DIE ZEIT: Herr Gailus, die Erinnerungen des Nazihelden Horst Wessel sind ein bizarres Dokument: eine »politische Autobiografie«, verfasst von einem gerade 21-Jährigen. Was hat Sie und ihren Kollegen Daniel Siemens gereizt, dieses Buch herauszugeben?

Manfred Gailus: Der SA-Führer war eine der wichtigsten Kultfiguren der Nazizeit. Sein Lied Die Fahne hoch wurde nach 1933 zur zweiten Nationalhymne. Wessel lebte da schon nicht mehr; Anfang 1930 war er von einer Gruppe Berliner Kommunisten unter nicht restlos geklärten Umständen erschossen worden. Kurz zuvor hatte er eine Schilderung seines Werdegangs verfasst. In der Tat ist das ein ungewöhnliches Dokument – und ein extrem aufschlussreiches, denn hier begegnet uns ein junger Mann, der sich nicht dadurch auszeichnet, etwas Besonderes geleistet zu haben, wie es der Mythos will, sondern einer, der zunächst einmal sehr typisch ist für seine Generation. Ein Nazi im Werden, ein Jugendlicher, der während der Weimarer Jahre in der »Bewegung« aufgeht. Was er schreibt, steht noch nicht unter dem Eindruck des Triumphes von 1933. So gibt uns diese »Autobiografie« einen ganz unverstellten Einblick in die frühen Jahre der NSDAP.

ZEIT: Der Horst Wessel der NS-Propaganda ist eine Schöpfung des damaligen Berliner Gauleiters Joseph Goebbels. Er stilisierte den jungen Mann zu einem Märtyrer, zu einem nationalrevolutionären »Christussozialisten«. Was hat dieser Mythos mit der Realität zu tun?

Gailus: Da ist zum einen Wessels Herkunft aus einem Pfarrhaus. Der Vater – er stirbt, als der Sohn 14 Jahre alt ist – war ein frommer, deutschnationaler Mann. Spätestens seit dem Ersten Weltkrieg hing Pfarrer Wessel der aggressiven, heilsgeschichtlichen Vision eines großdeutschen Reiches an, das Europa dominieren sollte. Er war als Feldprediger im Einsatz gewesen, hielt Sieges- und Durchhaltepredigten. Er kam gut an, hatte rhetorisches Talent.

ZEIT: Schaute Horst Wessel zum Vater auf?

Gailus: Ja, und er übernimmt von ihm das völkische Denken. Aber er verachtet ihn auch. Horst Wessel ist Jahrgang 1907. Wie für viele aus der Kriegsjugendgeneration ist der Vater für ihn ein Kriegsverlierer. Wessel senior schwingt große Reden. Der Sohn sagt: Man muss handeln – und das heißt bei ihm: schießen. Er will den Krieg weiterführen und gewinnen.

ZEIT: Um 1922/23 taucht er ins Milieu der Bündischen und Freikorps ein. Dort tummeln sich vor allem reaktionäre Kräfte, die sich nach der Monarchie zurücksehnen und deshalb die Republik zerschlagen wollen. Wie findet Wessel von dort zur NSDAP?

Gailus: Unter anderem treibt ihn seine Begeisterung für alles technisch Moderne in diese Richtung. Schon als Gymnasiast trägt er stets eine Pistole bei sich, früh lernt er, einen Lastkraftwagen zu fahren. Von diesen Dingen geht eine immense Faszination für ihn und andere junge Männer seiner Generation aus. Die Nazis haben es raus, die moderne Technik zu Propaganda- und Kampfzwecken zu nutzen. Mit ihren Lastwagen – meist geliehen – sind sie überall und schnell »einsatzbereit«, ein wesentliches Mittel ihrer gewalttätigen Straßenpolitik. Wessel wird aber nicht gleich Parteimitglied. Nach dem Mord an Außenminister Walther Rathenau 1922 ist er erst im rechtsnationalen Bismarckbund. 1924 tritt er in die Nachfolgeorganisation der verbotenen Organisation Consul ein, den paramilitärischen Bund Wiking. Das sind gefährliche Leute, Terroristen, die auch den Zentrums-Politiker Matthias Erzberger auf dem Gewissen haben. Erst Ende 1926 stößt Wessel zur SA und zur NSDAP.

ZEIT: Was verrät das Dokument über das Wesen des Autors?

Gailus: Es offenbart seinen getriebenen, unruhigen Charakter. Die Sprache ist kraftmeiernd. Wessel schwadroniert oft frühreif daher, stets ist er voll des Selbstlobs. Politisches kommt meist in Form halb verdauter Schlagworte vor. So sind seine Ausführungen zwar durchweg obsessiv, aber ohne jede klare inhaltliche Kontur. Sie kreisen um das eigene Erleben und Tun, um die Begeisterung für Waffen, den Kampf, für Prügeleien, für die Tat an sich – Wessel macht einen Jiu-Jitsu-Kurs, damals eine neue Mode. Und bei aller latenten Putschatmosphäre ist da auch noch viel Wandervogel-Romantik drin. Nur dass der Zupfgeigenhansl der Jahrhundertwende nach 1918 die Pistole in der Tasche trägt. Dazu die groben, schablonenhaften Feindbilder: die Kommunisten, die Juden...