Kanalinseln: Rund gelaufen
Die Kanalinseln sind als Steuerparadiese bekannt. Man kann dort aber auch einfach himmlisch wandern – auf 185 Kilometern fünf Küsten entlang.
Am Kai von St. Aubin stehen ein paar Menschen und starren in der Dämmerung hinaus aufs graue Meer. Regen fällt dicht und schnurgerade. Die Gestalten am Kai tragen Kapuzen, manche halten sich Schirme über den Kopf, andere Ferngläser vor die Augen. Sie sprechen kaum miteinander, sie schauen alle in eine Richtung. Man könnte an einen Schiffbruch denken, es hat hier vor der Küste von Jersey schon viele gegeben. Aber dann wäre in den Hafenpubs die Stimmung nicht so unbeschwert. Vor ein paar Minuten stand ich auch noch am Tresen, mit einem Dunklen in der Hand – London Pride, süffiger als Guinness – mittendrin im aufgekratzten Durcheinander einer Bierbar am Samstagabend, versuchte etwas aufzuschnappen vom Konversationsgeschrei der vorwiegend jungen Männer – Sport, Finanzen, Frauen schienen ihre Themen zu sein. Sicher arbeiten viele in den Geldhäusern von Jerseys Hauptstadt St. Helier, nur ein paar Kilometer weiter. Jersey, Guernsey, die Steuerparadiese im Ärmelkanal, man hat davon gehört.
Nach dem Bier ging ich ein paar Schritte hinaus in den Regen, Luft schnappen vor dem Abendessen, und finde mich nun in dieser ganz anderen, still starrenden Szene wieder. Ich spreche ein älteres Paar unter einem Regenschirm an. Die beiden lächeln schwach: Nein, kein Schiffbruch. Da draußen sei bloß ein Wettschwimmen im Gang. Einmal rund um die Insel dort mit der alten Festung, ob ich die zwei kleinen Begleitboote sähe? Ja. Jetzt sehe ich auch bewegliche Punkte im Wasser, quälend langsam streben sie auf die Insel zu. "Unsere Tochter ist dabei", sagt die Frau. Mich fröstelt. Tragen sie wenigstens Neoprenanzüge? "Nein. Sind nicht erlaubt", sagt der Mann. Dann starren die Eltern wieder hinaus aufs Wasser, das der Regen kräuselt.
"Kanalschwimmer" , man hat schon davon gehört. Ich wünsche "Good luck for your daughter!" und gehe in ein Fischlokal nebenan, wo ich bei plaice, das ist Scholle, mit Spinat und Jersey Royals, das sind kleine neue Kartoffeln in der Schale, in dem Buch The Channel Island Way blättere. Sicher, man kann Inseln schwimmend umrunden. Es geht aber auch zu Fuß. Der neue Wanderführer beschreibt Küstenwege rings um die fünf Kanalinseln Jersey, Guernsey , Alderney, Sark und Herm. Seit Anfang des Jahres sind die Rundwege vollständig und durchmarkiert. In obiger Reihenfolge sind sie 77, 61, 22, 15 und 10 Kilometer lang. Macht zusammen 185 Kilometer. Ich habe zehn Tage Zeit. Mal sehen, wie weit die Füße tragen.
- Kanalinseln: Anreise
Von vielen deutschen Flughäfen gibt es Umsteigeflüge nach Jersey oder Guernsey via London, zum Beispiel mit British Airways. Zwischen den Inseln fahren mehrmals täglich Fährschiffe, selten allerdings nach Alderney. Dorthin verkehren kleine Flugzeuge von Guernsey aus
- Unterkunft
Auf allen fünf Inseln gibt es zahlreiche Hotels und preisgünstige B&B-Herbergen (Bed & Breakfast); Zimmer ab ca. 40 Euro. In einigen historischen Leuchttürmen, Festungen und Bunkern gibt es auch Unterkünfte für Selbstversorger (www.jerseyheritage.org/heritage-holiday-lets)
- Wandern
-
Geführte Wanderungen:
Auf allen Inseln buchbar; der Preis liegt bei etwa 200 Euro pro Tag für Gruppen von 10 bis 20 PersonenLiteratur
Wanderführer "The Channel Island Way" ist erhältlich bei allen Tourist-Infos, ca. 13 Euro - Währung
Die Kanalinseln haben ihre eigene Pfund-Währung. Diese ist im Wert identisch mit dem britischen Pfund, das auf den Inseln akzeptiert wird, allerdings nicht umgekehrt
- Auskunft
Für Jersey – www.jersey.com, für die übrigen Inseln – www.visitguernsey.com
Der Sonntagmorgen in St. Aubin ist grau, aber trocken, der hellblaue Himmel draußen über dem Meer verspricht Gutes. Auf der Strandpromenade nach St. Helier nutzen Läufer, Radler, Walker mit und ohne Hund die Freizeit zur körperlichen Selbstoptimierung. Eine junge Frau verschenkt wortlos Rosen an Entgegenkommende. Ich lächle freundlich, kriege aber keine – nur Frauen werden bedacht. Ein alter Mann arbeitet am Strand mit Schaufeln, Eimern und Wassersprühpumpe an einem viele Quadratmeter großen Kunstwerk ganz aus Sand: ein Haus, das Halbrelief eines Laubbaums, ein gekippter VW-Bus, an dem ein Mann sich festhält wie ein Ertrinkender. "Danke" und "Ich lebe davon" steht auf der Spendenbüchse daneben.







Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren