DIE ZEIT: Auf der Nürnberger Spielwarenmesse werden jedes Jahr mehr als 70.000 Neuheiten präsentiert. Brauchen Kinder noch mehr Spielzeug ?

Donata Elschenbroich: Kinder wollen nicht bespielt werden. Von Anfang an suchen sie sich Aufgaben, strengen sich an, wollen etwas herausfinden. Sie interessieren sich grundsätzlich für alle Gegenstände in ihrer Umwelt, Spielzeug unter anderem. Aber Alltagsgegenstände können ihnen ebenso imponieren.

ZEIT: Ein Dübel kann für die kindliche Entwicklung genauso gut sein wie ein Puzzle?

Elschenbroich:Goethe hat gesagt: "Jeder Gegenstand, wohl beschaut, schließt ein neues Organ in uns auf." Und dieses "wohl beschaut" kommt bei vorfabriziertem Spielzeug einfach zu kurz. Es lässt oft nicht zu, dass Kinder aus Unscheinbarem, aus dem Nichts selbst etwas schaffen können. Spielzeug ist oft zu eindimensional. Wenn bei einem Puzzle fünf Teile fehlen, dann ist es unbefriedigend. Aber im Spiel mit Alltagsgegenständen entdecken Kinder oft ein "Mehr im Ding". Eine Fähigkeit übrigens, die Erwachsenen meist abhanden gekommen ist.

ZEIT: Welchen Einfluss hat Spielen auf die kindliche Entwicklung?

Elschenbroich: Das Spiel ist der Königsweg des Denkens, es ist eine Art von tätigem Tagträumen. Kinder brauchen diese Zeit, um in ihrem eigenen Tempo die Dinge für sich aufzuschließen. Ein Stuhl lädt zum Sitzen ein, klar, aber umgekippt kann er zur Höhle werden, übereinandergebaut zum Hochbett. In vielen deutschen Kindergärten gibt es inzwischen "spielzeugfreie Wochen". Erzieherinnen beobachten, dass die Kinder in dieser Zeit konzentrierter spielen, komplexere Spiele und dass sie so an Selbstvertrauen gewinnen.

ZEIT: Sie schreiben in Ihrem Buch Die Dinge, dass Wäscheklammern oder Stimmgabeln spannendere Spielzeuge sein können als Barbies, Lego-Steine oder Spielkonsolen. Wieso? 

Elschenbroich: Ich will keinen Feldzug gegen Spielzeug führen. Aber da es zu wenig Werbung dafür gibt, Kindern eine Stimmgabel in die Hand zu geben, mache ich das eben. Eine Stimmgabel kostet nur ein paar Euro, aber man kann damit eine ganze Wohnung aushorchen und überlegen, wo und auf was die Gegenstände reagieren. Durch das Horchen in die Stille und die Überlegung, was ein Resonanzkörper ist, kommt ganz elementare Physik auf.

ZEIT: Ermöglichen Alltagsdinge Kindern also den Kontakt zur Gegenwart?

Elschenbroich: Nicht nur zur Gegenwart. In den Dingen steckt das Wissen unserer Vorfahren, die Kulturgeschichte der Menschheit. Wo wären wir, wenn wir keinen Hammer hätten? Wie würden sich Bergsteiger abseilen, hätten sie keinen Abseilachter? Die Beziehung zwischen den Kletterern wäre weniger vertrauensvoll.