufzustocken. Außerdem einigen sich die Staaten auf den "Pakt für den Euro" – die Selbstverpflichtung, sich in der Haushalts-, Steuer- und Sozialpolitik enger abzustimmen – und verpflichten sich zum Sparen. Gleichzeitig wird der Stabilitäts- und Wachstumspakts verschärft. Die von Deutschland geforderten automatischen Sanktionen scheitern allerdings am Widerstand der Mitgliedsstaaten.

April 2011

Innerhalb der schwarz-gelben Koalition regt sich Widerstand gegen den ESM: Mehr als 30 FDP-Politiker fordern, den Rettungsfonds auf dem Parteitag im Mai abzulehnen. Außerdem wollen sie ein Insolvenzverfahren für EU-Staaten mit starker Gläubigerbeteiligung und ein Verbot für die EZB, Anleihen aufzukaufen. Sie scheitern: Zwei Drittel der Liberalen sprechen sich gegen ein Nein zum ESM aus. Außenminister Westerwelle sagt: "Europa liegt im deutschen Interesse."

7. April 2011

Auch Portugal will unter den Rettungsschirm. Das ärmste Land Westeuropas sieht keine Alternative, nachdem die Opposition im März ein geplantes Sparprogramm der Minderheitenregierung ablehnte. Nach dreiwöchigen Verhandlungen bekommt Portugal 78 Milliarden Euro zugesprochen – und mehr Zeit für den Schuldenabbau: Die Neuverschuldung des Staats darf in diesem Jahr nun statt 4,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts 5,9 Prozent betragen.

Juli 2011

Die Sorge um Italien lässt die Gemeinschaftswährung abrutschen. Die Staatsverschuldung der drittgrößten Volkswirtschaft Europas ist, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, mit fast 120 Prozent höher als die Irlands und Portugals. Die Renditen auf ihre Anleihen steigen. Die Regierung plant, in vier Jahren knapp 48 Milliarden Euro einzusparen, etwa im öffentlichen Dienst und im Gesundheitswesen. Berlusconi meint trotzdem: "Wir sind stabil."

21. Juli 2011

Die Euro-Länder beschließen das zweite Rettungspaket für Griechenland. Es umfasst neue Kredite in Höhe von 109 Milliarden Euro und soll bis 2014 reichen. Erstmals beteiligen sich freiwillig private Gläubiger: Banken sollen 37 Milliarden Euro beisteuern, indem sie griechische Staatsanleihen in neue Bonds mit geringeren Zinsen umtauschen. Ein Erfolg für die Bundesregierung, die sich für die Beteiligung privater Gläubiger eingesetzt hat.

8. August 2011

Die Europäische Zentralbank kauft erstmals auch italienische und spanische Staatsanleihen am Sekundärmarkt. Sie will damit verhindern, dass die Zinsen für die Krisenstaaten weiter steigen. Mit Erfolg: Der Druck auf die beiden Länder nimmt in den kommenden Wochen etwas ab. Italien erklärt sich bereit, ein weiteres Sparpaket aufzulegen: Bis 2013 soll der Haushalt um weitere 45 Milliarden Euro gekürzt werden.

August 2011

Die Debatte über Euro-Bonds entflammt. Euro-Gruppen-Chef Juncker ist dafür, die Krisenstaaten im Süden auch. In Deutschland drängen SPD und Grüne auf die gemeinsamen Anleihen; auch in der CDU bröckelt der Widerstand. Die FDP ist weiterhin strikt gegen Euro-Bonds, auch Angela Merkel lehnt sie ab. Unterdessen sorgen Gerüchte, Frankreich könnte sein AAA-Rating verlieren, für Turbulenzen an den Börsen. Der Dax fällt zeitweise um bis zu sechs Prozent im Vergleich zum Vortag. Sarkozy kündigt weitere Sparpläne an.

16. August 2011

Merkel und Sarkozy treffen sich zu einem Krisengipfel. Euro-Bonds sind dabei angeblich kein Thema. Stattdessen schlagen die beiden Staatschef eine EU-Wirtschaftsregierung vor, die sich aus dem Rat der Staats- und Regierungschefs der Euro-Länder zusammensetzen soll. Außerdem soll eine Schuldenbremse nach deutschem Vorbild in die Verfassungen der Euro-Länder – und eine Steuer auf Finanztransaktionen. Letztere stößt vor allem bei den Banken auf wenig Gegenliebe.

31. August 2011

Das Bundeskabinett bringt das "Gesetz zur Übernahme von Gewährleistungen im Rahmen eines europäischen Stabilisierungsmechanismus" auf den Weg. Damit setzt es die Beschlüsse des Euro-Gipfels vom 21. Juli um. Deutschland bürgt nun für weitere 211 Milliarden Euro. Knackpunkt in der deutschen Diskussion ist die Beteiligung des Bundestages: Künftig soll das Parlament über alle neuen Hilfen abstimmen. Unter anderem haben die Unions- und die FDP-Fraktion dies gefordert.

August/September 2011
Banken Frankfurt

Die europäischen Banken misstrauen einander zunehmend. Statt sich gegenseitig Geld zu leihen, bemühen sie die EZB. Der Liquiditätsfluss im Finanzsektor droht auszutrocknen, die Angst vor einer neuen großen Bankenpleite wächst. Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), fordert deshalb, die Banken mit neuem Kapital auszustatten, das direkt vom Rettungsfonds EFSF kommen soll. Auch die Bankenaufsicht (EBA) zeigt sich besorgt. EZB-Chef Trichet und Deutsche-Bank-Chef Ackermann hingegen kritisieren die Vorstöße.

7. September 2011
Bundesverfassungsgericht

Erneut weist das Bundesverfassungsgericht Verfassungsbeschwerden gegen die Griechenland-Hilfen ab. Die Richter entscheiden, dass die deutsche Beteiligung am Rettungsfonds EFSF mit dem Grundgesetz vereinbar ist. Sie setzen aber voraus, dass der Haushaltsausschuss des Bundestages allen Rettungsmaßnahmen zustimmen muss. Bisher musste sich Finanzminister Wolfgang Schäuble lediglich um ein Einvernehmen mit dem Parlament bemühen.

Mitte September 2011

Die Spekulationen über eine mögliche Insolvenz Griechenlands nehmen zu. Eine neue Immobiliensteuer soll das benötigte Geld in die öffentlichen Kassen bringen. Der griechische Finanzminister Evangelos Venizelos sagt, sein Land brauche weitere Milliarden, um seine Haushaltsziele zu erreichen. Die griechische Wirtschaft schrumpft stärker als gedacht. Ein Sprecher des deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble nennt die Spekulationen "zwecklos", aber Wirtschaftsminister Philipp Rösler sagt öffentlich, es dürfe keine Denkverbote geben. Eine geordnete Insolvenz schließt er nicht mehr aus.

29. September 2011

Der Bundestag billigt die von den Euro-Ländern geplante Aufstockung des Rettungsfonds EFSF auf 780 Milliarden Euro, von denen 440 Milliarden an überschuldete Euro-Staaten verliehen werden können. Treten die geplanten Änderungen in Kraft, steigen die deutschen Garantien um 88 Milliarden auf 211 Milliarden Euro. Zudem erhält der Fonds dann weitere Kompetenzen: Künftig soll er an der Börse Staatsanleihen von Krisenstaaten kaufen, um deren Kurse zu stabilisieren. Von 611 anwesenden Abgeordneten im Bundestag stimmen 523 dem Gesetzentwurf der Koalitionsfraktionen zu.

Oktober 2011

Am 26. Oktober stimmt der Bundestag schon wieder über eine Ausweitung des Rettungsfonds EFSF ab. In ihrer Regierungserklärung appelliert Kanzlerin Merkel an die Abgeordneten, ihre Rettungspolitik zu unterstützen: "Scheitert der Euro, scheitert Europa", sagt sie. 503 von 596 Abgeordneten stimmen für die Erweiterung. Auf dem anschließenden EU-Gipfel beschließen die Staats- und Regierungschefs einen Schuldenschnitt für Griechenland, eine Ausweitung des EFSF und eine Rekapitalisierung der Banken. Italien verspricht, stärker zu sparen.

