Metzinger: Ja, ein schrecklicher Zustand. Aber wenn Sie dann die Nerven bewahren, sind Sie ganz nah an einer außerkörperlichen Erfahrung. Mit etwas Glück können Sie dann willentlich aus Ihrem Körper "austreten". Mich interessiert: Was ist das Selbst, das all diese Erfahrungen macht?

ZEITmagazin: Ihre Erzählung erinnert mich an die Geschichte der Auferstehung. Der Renaissancemaler Matthias Grünewald zeigte sie an seinem Isenheimer Altar als das Heraustreten eines schwebenden Lichtkörpers aus einer sterblichen Hülle.

Metzinger: Solche Vorstellungen finden wir in allen Kulturen. Die tibetischen Buddhisten sprechen von einem Diamantkörper, der Apostel Paulus vom geistlichen Leib, die hebräischen und arabischen Traditionen vom Ruach oder Ruh. Ich glaube, dass es solch einen "feinstofflichen" Körper tatsächlich gibt. Der "feine Stoff" besteht allerdings aus reiner Information: Es ist das innere Bild, das sich das Gehirn vom eigenen Organismus macht. Übrigens sind außerkörperliche Erfahrungen nicht sehr ungewöhnlich. Etwa jeder zehnte Mensch hat in seinem Leben schon einmal welche gemacht. Und vielleicht rührt die Idee einer unsterblichen Seele zum großen Teil genau daher, dass sich Menschen zu allen Zeiten und in allen Kulturen solche Erlebnisse erklären mussten.

ZEITmagazin: Ungewöhnlich ist allerdings, dass ein Philosoph sich mit solchen Erfahrungen befasst.

Metzinger: Leider. Persönliches Erleben kann enorm helfen, zu neuen Hypothesen über die Wirklichkeit zu gelangen. Wenn Sie sich dagegen nur auf abstraktes Wissen und Alltagserfahrung verlassen, wird der Rahmen Ihrer Vorstellungswelt leicht zu eng.

ZEITmagazin: Was brachte Sie auf die Idee, Philosoph zu werden?

Metzinger: Oberflächlichkeit war für mich nie eine Option, vielleicht, weil ich als Kind viel krank war. Schon als Heranwachsender dachte ich, dass man ganz am Anfang des Lebens erst einmal die Grundfragen klären muss. So schrieb ich mich zum Entsetzen meiner Eltern an der Frankfurter Uni in Philosophie ein. Dann fing ich Feuer für das Leib-Seele-Problem...

ZEITmagazin: ...das Rätsel, ob unser Innenleben nichts weiter ist als das Spiel von Molekülen im Gehirn – oder doch etwas ganz anderes.

Metzinger: Diese Frage ließ mich nie mehr los. Wie wirkt das Gehirn auf den Geist, wie der Geist auf das Gehirn? Ich bin das Problem allerdings auf zwei Ebenen gleichzeitig angegangen – meine Magisterarbeit trug den Titel Rationalität und Mystik.

ZEITmagazin: Sie waren im deutschen Sprachraum einer der Ersten, die das Thema Bewusstsein neu aufgerollt haben. Das war mutig. Vor zwanzig Jahren gehörte es sich nicht für einen ernsthaften Wissenschaftler, darüber zu schreiben.

Metzinger: Damals hieß es, dieses Thema sei für die Forschung zu weich, weil es experimentell nicht zu behandeln sei. Aber so etwas ändert sich. Heute kann es sich kaum ein führendes Hirnforschungslabor mehr leisten, nichts über das Bewusstsein zu sagen. Vielleicht ist es gerade die Rolle der kritischen Philosophie, ihren Ruf zu riskieren. Sie soll Begriffe klären, Tabus wegräumen und damit neue Felder der Forschung zugänglich machen. Genauso ändern die Kollegen derzeit ihre Haltung zum Ich-Gefühl und der Innenperspektive als Gegenständen der harten Wissenschaft. Die EU hat gerade ein millionenschweres Forschungsprogramm aufgelegt, in dem wir versuchen werden, das Ich-Gefühl in einen virtuellen Doppelgänger und langfristig sogar in Roboter zu überführen.

ZEITmagazin: Wie das?

Metzinger: Ein erster Schritt ist uns schon 2007 gelungen. Eigentlich war das Experiment einfach. Ein Helfer streicht Ihnen über den Rücken, dabei werden Sie von hinten gefilmt. Dieses Videobild fügt ein Computer in das virtuelle Bild ein, das Sie durch eine 3-D-Brille sehen. Sie sehen sich also von hinten und schauen zu, wie Ihr Rücken gestreichelt wird. Nun empfinden Sie die Berührung nicht mehr in Ihrem wirklichen Leib, sondern im virtuellen Doppelgänger vor Ihren Augen. Das Ich-Gefühl springt in das zweite Körperbild hinüber.

ZEITmagazin: Insofern ähnelt das Erlebnis den Erfahrungen, die Sie als junger Mann gemacht haben. Allerdings sieht die Versuchsperson den Körper nicht wirklich von außen, sondern nur in der Videoprojektion.

Metzinger:Eben. Es ist keine echte außerkörperliche Erfahrung. Man schaut ja nicht aus den Augen des Doubles hinaus. Was wir auch noch nicht richtig simulieren können, ist die Erfahrung des Austritts – die könnte bei einem Yogi, nach einer Hirnverletzung oder während einer Operation auch sehr unterschiedlich sein. Mich selbst beispielsweise überfallen beim Experiment immer leichte Muskelzuckungen, sobald ich in den Avatar hineinzuschlüpfen versuche. Trotzdem bin ich auch ein bisschen stolz, dass ich als Philosoph etwas zu so einem Versuch beitragen konnte.

ZEITmagazin: Was versprechen Sie sich davon?

Metzinger: Mit solchen Experimenten können Hirnforscher die einzelnen Mechanismen untersuchen, durch die wir uns als ein einheitliches "Selbst" erleben.