Schuldig sollten sich künftig diejenigen fühlen, die es den Eltern schwer machen, um (mehr) Geld zu verdienen: Vermarkter, die dafür sorgen, dass kein Kind einer Mangafigur entkommt. Werber, die immer subtilere Strategien für die Beeinflussung Minderjähriger ersinnen. Jeder, der Kinder gegen Eltern und Erwachsene aufhetzt. Hersteller von dick machenden Kinderlebensmitteln und von Bildschirmspielzeugen für Einjährige (so etwas gibt’s wirklich!). Softwarehäuser, die in die letzten werbefreien Räume drängen: in Kindergärten und Schulen. TV-Macher, die behaupten, wer seine Kinder nicht fernsehen lasse, der isoliere sie sozial.

Eine gedankliche Beweislastumkehr muss her: Wer mit Produkten für Kinder Geld verdienen will, steht moralisch in der Pflicht, plausible elterliche Bedenken gegen sie zu entkräften, besser noch, ihre Nützlichkeit nachzuweisen. So besitzen Eltern das natürliche Recht, Videospielen zu misstrauen, und es ist ihre Pflicht, die Spielzeit zu begrenzen, wenn sie beobachten, dass ihr Kind durch langes Spielen nervös, unkonzentriert oder antriebsschwach wird. Sie müssen nicht erst wissenschaftlich nachweisen, dass Spiele im Allgemeinen diesen Effekt haben.

Eltern müssen wieder sagen (und das auch glauben): Nicht die Kinder wissen immer, was am besten für sie ist. Auch nicht die Werber, die ihnen Wünsche einzugeben versuchen. Sondern die Menschen, die sie lieben und für sie verantwortlich sind.

Man könnte den Eltern helfen– wenn der politische Wille da wäre

Die Gesellschaft darf die Eltern mit der Ideologie und den Mechanismen der Güterwelt nicht allein lassen. Was die Kindheit bedroht, müssen alle zurückdrängen: etwa in Form einer Einschränkung von TV-Spots, die auf unter Zwölfjährige zielen. Denkbar wäre auch, auf Kinderwerbung eigens eine Steuer zu erheben. Aus den Einnahmen ließen sich öffentliche, nichtkommerzielle Kinderfreizeitangebote und wissenschaftlich unabhängige Medien- und Werbewirkungsforschung finanzieren.

Aus den USA stammt eine weitere interessante Idee: eine Offenlegungspflicht. Unternehmen oberhalb einer bestimmten Umsatzgrenze würden dazu verpflichtet, bei jedem Produkt für unter Zwölfjährige die Namen derer zu nennen, die dafür Marktforschung getrieben und die entsprechenden Werbemittel gestaltet haben. Außerdem müssten die Firmen all ihre Werbeformen deklarieren: Werben sie mit den Methoden des Product-Placement? Gibt es virales Marketing, bei dem Jugendliche gegen Geld als Schulhof-Trendsetter eingesetzt werden?

Der wichtigste Bereich, den es politisch vor der Werbe-Unterwanderung zu schützen gilt, sind Schulen und Kindergärten. Hier sind besonders die Kultusministerien gefragt – und müssen auf der Hut sein, welchen Unternehmen sie durch "Kooperationen" ein Siegel der Unbedenklichkeit geben. Ein Spielehersteller wie Nintendo hat im Klassenzimmer nichts zu suchen.

Es wäre erstrebenswert, wenn sich Medien verpflichteten, einen bestimmten Anteil ihrer Berichterstattung nichtkommerziellen, pädagogisch vernünftigen Freizeitangeboten zu widmen. Als Service für die Eltern; als Qualitätskontrolle und Existenzsicherung für Projekte, die meist auf öffentliche Förderung angewiesen sind.

Unternehmen stecken Unmengen in den Ausverkauf der Kindheit. Es ist die Aufgabe einer kritischen Öffentlichkeit, allen Betroffenen Raum für Widerspruch zu geben, etwa den Repräsentanten einer nichtkommerziellen Gegenkultur. Nicht wer den Einfluss der heimlichen Miterzieher kontrollieren will, darf hierzulande unter Druck geraten. Sondern derjenige, der einem Kind etwas verkaufen will, was es nicht braucht. Die Quittung bekommen wir sonst womöglich alle.

Der Feldversuch: Ziehen wir gerade dieunkreativste Generation aller Zeiten heran?

Der öffentliche Druck zum coolen Verhalten; die Verunsicherung der Eltern; der Raum, den elektronische Medien einnehmen: All dies verkürzt und verändert die Kindheit – und das kindliche Selbstverständnis. Die für ihre Entwicklung wichtige Zeit, in der Kinder sich noch mit völlig unprogrammierten Rollen- und Als-ob-Spielen beschäftigen können (und wollen), wird knapp. Und weitere einschränkende Faktoren kommen hinzu: etwa die enorme Menge überdeterminierter Spielsachen (wie Plastikhelme, die sogar das Reden übernehmen), die der Fantasie keinerlei Raum lassen. Man wird von ihnen kurz unterhalten – um sich dann lange zu langweilen. Diese Spielsachen nähren den Anspruch auf Dauerbespaßung ohne Eigeninitiative: "Mir ist so laaaangweilig", heißt es schon kurz nach dem Auspacken. Früher hätte man die Quengler einfach nach draußen geschickt: "Geht spielen." Heute kann man nicht in jedem Fall sicher sein, dass sie etwas mit sich anzufangen wüssten.

Kulturwissenschaftler sehen aber im unstrukturierten Kinderspiel die Vorstufe zu den späteren kulturellen Leistungen Erwachsener: Springen und Herumtoben werden zu Tanz und Sport, aus dem Spiel mit Bauklötzen erwachsen Kunst und Architektur, Rollenspiele sind Vorgänger von Literatur und Theater. Werden Kinder, denen die "mittlere Kindheit" gekappt wird, noch die Problemlösungskompetenz und Kreativität entwickeln können, die eine moderne, hochkomplexe Gesellschaft von ihren Bürgern, Arbeitnehmern, Unternehmern, Künstlern, Forschern und Politikern erhoffen muss? Wir sind mitten in einem Langzeitversuch, dessen Ergebnis wir erst in Jahrzehnten kennen werden.

Von Susanne Gaschke ist gerade das Buch Die verkaufte Kindheit erschienen (Pantheon-Verlag, 272 Seiten, 14,99 Euro)

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