ZEITmagazin: Aber dass Sie nun sich selbst als Thomas Metzinger empfinden...

Metzinger: ...ist nur die Folge einer Darstellung in meinem Gehirn, die ich aber gar nicht als solche erlebe. Und das ist in der Tat schwer zu glauben. Das elementare Ich-Gefühl ist ein Produkt der Evolution, es dient dem Überleben. Der Mechanismus ist gerade deswegen so erfolgreich, weil es uns so schwer fällt, ihn zu durchschauen. Und neuere Forschungen zeigen, dass es auch eine Evolution der Selbsttäuschung gibt. Es kann ausgesprochen nützlich sein, sich positive Illusionen zu machen. Zum Beispiel erleben alle Eltern die eigenen Kinder als überdurchschnittlich hübsch und intelligent.

ZEITmagazin: Im Fall meiner Kinder stimmt es zufällig schon.

Metzinger:Klar, Ihre sind besonders süß! Offenbar hat uns ein Hang zum Wahn in der Evolution erfolgreicher gemacht. Selbsttäuschung lässt uns besser bluffen und vergangene Niederlagen vergessen, sie erhöht Motivation und Selbstvertrauen. Genauso scheint es vorteilhaft zu sein, unbeirrbar an die eigene Unsterblichkeit zu glauben – oder eben das Selbst als Ding und nicht als Vorgang anzusehen.

ZEITmagazin: Und, was ist dagegen zu sagen?

Metzinger: Dass wir unter diesem Selbstmodell oft sehr leiden. Eigentlich ist es eine ziemlich perfide Erfindung von Mutter Natur. Denken Sie nur daran, wie verletzlich wir doch sind. Ständig versuchen wir, unser Selbstwertgefühl hochzuhalten, etwa in dem wir anderen die Anerkennung verweigern. Und es nutzt wenig, sich mit dem Verstand davon zu distanzieren: Sobald wir glauben, dass ein anderer Mensch uns missachtet, sind wir verletzt, wir verteidigen uns fast automatisch.

ZEITmagazin: Neuropsychologische Experimente zeigen, dass das Gehirn zwischen seelischem und körperlichem Schmerz kaum einen Unterschied macht. Wenn wir uns abgelehnt fühlen, kommen ganz ähnliche Gefühlsmechanismen in Gang, als quälte uns zum Beispiel eine blutende Wunde.

Metzinger: Ja, die Lust-Unlust-Bilanz im menschlichen Leben ist oft miserabel. Heute beginnen wir immerhin zu verstehen, warum. Aber auch dieses Wissen hat eben seinen Preis. Indem wir die innere Struktur unseres Ich-Gefühls zu erahnen beginnen, verlieren wir den naiven Glauben an die eigene Identität – und müssen erkennen, wie anfällig wir für Wahnsysteme aller Art sind. Manche Formen der Selbsttäuschung funktionieren nämlich nur in Gruppen richtig gut. So werden wir mit einer höchst unangenehmen Möglichkeit konfrontiert: Was uns eigentlich ausmacht, ist ein undurchschaubares und vergängliches Gewirr von Vorgängen.

ZEITmagazin: Das Aufwachen aus der Illusion ist ein altes Motiv der Mystiker. Die buddhistische Tradition lehrt, das Selbst sei ein Trugbild. Wir hätten keine Seele, keinen innersten Wesenskern. Die Befreiung liege in der Einsicht, dass die eigene Person dem ständigen Wandel unterworfen ist; real sei nur der Augenblick. Christliche Mystiker argumentieren ähnlich: Erst wenn wir uns nicht mehr an das eigene Ego klammerten, könnten wir uns einer umfassenderen Wirklichkeit nähern.

Metzinger: Die Mystiker haben sich oft der religiösen Begriffe ihrer jeweiligen Epoche bedient. Heute können wir vom Erbe ihrer spirituellen Praktiken lernen, uns aber von den Glaubenssystemen lösen. So könnte sich eine Form von Selbsterkenntnis ergeben, die unsere eingebaute Wahnhaftigkeit wenigstens mildert. Vielleicht gelangen wir so zu einem neuen, tieferen Verständnis des menschlichen Leidens.

ZEITmagazin: Das ist das Ziel der meisten Formen von Meditation.

Metzinger: Ja, und dadurch gelangen wir möglicherweise zu einer ganz anderen Art von Wissen über uns selbst.

ZEITmagazin: Aber woher wollen Sie wissen, dass Sie in der Meditation nicht wieder einer Selbsttäuschung erliegen?

Metzinger: Genau das ist tatsächlich das Problem: Wir können jederzeit einer unbemerkten Täuschung über das eigene Bewusstsein erliegen. Das hat die Neuropsychologie des 20. Jahrhunderts gezeigt.

ZEITmagazin: Mystiker berichten von der Erfahrung absoluter Gewissheit. Die spanische Karmelitin Teresa von Avila schrieb im 16. Jahrhundert: "Gott lässt sich im Inneren der Seele in einer Weise nieder, dass sie, wenn sie wieder zu sich kommt, durchaus nicht zweifeln kann, sie sei in Gott und Gott sei in ihr gewesen." So beeindruckend ich solche Schilderungen finde: Ich glaube nicht, dass für Außenstehende besonders viel daraus folgt. Ein Skeptiker kann sich immer auf den Standpunkt stellen, das Gewissheitserlebnis sei eben auch nur ein Erlebnis – und damit womöglich Illusion.

Metzinger: Natürlich. Wenn jemand einmal im Vollrausch rosa Mäuse gesehen hat, heißt das nicht, dass es auch rosa Mäuse gibt. Wenn jemand den lieben Gott oder das klare Urlicht der Leere gesehen hat, ist das kein Beweis dafür, dass sie existieren. Und aus einem Gewissheitserlebnis folgt mitnichten, dass den Betreffenden tatsächlich eine Erkenntnis beschert war. Deswegen brauchen wir ja die philosophische Erkenntnistheorie.