Politik und Lyrik Nr. 27 Dies von Brecht. Das von Marx

Jede Woche veröffentlicht die ZEIT Gedichte über Politik. Diese Woche beschäftigt sich Hendrik Rost mit der Gewöhnung an Angst und Krise.

Seit dem 10. März versuchen wir im Politikteil der ZEIT, Politik von einer anderen Seite und auf andere Art wahrzunehmen. Elf Lyrikerinnen und Lyriker verfassen eigens für die ZEIT Gedichte, sie zeigen uns ihre Sicht auf die Politik. Mal schreiben sie unabhängig von den Ereignissen, mal gehen sie direkt auf politische Erlebnisse ein. Womit wir anfangs nicht gerechnet hatten, das ist die Fülle und Dichte der Ereignisse, wie wir sie seit Anfang des Jahres erleben. Die Gedichte wurden häufig sehr aktuell, einige am Tag nach politischen Entscheidungen oder Katastrophen verfasst. Diese Woche beschäftigt sich Hendrik Rost mit der Gewöhnung an Angst und Krise.

Hendrik Rost: Dies von Brecht. Das von Marx

Dies ist voll. Das ist voll.
Und auch wenn diese Fülle aus der Fülle kam,
ist alles, was bleibt, Fülle selbst.

Ich schaffe schon keine Werke mehr.
Mich beschäftigt die Frage, werde ich
heute entlassen oder morgen, nur noch

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in schwachen Momenten. Wer in Dramen denkt –
die Ereignisse überschlagen sich, die Welt
gerät aus den Fugen im Liveticker –,

lädt die Tragödie selbst ein. Für Spekulanten
als Verlust, für Nationalisten als Migration,
für Dichter und Denker als Demenz.

Was es auch sei – es murmelt, redet, rast,
irgendwann kreischt es, sagt aber nichts.
Nichts vom Herbst, der kommt,

vom Geruch überreifen Obstes,
Äpfeln, die als von innen glühendes Erz
in den Abend fallen. Es ist gut, Unheil

gelassen zu erwarten. Stell eine Schale
Milch vor die Tür. Es kommt ohnehin,
trinkt sie aus oder zündet das Haus an.

Dann geht es wieder. Noch zu bedenken:
"Keiner wird reich, ohne andere auszubeuten."

Hendrik Rost

Jahrgang 1969, wurde im Münsterland geboren. Studierte Philosophie und Literaturwissenschaft. Lebt als Autor und Übersetzer mit seiner Familie in Lübeck. Seine Übersetzungen (zusammen mit Mirko Bonné) der Gedichte von Rutger Kopland erschienen 2008 im Hanser Verlag. Im Frühjahr 2010 erschien sein fünfter Gedichtband Der Pilot in der Libelle im Göttinger Wallstein-Verlag.

 
Leser-Kommentare
    • isd09
    • 08.09.2011 um 16:24 Uhr

    Was in der Natur der Dinge liegt und das Schiksal herbeiführt,darüber wäre es töricht und unmännlich zu gleich sein inneres Gleichgewicht zu verlieren.W.v.H.

    Der Gute Mensch übernimmt stehts selbst schwerste Pflichten und macht anderen das leben leicht,wärend die meisten Menschen selbst das leben leicht und es anderen schwer machen.

    Fühle mit allen Leid der Welt,aber richte Deine Kräfte nicht dorthin wo Du Machtlos bist,sondern zum nächsten,dem Du helfen,den Du lieben und erfreuen kannst.H.H.

    Das Leid ist die Daseinsform auf der Erde.
    Das ist die Ursache der Unzufriedenheit und dem maßlosen Streben,bedingt durch die Lebensgier des Menschen und seinen Drang nach materiellem Besitz.
    Dieses egoistische Streben müssen wir bekämpfen.

    • isd09
    • 08.09.2011 um 16:40 Uhr

    von 563 v.Chr.passt immer noch in der neu Zeit.

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