Anfang November 2011
Lucas Papademos (r.) mit seinem Amtsvorgänger Giorgos Papandreou

Am 31. Oktober kündigt Griechenlands Ministerpräsident Papandreou überraschend an, er wolle seine Bevölkerung über die EU-Rettungshilfen abstimmen lassen. Europas Regierungen setzten Griechenland daraufhin unter Druck: Die nächste Kredittranche, von den Euro-Finanzministern eigentlich schon gebilligt, wird auf Eis gelegt. Am 3. November sagt Papandreou das Referendum wieder ab. Sechs Tage später kündigt er seinen Rücktritt an. Das frühere EZB-Ratsmitglied Lucas Papademos wird neuer griechischer Ministerpräsident.
 

Mitte November 2011
Mario Monti

Nach wachsendem Druck der Finanzmärkte auf Italien tritt Regierungschef Silvio Berlusconi zurück. Sein Nachfolger wird der frühere EU-Kommissar Mario Monti. Im Dezember stimmt das Parlament in Rom seinem Spar- und Sanierungsprogramm zu. Auch in Spanien wechselt die Regierung: Bei der vorgezogenen Parlamentswahl am 20. November werden die Sozialisten abgewählt, die konservative Volkspartei (PP) mit ihrem Spitzenkandidaten Mariano Rajoy siegt. Er löst im Dezember José Luis Rodríguez Zapatero als Regierungschef ab.

Dezember 2011
David Cameron in Brüssel

Am 5. Dezember, nur wenige Tage vor dem nächsten EU-Gipfel, droht die Rating-Agentur Standard & Poor's Deutschland und weiteren 14 Ländern der Euro-Zone mit der Herabstufung ihrer Kreditwürdigkeit. Auf dem Gipfel der EU-Staats- und Regierungschefs ist Großbritanniens Premierminister David Cameron isoliert: Er will einen Vertrag für mehr Haushaltsdisziplin nicht mittragen, die anderen Länder vereinbaren den Abschluss des Regelwerks. Für sein Verhalten erntet Cameron auch im eigenen Land viel Kritik.

13. Januar 2012

Die Rating-Agentur Standard & Poor's stuft Frankreichs Kreditwürdigkeit herab. Einen Tag später entzieht sie neun weiteren Ländern die Bestnote. Auch der Krisenfonds EFSF verliert sein AAA-Rating. Die Folgen sind begrenzt: Die Zinsaufschläge für einige Krisenländer bleiben zwar hoch, sinken aber in der Tendenz. Die erste Auktion des EFSF nach seiner Herabstufung verläuft reibungslos. Allerdings nimmt die Flucht in sichere Häfen zu: Wenige Tage vor der Herabstufung von Frankreich zahlt Deutschland erstmals negative Zinsen auf kurzfristige Staatspapiere – wie zuvor die Schweiz und Dänemark.

31. Januar

Die Staats- und Regierungschefs der EU verabschieden in Brüssel den Fiskalpakt. 25 Staaten stimmen dem neuen Regelwerk zu; Großbritannien und Tschechien bleiben außen vor. Die neuen Regeln sollen ab 2013 gelten. Künftig kann die Kommission ein Defizitverfahren auch ohne die Zustimmung der Finanzminister eröffnen, immer dann, wenn die Defizitquote eines Landes drei Prozent überschreitet. Das strukturelle Defizit in den Haushalten darf in der Regel nicht mehr die Grenze von 0,5 Prozent überschreiten. Die Krisenstaaten müssen ihre Schulden um fünf Prozent jährlich abbauen. Die Regierungschefs verabschieden auch den dauerhaften Krisenmechanismus ESM, der ab Juli in Kraft treten soll. 

21. Februar

Die EU-Finanzminister bringen in Brüssel ein zweites Rettungspaket für Griechenland auf den Weg. Es umfasst neue Kredite in Höhe von 130 Milliarden Euro. Die Einigung der Minister mit Griechenland ist auch Voraussetzung für die Beteiligung privater Gläubiger an der Rettung des überschuldeten Landes. Sie sollen nun auf mehr als 50 Prozent ihrer Forderungen verzichten. Der Schuldenstand Griechenlands soll dadurch auf rund 120 Prozent der Wirtschaftsleistung sinken.

