In einem Migranten-Lager in einer Werft im Mittelmeerort Sidi Bilal (nahe Tripolis) © Daniel Berehulak/Getty Images

Man nennt uns Esel und hält uns noch immer für Sklaven. Die Menschen hier kennen das Gesetz der Menschlichkeit nicht. Nicht einmal das Gesetz Gottes kennen sie.« Amedi Doucomer sitzt auf einem Teppich unter dem Rumpf eines gestrandeten Holzschiffes am Quai von Mahya, einer Kleinstadt 27 Kilometer westlich der libyschen Hauptstadt Tripolis. Mit seinem neuen Leben kann er sich nicht abfinden. »Ich will dieses Land verlassen, die Lage ist unerträglich geworden«, sagt Doucomer. »Jeden Tag überfallen sie uns. Sie schlagen uns und nehmen unsere Frauen mit.«

Doucomer ist 26 Jahre alt, von Beruf ist er Maler. Vor sechs Jahren kam er nach Libyen. Für die Reise, sagt er, musste er einem Schlepper 500 Euro zahlen. Über Algerien brachte man ihn schließlich nach Libyen. Heute ist er einer von etwa tausend afrikanischen Migranten, die in einem verlassenen Marinestützpunkt der ehemaligen libyschen Armee in Mahya gestrandet sind. Libyschen Kriminellen und rachsüchtigen Rebellen, die jetzt die Straßen von Tripolis auf der Suche nach Schwarzen durchkämmen, sind die Einwanderer hilflos ausgeliefert. Von den Rebellen werden sie beschuldigt, als Söldner für Gadhafi gekämpft zu haben – pauschal und allzu oft ohne Grund.

Weitab von den ausgelassenen Feiern, die seit dem Ende des Gadhafi-Regimes Tag für Tag auf dem kürzlich umbenannten »Märtyrer-Platz« mitten in Tripolis stattfinden, stehen die afrikanischen Einwanderer für eine andere, dunklere Seite der libyschen Revolution. Zehntausende von ausländischen Gastarbeitern sind seit dem Ende der Kämpfe zu Opfern von Hetzjagden geworden.

Die Revolution ist noch jung. Selbst in Tripolis sind die Rebellen noch dabei, die letzten Gadhafi-Anhänger zu vertreiben. In dieser aufgeheizten Stimmung genügt oft schon ein abgelaufener Ausweis oder das Nicht-Vorhandensein eines libyschen Bürgen, damit ein schwarzafrikanischer Einwanderer in Schwierigkeiten gerät. Tausende sind in den vergangenen Wochen verhaftet worden.

Aus Angst vor den immer noch tobenden Kämpfen zwischen Rebellen und Gadhafi-Loyalisten sind immer mehr Schwarze zu der ehemaligen Marinebasis in Mahya gekommen, die früher einmal eine Ablegestelle für Flüchtlinge war, die in Libyen nur auf der Durchreise nach Italien Halt gemacht hatten. Doch statt wie erhofft Schutz vor den wütenden Rebellen zu finden, sind sie auch hier Übergriffen ausgesetzt. »Jedes Mal, wenn du das Haus verlässt, um Wasser oder Essen zu holen, tust du es auf eigene Gefahr«, sagt der 27-jährige Osas Omogidane, ein Mechaniker aus Nigeria.

Wenn man den Aussagen der afrikanischen Campbewohner Glauben schenken kann, dann hat der libysche Übergangsrat bisher nichts unternommen, um die Ausländer von Mahya zu schützen. Im Gegenteil, seit einiger Zeit kämen jeden Abend ein paar libysche Kämpfer zu den Docks, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Sie schössen in die Luft und schlügen wahllos um sich. Manchmal würden sie auch Frauen vergewaltigen.