DIE ZEIT: Seit die Flugzeuge am 11. September die Twin Towers zum Einsturz gebracht haben, gibt es ein Loch in der Welt, das inzwischen eher größer als kleiner geworden ist. War der 11. September der Anfang vom Ende des kapitalistischen Westens?

Arundhati Roy: Es war der Beginn des Untergangs des amerikanischen Imperiums, der im Augenblick schneller und schneller voranschreitet. Schon immer sind Imperien aufgestiegen und gefallen. Aber noch nie war die Welt kulturell und ökonomisch so eng verbunden, dass der Sturz eines Imperiums alle anderen mitriss. Unsere gesamten Ideen davon, was zu einem zivilisierten Leben gehört, sind fraglich geworden.

ZEIT: Übertrifft das Ausmaß der augenblicklichen Krise das, was unsere Eltern und Großeltern erlebt haben, in deren Lebenszeit zwei Weltkriege stattgefunden haben?

Roy: Diese Generationen haben in Europa einen hohen Preis bezahlt. Aber ihre Welt spannte sich noch in einem übersichtlichen Begriffsfeld auf. Es ging um Faschismus, Sozialismus oder Demokratie. Wir befinden uns bereits jenseits dieses Feldes. Wir wissen nicht mehr, was unsere Träume sind und was wir unter Glück verstehen.

ZEIT: Vor zehn Jahren haben Sie einen berühmt gewordenen Essay geschrieben, darin verglichen Sie die Vereinigten Staaten mit al-Qaida und bezeichneten Bush und bin Laden als Doppelgänger.

Roy: Beide waren größenwahnsinnig. Beide waren überzeugt davon, dass die Welt so sein muss, wie sie das für richtig halten. Aber natürlich kann man einen Mann, der die ganze Welt unter Kontrolle hat, mit niemandem mehr vergleichen. Man kann sich nur vorstellen, dass beide, wären sie gleich mächtig, auch genauso zerstörerisch wären.

ZEIT: Sie würden diesen Essay also zehn Jahre danach noch einmal schreiben?

Roy: Ich würde ihn nicht verändern. Aber erweitern. Inzwischen wurde Afghanistan angegriffen, der Irak wurde angegriffen. Bushs Antwort auf 9/11 hat viele Menschen getötet, die nicht einmal wussten, dass es so etwas wie das World Trade Center gab. All das hat zu der Krise geführt, in der wir jetzt leben.

ZEIT: Was waren Ihre ersten Empfindungen, als Sie die Türme fallen sahen?

Roy: Die meisten Leute in meinem Teil der Welt waren nicht so geschockt wie die Menschen im Westen. Wir haben schon so viel Elend gesehen, so viel Gewalt. Wir haben nicht diese Idee von einem perfekten Leben, das nicht zerstört werden kann

ZEIT: Was hat sich in den zehn Jahren nach 9/11 in Ihrem Leben verändert? Ist die Krise des Kapitalismus in Ihrem Leben angekommen?

Roy: 1997 erschien mein Roman Der Gott der kleinen Dinge , und ich wurde diese indische Mittelklasseheldin. Dann fing ich an, meine politischen Essays zu schreiben, und dieselben Leute begannen mich zu hassen. Im Westen ging das noch durch, solange ich nur die Vorgänge in Indien kritisierte. Als ich meinen Essay Infinite Justice über Amerika schrieb, war mir klar, dass ich in fremdes Territorium vordrang. Aber es musste sein. Es war völlig durchsichtig, dass hinter diesem Gerede von Bush über den unendlichen Krieg zwischen dem Guten und dem Bösen eine ganze Industrie von Waffen und Geld steckte.