8. März 2012
Der Parthenon auf der Akropolis

Der Parthenon auf der Akropolis

Die griechische Regierung verschickt eine Erfolgsmeldung: An dem angekündigten Schuldenschnitt beteiligen sich nach Angaben des Finanzministeriums rund 86 Prozent aller Gläubiger, die Papiere nach griechischem Recht halten. Damit ist das nötige Quorum erreicht, um auch die anderen Gläubiger zum Umtausch zu zwingen. Insgesamt wären dann rund 95 Prozent der Investoren im Boot. Rund 197 Milliarden der 206 Milliarden Euro an griechischen Staatsschulden können nun umgeschuldet werden. Die Anleger erhalten Papiere mit längerer Laufzeit und niedrigerem Zinssatz. Griechenland bekommt mehr Zeit.

Schmitz: Gerade in der Krise haben wir den Unternehmen die Stange gehalten. Obwohl befürchtet, gab es nicht mal den Ansatz einer Kreditklemme. Derzeit haben wir eine gute Versorgung in der Fläche und gute Spezialkreditinstitute. Aber bei den Banken, die den gehobenen Mittelstand und die Großindustrie betreuen können, haben wir, verglichen mit anderen Ländern, Nachholbedarf. Wir könnten noch ein paar große Banken gebrauchen. Da sind wir nicht optimal aufgestellt. Der deutsche Bankenmarkt ist immer noch zersplittert.

ZEIT: Birgt das Gefahren?

Schmitz: Ja und nein: Frankfurt ist wichtig für Kontinentaleuropa und beheimatet mit der Europäischen Zentralbank und der Deutschen Börse wichtige Institutionen. Nur: Die Frage ist nicht mehr, ob wir gegen London ankommen, sondern wie London, New York und Frankfurt mit den neuen Wettbewerbern in Südostasien mithalten. Der Westen verliert nach und nach seine Vormachtstellung, und Südamerika und vor allem Südostasien werden immer wichtiger – auch im Finanzgeschäft. Shanghai, Singapur, Hongkong, das sind die Finanzzentren der Zukunft.

ZEIT: Europa will eine Steuer auf Finanztransaktionen einführen. Was halten Sie davon?

Schmitz: Es macht keinen Sinn, die Steuer in einzelnen Ländern einzuführen. Die Steuer ist doch nur wieder etwas fürs politische Schaufenster. Wenn die Politik diese Steuer beschließt, wandern große Teile der Handelsvolumina aus Frankfurt an andere Börsenplätze ab. In der Eingabemaske der Händler ist das nur ein Klick. Dann verlagert sich noch mehr Geschäft nach Asien. Wollen wir das?

ZEIT: Gegenfrage: Wollen wir, dass sich der Finanzsektor weiter aufbläht?

Schmitz: Ich fordere keine Schutzzone für das Kreditgewerbe. Eine wichtige Aufgabe der Banken ist die Finanzierung der Unternehmen. Als Banken anfingen, andere Banken als Kunden zu begreifen, ist etwas aus dem Ruder gelaufen. Nicht alles, was da passiert, stiftet auch volkswirtschaftlichen Nutzen. Daher bin ich ja auch nicht per se gegen Regulierung.

ZEIT: Welche Vorschrift finden Sie denn gut?

Schmitz: Die Verpflichtung, mehr Eigenkapital vorzuhalten, das ist ein Risikopuffer. Die Begrenzung von Bonuszahlungen. Aber auch den Selbstbehalt beim Weiterverkauf gebündelter Kredite. Das ist sinnvoll, denn sobald Sie mit im Risiko stehen, schauen Sie genauer hin.

Leser-Kommentare
  1. "Andreas Schmitz, der Chef des Bankenverbandes, fürchtet eine neue Finanzkrise, wenn die Banken für Staatsschulden zahlen sollen."

    -----------

    Wer denn sonst?

    Es handelt sich nicht um Staatsschulden, sondern um Banken-Rettungsschirme etc.

