PhilosophieDas rätselhafte Ich

Ein Gespräch mit dem Philosophen Thomas Metzinger über die Schwierigkeit, uns selbst zu erkennen, und die Frage, ob es eine Seele gibt. von Stefan Klein

Eine junge Frau

Eine junge Frau  |  © Miss X/photocase.com

Wie komme ich zu meinem Blick auf die Welt? Und was bleibt einmal von mir, wenn ich sterbe? Um solche Fragen ringen Philosophen seit Jahrtausenden, doch neuerdings leisten Hirnforscher ihnen Gesellschaft. Sie wollen sich einen neuen Zugang zu den alten Rätseln verschaffen, indem sie die Welt unter der Schädeldecke vermessen.

Thomas Metzinger ist auf beiden Gebieten zu Hause. Als Philosoph sucht er die Phänomene des Ichs und des Bewusstseins zu ergründen. Doch ebenso handeln seine Arbeiten von zufälligen Signalen im oberen Hirnstamm, denen wir unsere Träume verdanken, von der Entstehung des Körperempfindens, von Spiegelneuronen, die für das Mitgefühl verantwortlich sind. Metzinger gilt als einer der Pioniere der Neurophilosophie, die das traditionelle Nachdenken über den Menschen mit den Erkenntnissen der Hirnforschung verbinden möchten. Als solcher zählt er zu den wenigen deutschen Philosophen, die man auch international wahrnimmt; er hält Vorträge in der Wissenschaftsakademie in New York genauso wie beim Vatikan.

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Thomas Metzinger
Thomas Metzinger

geboren 1958, ist Professor für Philosophie an der Universität Mainz. Er beschäftigt sich mit Fragen der Ethik und des Bewusstseins. In dem Buch Der Ego-Tunnel (2009) erklärt er seine These, das Ich sei nur eine Illusion.

Metzinger, der im Hunsrück lebt, arbeitet an der Mainzer Universität. Er führt mich in eine Dönerbude auf dem Campus, aber die bereitstehenden Fleischberge rührt mein Gastgeber nicht an. Er sei Vegetarier seit dem 18. Lebensjahr, trinke auch keinen Alkohol. Neben seiner Spezialität, der Philosophie des Geistes, beschäftigt er sich mit Ethik, interessiert sich aber ebenso für Klarträume, bei denen der Mensch sich bewusst ist, dass er träumt, und für Meditation.

ZEITmagazin: Professor Metzinger, Sie haben etwas erlebt, worum ich Sie beneide: Sie haben von außerkörperlichen Erfahrungen berichtet.

Thomas Metzinger: Das war Anfang der achtziger Jahre. Ich lebte damals in einer einsamen Mühle bei Limburg und schrieb an meiner Doktorarbeit. Eines Nachts etwa, als ich im Bett lag, meinte ich aus meinem Körper herauszuschweben. Ich begann sofort mit diesem Zustand zu experimentieren. Ich wanderte ein wenig im Zimmer herum, ging zum offenen Fenster und ließ meine Hände über den Fensterrahmen gleiten. Dann sprang ich durch das Fenster, fiel aber nicht hinunter, sondern begann, aufwärts zu schweben. Etwas später, zurück im Schlafzimmer, beschloss ich, zum Haus eines Freundes im 85 Kilometer entfernten Frankfurt zu fliegen und mich dort ein wenig umzusehen. Sofort wurde ich mit großer Geschwindigkeit vorwärts gerissen, durch die Schlafzimmerwand hindurch, und verlor das Bewusstsein. Als ich zu mir kam, hatte ich mich schon wieder in den physischen Körper eingeklinkt. Ich hatte solche Erlebnisse vielleicht sechs oder sieben Mal. 

ZEITmagazin: Und sie kamen Ihnen real vor?

Metzinger: So wirklich, wie Sie jetzt diesen Tisch vor sich sehen. Erst in zähen Diskussionen konnte eine Kollegin aus der Psychologie mich davon überzeugen, dass es keine echten Wahrnehmungen sein konnten. Leider sind mir seit vielen Jahren keine außerkörperlichen Erfahrungen mehr gelungen. Ich würde sehr viel dafür bezahlen, wieder welche zu haben.

Stefan Klein

geboren 1965, ist Biophysiker. Der Wissenschaftsautor hat die Bestseller Die Glücksformel und Zeit. Der Stoff, aus dem das Leben ist geschrieben. Zuletzt erschien von ihm Der Sinn des Gebens im Fischer Verlag.

ZEITmagazin: Was bedeuteten Ihnen diese Erfahrungen?

