Martenstein "Die feierliche Stimmung erinnert mich an meine Erstkommunion"

Unser Kolumnist über das Experiment Wählengehen

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In Berlin wird gewählt. Was Wahlen betrifft, bin ich gelassen. Ich gehe hin, aber mehr aus Gewohnheit. Ich mag den Geruch in den Wahlkabinen und die feierliche Stimmung, das erinnert mich an meine Erstkommunion. Seit ich das politische Leben beobachte, haben die Parteien aber nach den Wahlen immer etwas völlig anderes getan als das, was sie vor den Wahlen versprochen haben. Man weiß vorher nie, was kommt. Das Volk wählt SPD, und sie kürzen die Sozialleistungen. Das Volk wählt CDU, und sie schaffen die Atomkraftwerke ab. Das Volk wählt FDP, und die Steuern werden erhöht. Wenn aber die Grünen regieren, dann wird garantiert Stuttgart 21 gebaut und die neue Stadtautobahn kommt schneller. Zwischen den Wahlergebnissen und dem, was nach den Wahlen passiert, ist für mich keinerlei Zusammenhang erkennbar.

Seit einiger Zeit kann man im Internet die eigene politische Meinung wissenschaftlich ermitteln lassen. Es gibt einen Test namens »Wahl-O-Mat«. Der Wahlomat konfrontiert dich mit 38 politischen Aussagen, zu denen du »Ja«, »Nein« oder »Ist mir völlig egal« sagen kannst. Hinterher erfährst du, mit welcher Partei du am ehesten übereinstimmst. Bei mir ist es so: Ich bin tendenziell immer eher dafür, etwas zu erlauben, als dafür, etwas zu verbieten. Ich bin auch kein großer Freund von Steuererhöhungen, zumindest nicht bei mir persönlich. Deswegen kommt bei mir immer FDP heraus. Ich kriege dann die Wut, denn die meisten FDP-Politiker sind mir eher unsympathisch. Die haben so überhaupt nichts Kuscheliges an sich. Ich bin auch kein Karrierist, hoffe ich jedenfalls. Ich habe doch wohl Ecken und Kanten, lange Haare, nachlässige Kleidung und auch ein Herz. Ich spende, den Straßenmusikern und den Straßenzeitungsverkäufern gebe ich fast immer etwas. Ich kann dieses Wahlomat-Ergebnis nicht akzeptieren. Die Wissenschaft hat sich ja schon oft geirrt.

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Einmal habe ich mit dem Wahlomaten das Experiment durchgeführt, zu allen 38 Thesen einfach »Ja« zu sagen. Ich bin tatsächlich für fast alles. Trial and error! Ihr macht eh, was ihr wollt. Außerdem bin ich ein Typ, der schwer »Nein« sagen kann. Ich habe gesagt, ja, ich bin für das kommunale Wahlrecht von hier lebenden Ausländern. Ja, ich bin dafür, dass Migrantenfamilien kein Kindergeld mehr erhalten. Es ist widersprüchlich, okay, aber das Leben insgesamt ist bekanntlich ein einziges Bündel von Widersprüchen. Der Wahlomat sagte dann, das geht nicht, du musst auch mal »Nein« ankreuzen.

