Wie komme ich zu meinem Blick auf die Welt? Und was bleibt einmal von mir, wenn ich sterbe? Um solche Fragen ringen Philosophen seit Jahrtausenden, doch neuerdings leisten Hirnforscher ihnen Gesellschaft. Sie wollen sich einen neuen Zugang zu den alten Rätseln verschaffen, indem sie die Welt unter der Schädeldecke vermessen.

Thomas Metzinger ist auf beiden Gebieten zu Hause. Als Philosoph sucht er die Phänomene des Ichs und des Bewusstseins zu ergründen. Doch ebenso handeln seine Arbeiten von zufälligen Signalen im oberen Hirnstamm, denen wir unsere Träume verdanken, von der Entstehung des Körperempfindens, von Spiegelneuronen, die für das Mitgefühl verantwortlich sind. Metzinger gilt als einer der Pioniere der Neurophilosophie, die das traditionelle Nachdenken über den Menschen mit den Erkenntnissen der Hirnforschung verbinden möchten. Als solcher zählt er zu den wenigen deutschen Philosophen, die man auch international wahrnimmt; er hält Vorträge in der Wissenschaftsakademie in New York genauso wie beim Vatikan.

Metzinger, der im Hunsrück lebt, arbeitet an der Mainzer Universität. Er führt mich in eine Dönerbude auf dem Campus, aber die bereitstehenden Fleischberge rührt mein Gastgeber nicht an. Er sei Vegetarier seit dem 18. Lebensjahr, trinke auch keinen Alkohol. Neben seiner Spezialität, der Philosophie des Geistes, beschäftigt er sich mit Ethik, interessiert sich aber ebenso für Klarträume, bei denen der Mensch sich bewusst ist, dass er träumt, und für Meditation.

ZEITmagazin: Professor Metzinger, Sie haben etwas erlebt, worum ich Sie beneide: Sie haben von außerkörperlichen Erfahrungen berichtet.

Thomas Metzinger: Das war Anfang der achtziger Jahre. Ich lebte damals in einer einsamen Mühle bei Limburg und schrieb an meiner Doktorarbeit. Eines Nachts etwa, als ich im Bett lag, meinte ich aus meinem Körper herauszuschweben. Ich begann sofort mit diesem Zustand zu experimentieren. Ich wanderte ein wenig im Zimmer herum, ging zum offenen Fenster und ließ meine Hände über den Fensterrahmen gleiten. Dann sprang ich durch das Fenster, fiel aber nicht hinunter, sondern begann, aufwärts zu schweben. Etwas später, zurück im Schlafzimmer, beschloss ich, zum Haus eines Freundes im 85 Kilometer entfernten Frankfurt zu fliegen und mich dort ein wenig umzusehen. Sofort wurde ich mit großer Geschwindigkeit vorwärts gerissen, durch die Schlafzimmerwand hindurch, und verlor das Bewusstsein. Als ich zu mir kam, hatte ich mich schon wieder in den physischen Körper eingeklinkt. Ich hatte solche Erlebnisse vielleicht sechs oder sieben Mal. 

ZEITmagazin: Und sie kamen Ihnen real vor?

Metzinger: So wirklich, wie Sie jetzt diesen Tisch vor sich sehen. Erst in zähen Diskussionen konnte eine Kollegin aus der Psychologie mich davon überzeugen, dass es keine echten Wahrnehmungen sein konnten. Leider sind mir seit vielen Jahren keine außerkörperlichen Erfahrungen mehr gelungen. Ich würde sehr viel dafür bezahlen, wieder welche zu haben.

ZEITmagazin: Was bedeuteten Ihnen diese Erfahrungen?

Metzinger: Erstens waren sie manchmal einfach sehr schön: Oft erlebt man ein großes Gefühl von Leichtigkeit und Befreiung. Zweitens waren sie natürlich auch philosophisch und wissenschaftlich interessant. Denn man kann mit den verschiedenen Schichten des Ich-Gefühls experimentieren, und zwar bei völliger geistiger Klarheit. Stellen Sie sich vor, nicht nur fliegen zu können, sondern auch ein Double Ihres eigenen Körpers zu haben. Oft meint man auch den physischen Körper von außen zu sehen oder ihn im Dunklen atmen zu hören, als wäre da noch eine zweite Person. Vielleicht haben Sie schon einmal eine Schlaflähmung erlebt? Sie wachen aus einem Traum auf, sind bei vollem Bewusstsein, gleichzeitig aber total bewegungsunfähig. 

ZEITmagazin: Es ist sehr erschreckend. Man ist wie tot.