    Plädiert Herr Schmitz nun dafür, dass man die Banken hätte pleite gehen lassen sollen?

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    • Dirac
    • 13.09.2011 um 18:35 Uhr

    Das ist wohl einfach nur Lobbyismus. Er wär ja auch schön dumm zuzugeben, dass seine Branche an der ganzen Sache Schuld ist. Also bitte nicht die Banken zahlen lassen, die müssen ja noch Geld für Boni übrig haben.
    Die Ironie an der ganzen Sache ist, dass die Banken die extremsten Verfechter des Kapitalismus sind, aber Boni nahezu erfolgsunabhängig ihren Angestellten zahlen.

    • Dirac
    • 13.09.2011 um 18:35 Uhr

    Das ist wohl einfach nur Lobbyismus. Er wär ja auch schön dumm zuzugeben, dass seine Branche an der ganzen Sache Schuld ist. Also bitte nicht die Banken zahlen lassen, die müssen ja noch Geld für Boni übrig haben.
    Die Ironie an der ganzen Sache ist, dass die Banken die extremsten Verfechter des Kapitalismus sind, aber Boni nahezu erfolgsunabhängig ihren Angestellten zahlen.

  2. 2. Hallo?

    Soweit ICH die Situation verstanden habe, ist das Problem daraus entstanden, daß die STAATEN die Schulden der BANKEN übernommen haben!?

    17 Leser-Empfehlungen
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    Griechenland war schon vor Gründung der EWU überschuldet. Gleiches gilt auch für Italien. (http://epp.eurostat.ec.eu...)

    Deutschlands Schulden sind seit den 90ern des letzten Jahrhunderts nicht zuletzt deswegen gestiegen, weil wir die marode Ex-DDR finanziell an der Backe hatten ("Kosten der deutschen Einheit") - unser "Griechenland" sozusagen.

    Die Bankenretuung hat den Staat bisher gut 9 Mrd. € gekostet. Das ist das Geld, das durch die Gewährung der Stabilisierungshilfen an die Banken (Bankenrettungsschirm), die in der Spitze 175 Mrd. € an Kapitalhilfen oder Garantien umfassten, tatsächlich verloren gegangen sind.

    Derzeit umfasst der Bankenrettungsschirm noch 48 Mrd. € (http://www.fmsa.de/de/fms...). Wie hoch die daraus resultierenden tatsächlichen Kosten am Ende für den Staat sein werden, ist noch offen. Zum Vergleich: Die Schulden aller öffentlichen Haushalte in Deutschland (Bund, Länder, Gemeinden, Sonstige) betragen zusammen rund 2.000 Mrd. €.

    Griechenland war schon vor Gründung der EWU überschuldet. Gleiches gilt auch für Italien. (http://epp.eurostat.ec.eu...)

    Deutschlands Schulden sind seit den 90ern des letzten Jahrhunderts nicht zuletzt deswegen gestiegen, weil wir die marode Ex-DDR finanziell an der Backe hatten ("Kosten der deutschen Einheit") - unser "Griechenland" sozusagen.

    Die Bankenretuung hat den Staat bisher gut 9 Mrd. € gekostet. Das ist das Geld, das durch die Gewährung der Stabilisierungshilfen an die Banken (Bankenrettungsschirm), die in der Spitze 175 Mrd. € an Kapitalhilfen oder Garantien umfassten, tatsächlich verloren gegangen sind.

    Derzeit umfasst der Bankenrettungsschirm noch 48 Mrd. € (http://www.fmsa.de/de/fms...). Wie hoch die daraus resultierenden tatsächlichen Kosten am Ende für den Staat sein werden, ist noch offen. Zum Vergleich: Die Schulden aller öffentlichen Haushalte in Deutschland (Bund, Länder, Gemeinden, Sonstige) betragen zusammen rund 2.000 Mrd. €.

    • Dirac
    • 13.09.2011 um 18:35 Uhr

    Das ist wohl einfach nur Lobbyismus. Er wär ja auch schön dumm zuzugeben, dass seine Branche an der ganzen Sache Schuld ist. Also bitte nicht die Banken zahlen lassen, die müssen ja noch Geld für Boni übrig haben.
    Die Ironie an der ganzen Sache ist, dass die Banken die extremsten Verfechter des Kapitalismus sind, aber Boni nahezu erfolgsunabhängig ihren Angestellten zahlen.