Also habe ich, um die FDP zu verhindern, als Erstes allen Steuererhöhungen zugestimmt. Her mit der City Tax, hoch mit der Grunderwerbssteuer. Das war politische Taktik. Außerdem habe ich, diesmal aus heiliger Überzeugung, die folgende These abgelehnt: »Härteres Vorgehen bei Verschmutzung durch Hundekot«. Abgelehnt habe ich auch diese These: »Der Alkoholkonsum auf öffentlichen Plätzen soll eingeschränkt werden«. Erstens trinke ich selber ganz gerne einen Schoppen, auch und gerade auf öffentlichen Plätzen. Zweitens wird in Berlin auf den öffentlichen Plätzen eher gekifft als getrunken. Drittens: Kein Alkohol, kein Hundekot, in meinen Augen wäre das keine Großstadt mehr. In Berlin stört mich außerdem das Erbrochene, das überall herumliegt, viel mehr als der Hundekot. Wischt erst mal das Erbrochene weg. Außerdem bin ich gegen noch mehr Frauenquoten und gegen das Wahlrecht ab 16 Jahren. Wer auf der Wahlparty keinen Alkohol trinken darf, der soll auch nicht wählen. Ergebnis: Offenbar bin ich ein Anhänger der Tierschutzpartei.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. ich finde den wahl-o-mat auch nicht sehr hilfreich, da wie bereits erwänht die parteien, vor der wahl sagen, was sie wollen. außerdem sind solche kurzen statements nicht so viel wert, wie eine fundierte erklärung dessen, was man anstrebt. auf der folgenden seite zum beispiel erhält man einen guten überlick über die positionen der fünf großen parteien bezüglich deren gesundheitspolitik: http://www.krankenversich...

  2. Ich bin dafür, das Wahlrecht bereits ab 14 Jahren einzuführen.
    Junge Menschen ab 14 werden in öffentlichen Verkehrsmitteln, im Kino (meistens schon mit 12 Jahren), in Jugendherbergen, im Flugzeug sowieso und in vielen anderen Bereichen des Alltags, wenn es ums Bezahlen geht, Erwachsenen gleichgesetzt. Wenn gleiche Pflichten, dann bitte auch gleiche Rechte für alle!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wahlrecht ab 14 da im Kino der gleiche Preis gezahlt werden muss?!?

    Eine Forderung die durch sich selbst ein absolut überzeugendes Argument GEGEN ein Wahlrecht ab 14 ist.

    Wahlrecht ab 14 da im Kino der gleiche Preis gezahlt werden muss?!?

    Eine Forderung die durch sich selbst ein absolut überzeugendes Argument GEGEN ein Wahlrecht ab 14 ist.

  3. Wahlrecht ab 14 da im Kino der gleiche Preis gezahlt werden muss?!?

    Eine Forderung die durch sich selbst ein absolut überzeugendes Argument GEGEN ein Wahlrecht ab 14 ist.

    Antwort auf "Wählen ab 14"
    • cayman
    • 09.09.2011 um 0:40 Uhr

    sehr geehrter lesekater.

    ich freue mich über deinen wunsch mitzugestalten. wahrscheinlich liest du auch mehr und besser als viel ü18 menschen, am ende machst du dir auch über vieles mehr einen kopf als andere. aber sei froh, dass du noch nicht wählen darfst. du wärest bitter traurig, was mit deiner stimme passiert. und mal als experiment: notiere deine gedanken und ansichten von heute, lege sie sie dann für ein paar Jahre auf die seite und betrachte sie in ein paar jahren nochmals. du wirst staunen, was mit deinen ansichten von damals passiert ist.
    und plane bitte keine jungpolitiker karriere, egal bei welcher partei: die semiprofessionellen heißsporne sind vor allem geil auf sich selbst.

  4. Das war nicht als Scherz eines Minderjährigen zu verstehen.
    Ich bin Vater zweier Töchter von 13 und 15 und wenn man dann mitbekommt wie die Kostenschraube immer weiter zugedreht wird, kommt man auf solche Gedanken.
    Es gibt ja schon einige Denkmodelle in denen die Wählerstimmen der Kinder auf die Eltern übertragen werden. Vielleicht auch einige Diskussionen wert.

    • Kometa
    • 09.09.2011 um 16:37 Uhr

    ... nein? Nicht "Anhänger der Tierschutzpartei" - Sondern? Der LSP: der Leser-Schutz-Partei? Als Gründer?

    • Corte
    • 12.09.2011 um 22:29 Uhr
    7. Bravo,

    die Kolumne hat mir sehr gut gefallen, sehr unterhaltsam!

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