Metzinger: Erstens waren sie manchmal einfach sehr schön: Oft erlebt man ein großes Gefühl von Leichtigkeit und Befreiung. Zweitens waren sie natürlich auch philosophisch und wissenschaftlich interessant. Denn man kann mit den verschiedenen Schichten des Ich-Gefühls experimentieren, und zwar bei völliger geistiger Klarheit. Stellen Sie sich vor, nicht nur fliegen zu können, sondern auch ein Double Ihres eigenen Körpers zu haben. Oft meint man auch den physischen Körper von außen zu sehen oder ihn im Dunklen atmen zu hören, als wäre da noch eine zweite Person. Vielleicht haben Sie schon einmal eine Schlaflähmung erlebt? Sie wachen aus einem Traum auf, sind bei vollem Bewusstsein, gleichzeitig aber total bewegungsunfähig. 

ZEITmagazin: Es ist sehr erschreckend. Man ist wie tot.

Leserkommentare
  1. Es ist wirklich schade, da hat mal ein Wissenschaftler ein außerkörperliches Erlebnis und kommt dann - auf Grund des Zeitgeistes - zu so falschen Schlüssen.
    Die Seele kann tatsächliche Exkursionen außerhalb des Körpers unternehmen und zuverlässig die materielle Umgebung wahrnehmen. Monroe schildert das in seinen Büchern. Es wird aber auch immer wieder von anderen zweifelsfrei berichtet.
    Hier habe ich ein Erlebnis aus dem 19. Jahrhundert gefunden:
    "Ein Auswanderer nach Amerika besuchte Hahn bei einem Aufenthalt in Deutschland. Er meinte, Hahn solle ihn nun auch einmal in Amerika besuchen. Worauf der erwiderte, dass er im Geist bereits dort gewesen sei.
    Nun schilderte ihm genau das Aussehen seines Hauses und die Umgebung, auch die Einrichtung seiner Wohnung mit ihren Zimmern, Öfen und Möbeln. Auch sagte er ihm, welche Personen in welchen Zimmern schliefen." ( http://glaubeunderkenntnis.blogspot.com/2010/03/michael-hahn-ein-pietist... )
    Auch die [url=http://derteacher.blogspot.com/2011/02/auszuge-aus-nahtoderlebnissen.htm... beweisen, dass die Seele tatsächlich unabhängig vom Körper ist. Von den [url=http://geheimnisdesmenschen.blogspot.com/2008/10/die-wissenschaftliche-e... ganz zu schweigen.
    Mit der interdisziplinären Forschung scheint es noch nicht so recht zu klappen. Sonst würde man nicht Forschungsgelder verschleudern für Fragen, die längst befriedigend beantwortet sind.

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    Da zwei links nicht direkt angeklickt werden können, hier nochmals:
    Nahtoderlebnisse: http://derteacher.blogspot.com/2011/02/auszuge-aus-nahtoderlebnissen.html

    Reinkarnation: http://geheimnisdesmenschen.blogspot.com/2008/10/die-wissenschaftliche-e...

  2. Antwort auf "Wirklich schade..."
  3. Wie wahr, wie wahr und wunderlich!
    Wie kommt das eigentlich, dass die Wissenschaft so unfassbar intelligente Leute wie unseren Herr ersten Kommentator nicht mit Kusshand einladet?
    Immerhin braucht die wissenschaftliche Landschaft doch genau diese Raritäten, Personen die eben das alles schon wissen, was die Wissenschaft nicht herausfindet, egal wie sehr sie sich bemüht. Herr erster Kommentator, ich bin ebenso enttäuscht wie Sie über diese unmöglichen Verhältnisse, die dort vorherrschen. Das stelle sich doch mal einer vor!
    Da haben wir doch schon alles herausgefunden, aber keiner will es wissen!
    Eine Unverschämtheit!
    Mein Beileid, ich stehe vollkommen auf ihrer Seite, und wenn Sie einmal Zeit haben würde ich gerne aus ihrer unerschöpflichen Wissensquelle einen Tropfen Weisheit genießen,

    Ganz liebe Grüße
    Kommentator 2

    • genius1
    • 08. September 2011 12:43 Uhr

    Angenehm oder Unangenehm Überrascht, wenn es ein Leben nach dem Tod gäbe!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Angenehm oder unangenehm? -
    Aber unabhängig vom eigenen Verhältnis - was ist objektive Tatsache?
    Heute können wir mit völliger Gewissheit davon reden, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Die Fakten dazu sind überwältigend. Wenn das trotzdem noch nicht bis zu jedem Menschen durchgedrungen ist, liegt das daran, dass die Menschen mit ihren vielfältigen Interessen (z.B. viel Geld verdienen) ins Laufrad materialistischer Weltinterpretation und der damit verbundenen Notwendigkeit wissenschaftlich zu forschen verstrickt sind.
    Wenn man erst nimmt, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, fallen viele Forschungszweige und Berufe weg. Und auch noch manch`anderes. Also haben viele ein Interesse diese Wahrheit zu verleugnen.

    Sofern Sie Tatsachenbehauptungen veröffentlichen, bitten wir um Verweise auf eine entsprechende Quelle. Bitte vermeiden Sie Unterstellungen. Danke, die Redaktion/mo.