    12 Leser-Empfehlungen
  3. In meinen Augen widerspricht sich das, was gesagt wird:

    "Es kann nicht sein, dass Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert werden. Wer Risiken eingeht, muss dafür geradestehen. Punkt."

    -> sehen, denke ich mal, alle anderen auch so. ist ja in der stink normalen privatautonomie nicht anders..

    Dann folgt die Frage: "Wahrscheinlich ist doch, dass beim nächsten Mal wieder die Steuerzahler einspringen. Muss nicht das ganze System radikal entflochten werden, weil es so zu riskant ist?"

    und darauf die Antwort: "Ich bezweifle, dass das möglich ist. Die Welt ist komplexer geworden, die globale Vernetzung hat zugenommen. Damit müssen wir leben."

    -> d.h. doch nichts anderes als, dass sich das system nicht ändern wird, weil ohnehin schon alles im sinne der globalisierung außer kontrolle geraten ist. D.h. herr schmitz vertritt eine ansicht, die nicht umgesetzt werden kann. daraus folgt für mich (da er das weiß), dass er das erste zitat nur gesagt hat, um sich als vermeitlicher menschenfreund hinzustellen, um im zweiten zitat zu sagen, dass leider der große böse markt nichts an der derzeitigen lage ändern wird.. für mich ist das ein heuchler..

    18 Leser-Empfehlungen
  4. wenn ich dieses Schöngerede [...] lese. Die sind doch selbst schuld. Und wers nicht glaubt, braucht nur mal folgenden Link anzuklicken zu einem Vortrag von Prof. Sinn (ifo-Institut München):

    http://www.youtube/tvcN1g...

    Dort wird erläutert, dass z.B. Griechenland vor der Einführung des Euro Zinsen von 18% - 20 % am Kapitalmarkt zu zahlen hatte - also nicht kreditwürdig war. (Deckt sich übrigens mit meiner bescheidenen Lebenserfahrung.) Dann sanken die Zinsen quasi blitzartig mit Einführung des Euro das ein Niveau von Deutschland, Frankreich, Benelux etc.

    Haben die denn wirklich geglaubt, nur durch die Einführung der anderen Währung wären Länder wie Griechenland auf einmal kreditwürdig? Das können die mir doch nicht erzählen, [...]

    Teile entfernt. Bitte bemühen Sie sich um eine sachliche Ausdrucksweise. Danke. Die Redaktion/wg

    Nein!

    Ich glaube vielmehr, dass die Bangster diese Situation von Anfang an so vorhergesehen haben. Soviel Geldgeilheit und Geldgierigkeit traue ich denen problemlos zu. Die haben von Anfang an drauf spekuliert, dass die Steuerzahler von dem Kartell aus Politik und Bangstern gezwungen werden, die Schulden von z.B. Griechenland bezahlen.

    • Harzer
    • 13.09.2011 um 18:48 Uhr

    ..."Frau Merkel warnt vor Kontrollverlust der Politik."

    Was man gar nicht hat, kann man auch nicht verlieren ... ... !

  5. Die Staaten sind also Schuld daran, dass die Banken Staatsobligationen mit hoher Verzinsung gekauft haben.
    Da war kein Profitstreben am Werk , nein, man wurde fast gedrängt.
    Die armen Bankster, wir müssen sie einfach lieb haben, sie wollten doch nur gefallen.

    • maksym
    • 13.09.2011 um 18:49 Uhr

    http://www.bundesbank.de/...

    Immobilienblase, Bankenkriese, Staatsschulden. Mit 330 Mrd. Euro steht der Deutsche Steuerzahler für die Banken gerade. Dafür erwarte ich mindestens ein kostenloses Dankeschön von dem ehrenwertesten Herren. Der aber droht stattdessen schon wieder mit der nächsten Krise.
    Bin gespannt, wie lange man sich von den ehrenwertesten Herrschaften noch an der Nase herumführen lässt.

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