Der Titel von Sibylle Lewitscharoffs neuem Roman lässt über seinen Gegenstand keinen Zweifel: Blumenberg . Es geht um den Philosophen Hans Blumenberg (1920 bis 1996). Auf dem Roman lastet mithin von der ersten Seite an die Verantwortung, sowohl die Bewunderer Blumenbergs als auch die Verehrer Sibylle Lewitscharoffs zufrieden stellen zu müssen.

Blumenberg ist ein stolzes Buch, weil es ablehnt, sich in die Karten schauen zu lassen. Es hält sich bedeckt, was seine Mission, Absicht oder Botschaft sein könnte. Die Art, wie Lewitscharoff ihre Themen anspielt, ist delikat – manchmal delikat bis an die Grenze der Unhörbarkeit. Der Leser muss also seine Ohren spitzen. Und sich zugleich einlassen auf eine Erzählform, die kaum irgendeinem Genre zuzuordnen ist. Anders gesagt, um das Problematische dieses kühnen Romans nicht zu verschweigen: Die Mittel, eine intellektuelle Physiognomie poetisch zu vergegenwärtigen, sind nicht unbedingt die Mittel, die einen Roman herkömmlicher Provenienz am Schnurren halten.

So what, möchte man sagen, dann lesen wir eben in Gottes Namen einen Roman nicht herkömmlicher Provenienz. Aber ist das Problem so leicht zu lösen? Durch bloße Kategorienanpassung?

Fangen wir mit Sibylle Lewitscharoffs stärkstem Zugriff an, der so kühn ist, dass man ständig fürchtet, dieser poetische Einfall könnte ins Affige kippen. Schon im ersten, sprachlich volltönenden Absatz blickt Hans Blumenberg zu nächtlicher Stunde in seinem Arbeitszimmer von seinem Diktiergerät auf und gewahrt einen Löwen, der nur wenige Schritte von seinem Schreibtisch entfernt auf dem Teppich liegt. Dazu muss man wissen: Blumenbergs Werk kreist immer wieder um die sowohl mythenbildende als auch erkenntnisstrukturierende Kraft von Metaphern und Bildern. Und eines der liebsten Bilder war ihm stets der Löwe, der König der Tiere. Einen solchen Löwen, dessen ikonografischer Reichtum Blumenbergs ganzes Entzücken war, setzt ihm Lewitscharoff nun also ins nächtliche Arbeitszimmer, sodass sich der Münsteraner Philosoph vorkommt wie Hieronymus im Gehäuse, dem ja auch ein zahmer Löwe bei der Titanenarbeit seiner Bibelübersetzung Gesellschaft leistete.

Das ist erst einmal sehr schön, fast eine Gnade: Den Inbegriff des eigenen Nachdenkens plötzlich verleiblicht vor sich zu haben, muss für einen Philosophen eine besondere Gunst sein. Es hat aber auch etwas Irritierendes, möglicherweise sogar Kompromittierendes. Wie soll ein Philosoph wie Blumenberg, der die "Legitimität der Neuzeit" verteidigt hat, mit dem so ganz und gar Unwahrscheinlichen einer Löwen-Epiphanie umgehen? Nun war Blumenberg allerdings nicht nur der Erzähler der Genesis der kopernikanischen Welt, er war zugleich religiös hochmusikalisch: Für alle Zwischentöne des theologischen Diskurses besaß er das absolute Gehör. Nichts trieb ihn so sehr um wie theologische Fragen. Und gerade solchen theologischen Fragen, die sich unter dem Druck des neuzeitlichen Rationalismus als reiner Märchenglaube erwiesen zu haben schienen, galt seine besondere reflexive Anhänglichkeit. Deshalb war zum Beispiel das Wunder für ihn durchaus Gegenstand des Nachdenkens.

Nun denn also: Mit dem Löwen steht Blumenberg ein Wunder ins Haus, und den bequemen Ausweg, die Löwenerscheinung einfach als Halluzination zu betrachten und nach dem Arzt zu rufen, gestattet er sich nicht. Trotzdem hat er, indem er diesen Löwen als Zimmernachbarn akzeptiert, ein Rationalitätsproblem, wer wollte das bestreiten? In Momenten des Zweifels fürchtet er: "Ich bin in einen Hinterhalt gelockt worden, dachte er, man hat mich mit einem fundamentalen Schwindel konfrontiert, um meine geistigen Kräfte zu testen." Er hat aber eine gute Erklärung: "Der Löwe ist zu mir gekommen, weil ich der letzte Philosoph bin, der ihn zu würdigen versteht, dachte Blumenberg."

Aber nicht nur für Blumenberg ist der Löwe eine Herausforderung, ebenso für Lewitscharoff. Auch sie wählt nicht den einfachen Ausweg, den Löwen zu einer Allegorie zu erklären. Sie verleiht dem Löwen sogar, indem sie ihm keine metaphorische Bedeutung zuweist, umso mehr reine Präsenz. Je selbstverständlicher der Löwe in Lewitscharoffs unerschrockener Prosa anwesend ist, desto kleinlicher erscheinen alle erkennungsdienstlichen Fragen nach seinem ontologischen Status. Der ungläubige Thomas musste erst seine Hand in Christi Wunde legen, um sich von der Wiederauferstehung des Herrn zu überzeugen. Blumenberg ahnt das Unschöne einer solchen Überprüfung und versagt sich deshalb die sogenannte "Handprobe": den Löwen zu streicheln...