  4. Angenehm oder unangenehm? -
    Aber unabhängig vom eigenen Verhältnis - was ist objektive Tatsache?
    Heute können wir mit völliger Gewissheit davon reden, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Die Fakten dazu sind überwältigend. Wenn das trotzdem noch nicht bis zu jedem Menschen durchgedrungen ist, liegt das daran, dass die Menschen mit ihren vielfältigen Interessen (z.B. viel Geld verdienen) ins Laufrad materialistischer Weltinterpretation und der damit verbundenen Notwendigkeit wissenschaftlich zu forschen verstrickt sind.
    Wenn man erst nimmt, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, fallen viele Forschungszweige und Berufe weg. Und auch noch manch`anderes. Also haben viele ein Interesse diese Wahrheit zu verleugnen.

    Sofern Sie Tatsachenbehauptungen veröffentlichen, bitten wir um Verweise auf eine entsprechende Quelle. Bitte vermeiden Sie Unterstellungen. Danke, die Redaktion/mo.

    Antwort auf "Ich wäre"
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    • genius1
    • 09. September 2011 8:27 Uhr

    Komme ich in den Himmel oder in die Hölle. Ich Bevorzuge die Hölle, da sind die Frauen Hübscher! Achtung - Ironie.

    • genius1
    • 09. September 2011 8:27 Uhr

    Komme ich in den Himmel oder in die Hölle. Ich Bevorzuge die Hölle, da sind die Frauen Hübscher! Achtung - Ironie.

    Antwort auf "Ja, was denn nun?"
  5. Ich finde es ermutigend, wie Thomas Metzinger sich den wohl wichtigsten Fragen im Leben stellt. Selbsttäuschung als Aufhänger zu wählen finde ich gelungen. Persönlich hatte ich bislang Selbstlüge gewählt, aber das würde eigentlich voraussetzen, Wahrheit zu kennen.

    Ich habe auch Erlebnisse gehabt, außerhalb des Körpers zu schweben, und kein Orgasmus oder anderes Erlebnis hat solch tiefe Glücksgefühle erzeugen können, diese unglaubliche Leichtigkeit des Seins. Der Zustand ließ sich allerdings weder erarbeiten noch erzwingen, er entstand spontan in Momenten von Klarheit und Hingabe, und vielleicht sagt das etwas über unseren natürlichen Seinszustand aus.

    Obwohl Herr Metzinger sich bemüht herauszufinden, was wahr ist, dürfte er wohl lediglich Antworten finden für das, was nicht wahr ist, und das ist doch gut so! Denn Wahrheit ist subjektiv, die Sinne nehmen nur etwas wahr, sie filtern und täuschen sich und den Geist in unterschiedlichem Grad. Nisargadatta und einige meiner Lehrer haben es schön formuliert: Du wirst nie wissen, wer du bist. Du kannst aber herausfinden, wer du nicht bist.

    [...]

    Gekürzt. Bitte beachten Sie, dass laut Netiquette das Profil für die Veröffentlichung des privaten Blogs vorgesehen ist. Danke. Die Redaktion/vn

    • essilu
    • 09. September 2011 19:08 Uhr

    ...mir wird kalt um's Herz und meiner Seele wird bange.
    Bei etwas genauerer Recherche habe ich im Zusammenhang mit dem Philosophen Thomas Metzinger gewisse Verknüpfungen entdeckt: Philosophie - Theologie - Hirnforschung - Neuroethik - Neuro-und Kognitionswissenschaften - Arzneimittelforschung, mit dem Ziel, durch Arzneimittel die kognitiven Fähigkeiten zu verbessern - Neue Technologien im Rahmen der Robotik...
    Es gab in meinem Leben Momente, da schwebte meine Seele über meinem Körper. Wie es dazu kam? Extreme Gewalt!
    Die im Interview behandelte Thematik erscheint mir emotional eiskalt. Reiner, kalter Intellekt - Kopf, und sonst "emotionales Brachland". Erschreckend! Zeitgeist.
    Das Interview erscheint gerade zeitlich passend zu dem anstehenden Papstbesuch in Deutschland!...
    Die Verknüpfung von Forschung (millionenschweres, von der EU aufgelegtes Forschungsprogramm), wo versucht wird, "das Ich-Gefühl in einen virtuellen Doppelgänger und langfristig sogar in Roboter zu überführen", läßt mich innerlich vor Angst erstarren. Wenn ich dann weiter überdenke, dass dies mit Philosophie, Theologie und Pharmaindustrie verknüpft ist, dann möchte ich flüchten.
    Ich empfinde mich als denk- und entscheidungsfähigen Menschen. Als Gesamtheit aus Körper, Geist und Seele. Mit einem freien Willen, ebenso wie mit Mitgefühl und Verantwortungsbewusstsein für mich und andere. Ich bin so "irdisch", aus beseeltem Fleisch und Blut.

    Eine Leserempfehlung

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