Beschleunigen! So heißt der Titel jenes kleinen Magazins, das dem Geschäftsbericht der Metro-Gruppe beigelegt ist. Er klingt beschwörend – und passt zu den ehrgeizigen Plänen, mit denen Eckhard Cordes vor vier Jahren als Chef des Konzerns angetreten war. Ein Konzern, der aus vier großen Handelsgesellschaften besteht, der weltweit agiert und ein kleines Imperium bildet.

Für jedes einzelne Unternehmen hatte sich der neue Mann an der Spitze etwas ausgedacht: sanieren, expandieren, verkaufen oder an die Börse bringen. Doch statt etwas zu bewegen, ist Cordes aufgelaufen. Er musste in den vergangenen vier Jahren erfahren , dass die Realität sehr beharrlich sein kann; dass Taktik fehlschlägt, Gesellschafter opponieren, Alteigentümer blockieren oder Menschen einfach nicht mitziehen.

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Cordes ist schwer unter Druck geraten: Sein Vertrag läuft im Herbst 2012 aus. Aber schon im November dieses Jahres wird der Aufsichtsrat wahrscheinlich darüber befinden, ob Cordes an der Spitze des Unternehmens bleiben soll. In den vergangenen Tagen mehrten sich die Gerüchte, dass seine Zeit bei der Metro zu Ende geht. Er selbst gab sich zu Beginn der vergangenen Woche* im Gespräch mit der ZEIT noch gelassen: »Als Vorstandsvorsitzender wird man auch dafür bezahlt, die Pfeile auf sich zu ziehen. Dieser Auseinandersetzung weiche ich auch nicht aus. Weglaufen zählt nicht.« Etwas später im Gespräch klingt er schon nachdenklicher: »Jungen Studenten erzähle ich immer, man soll sich nicht über seinen Job definieren, denn dann verliert man seine Unabhängigkeit.«

Noch vor wenigen Monaten konnte er in gewohnter Selbstsicherheit verkünden, dass die Metro Group im Jahr 2010 deutlich bessere Geschäfte gemacht hatte als zuvor: Mit 67,3 Milliarden Euro Umsatz fuhr der Konzern einen stattlichen Gewinn von rund einer Milliarde Euro ein. Doch wenig später liefen die Dinge nicht mehr rund. Für das laufende Jahr musste die Prognose für den Umsatz nach unten korrigiert werden. Der Wert der Metro-Aktie lahmt bei 30 Euro. Er lag schon mal doppelt so hoch.

So etwas kommt schlecht an bei den Aktionären, zu denen mächtige Familienclans gehören. Doch die Hoffnung auf eine gute Rendite ist für sie das eine. Das andere: Bloß nicht in die Schlagzeilen geraten! Aber ausgerechnet davon produziert Cordes seit Neuestem mehr als genug. Dazu trägt vor allem der Streit mit einem der Altgesellschafter bei: mit Erich Kellerhals, dem Gründer der zum Konzern gehörenden Media-Märkte. Plötzlich ist nur noch von Machtgerangel und sogar von Schlammschlachten die Rede. Das wirft ein schlechtes Licht auf die gesamte Metro, die über Jahrzehnte ein Aushängeschild der deutschen Wirtschaft war.

Die Geschichte des inzwischen drittgrößten Handelskonzerns der Welt begann Mitte der sechziger Jahre, als es für Großhändler üblich war, Gewerbetreibende gegen Rechnung und mit eigenem Lkw zu beliefern. Ein paar junge Männer aus dem Ruhrgebiet versuchten die Sache anders zu organisieren, sie importierten die amerikanische Idee des »cash and carry«. In Essen eröffnete Wilhelm Schmidt-Ruthenbeck einen ersten Großmarkt mit Selbstbedienung und Barzahlung. Hinzu gesellte sich Otto Beisheim, der die Geschäftsführung der Märkte übernahm und fortan als Vater der Metro galt. Er war es auch, der – im Flugzeug bei einer Dienstreise nach Berlin – einen Vertreter des traditionsreichen Industriellenclans Haniel für die neue Idee gewann. Die Duisburger suchten gerade eine Geldanlage und stiegen ein. Schon bald war die Metro in fast ganz Deutschland und in vielen Nachbarstaaten präsent.

In den Jahrzehnten danach entdeckten die Händler auch den normalen Konsumenten. Bundesweit kauften und gründeten sie Verbrauchermärkte. So entstand jene Kette, die heute Real heißt. Den größten Coup landete Beisheim, als es ihm 1980 gelang, einen Anteil am Kaufhof zu erwerben. Jahrelange Kartellprozesse folgten, bevor er es schaffte, die Warenhäuser und die dazugehörigen Elektronikmärkte zu integrieren: Saturn gehörte von Anfang an zum Kaufhof, die Media-Märkte hatte Erich Kellerhals beigesteuert. Mit dem Kaufhof tat er sich seinerzeit zusammen, um die weitere Expansion abzusichern.